Wirtschaft

„Goliath gegen David“

Welchen Nutzen die Globalisierung für die Versicherten hat

Jörg Geller, stv. Vorstandsvorsitzender der Kohl Medical AG und Geschäftsführer der kohlpharma GmbH

In meinem Geburtsjahr 1962 galt Deutschland noch als „Apotheke der Welt“. Konzerne wie Bayer, Merck, Boehringer Ingelheim und viele weitere mittelständische Unternehmen forschten und produzierten in Deutschland – für Deutschland und den Weltmarkt. Seither hat sich ­vieles geändert. Das Stichwort heißt Globalisierung.

Ansprüche an Shareholdervalue und zunehmender Kostendruck zwingen produzierende Unternehmen in allen Branchen, sich neu zu organisieren. Die richtige Strategie ist nicht mehr, an einem Standort zu forschen und zu produzieren. Geht es zum Beispiel um Forschung, so stellen sich mehrere Fragen: Wo finde ich die qualifiziertesten Forscher? Oder wo ist das regulatorische Umfeld am angenehmsten, d. h. wo gibt es die geringste Einschränkung für Forschung und die höchste finanzielle Förderung?

Leider ist Deutschland heute nicht mehr die Antwort auf all diese ­Fragen. Somit ist pharmazeutische Forschung schon lange aus unserem Land abgewandert und wird wohl nur schwer zurückzugewinnen sein.

Ähnlich verhält es sich mit der Produktion. Umweltvorgaben und Personalkosten sind nur zwei Beispiele, warum die Produktion von Arzneimitteln heute in der Regel nicht mehr in unserem Land stattfindet. Deutschland war aber immer und ist im Wesentlichen bis heute ein Land, das zumindest bei patentgeschützten Präparaten bereit ist, einen höheren Preis zu zahlen, als viele euro­päische Nachbarn.

Als 1975 mit Eurimpharm der erste Importeur sein Geschäft startete, sprach man meist von Re-Import und meinte damit, dass in Deutschland produzierte Präparate in ein anderes EU-Land exportiert und dort durch den Importeur günstig eingekauft wurden, um nach Zulassung und Umkennzeichnung auf dem deutschen Markt günstiger angeboten zu werden.

Heute stellt der Re-Import mit knapp zehn Prozent Anteil am gesamten Import-Arzneimittelmarkt die Ausnahme dar. Die Regel mit knapp über 90 Prozent Anteil ist der Parallel-Import. Hersteller und Importeur bringen parallel zueinander die Präparate aus dem Ausland nach Deutschland.

Wie kam es zu dieser Veränderung? Die sogenannten „forschenden Pharmaunternehmen“ erwecken mit dieser Namensgebung zumindest bei Patienten ohne besondere Detailkenntnis den Eindruck, als würde noch immer Forschung und Produktion dieser Unternehmen in Deutschland stattfinden. Tatsächlich sind die deutschen Gesellschaften dieser multinationalen Konzerne oft lediglich Vertriebsgesellschaften, die die in Deutschland vertriebenen Präparate genau wie der Importeur aus dem Ausland beziehen. Dabei haben die Hersteller den Wirkstoff vielleicht aus China und die Hilfsstoffe aus Indien und Israel bezogen. Die Tabletten wurden beispielsweise steuergünstig in Irland gepresst und in Spanien verblistert und verpackt.

Letztlich macht der heutige Importeur nichts anderes als der Hersteller es bereits auf einer anderen Ebene getan hat. Er sucht nach günstigeren Einkaufsmöglichkeiten im EU-Ausland.

Der Pharmastandort Deutschland ist im Großen und Ganzen also ein Vertriebsstandort. Das gilt umso mehr, als nach Einführung der Rabattverträge die bis dahin in Deutschland aktive mittelständische Generikaindustrie dem Beispiel der Großen folgen musste. Es gibt keine Rechtfertigung, dass deutsche Krankenversicherungen einen Premium-Preis über dem Niveau anderer europäischer Märkte zahlen müssen. Nur die Arzneimittel-Importeure können nationale Preisstrategien multinationaler Hersteller unterlaufen und die Kostenträger in die Lage versetzen, den Nutzen der Globalisierung auch für ihre Versicherten zu nutzen. Deshalb wird der Arzneimittel-Import von den Herstellern seit 1975 bekämpft. Auch wenn das immer ein Kampf des Goliath gegen den David war, hat getreu dem biblischen Beispiel bislang immer David gewonnen. Möge es im Sinne unseres Solidarsystems so bleiben!

Foto: Kohlpharma

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