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Scheinfirmen und Intransparenz

ARD-Magazin Kontraste veröffentlicht neue Enthüllungen zum Lunapharm-Skandal

bj | Mitte Juli berichtete das ARD-Magazin Kontraste erstmals über den Lunapharm-Skandal. Seither kommen stückchenweise neue Erkenntnisse über den Brandenburger Händler ans Tageslicht: So hat die Staatsanwaltschaft Potsdam ihre Ermittlungen auf Geschäftspartner von Lunapharm in Hessen ausgeweitet. Nach Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums stehen die Brandenburgischen Behörden zudem mit Behörden aus Großbritannien, Lettland, Polen, Italien, ­Zypern, Niederlande, Frankreich und Griechenland in Kontakt.

Nun präsentierte das ARD-Magazin in der Sendung vom 12. Oktober ein Dokument der europäischen Arzneimittelbehörde (EMA), das ein internationales kriminelles Netzwerk beschreibt – mit dem Brandenburger Händler als Zentrum. Ähnlich wie bei einer Landkarte bildet das Papier die komplexen Lieferwege eines mutmaßlich kriminellen ­europaweiten Händlernetzwerkes ab. Im Zentrum ist der Brandenburger Händler Lunapharm eingezeichnet. Das Diagramm zeichnet sich durch verwirrende Lieferwege und mangelnde Transparenz aus. So werden etwa die zypriotische Firma Gnomon und der bulgarische Händler Lemimed als Handelspartner von Lunapharm genannt. Recherchen des Senders zufolge handelte es sich dabei um Scheinunternehmen, die unter der jeweils angegebenen Postadresse physikalisch nicht aufzufinden gewesen sein sollen. Außerdem soll laut dem Dokument Lunapharm unter anderem den slowakischen Händler Propharma beliefert haben. Der eingezeichnete Handelsweg verläuft dabei im Kreis: So soll der Händler Propharma an das in Bonn ansässige Unternehmen NMG-Pharma geliefert haben und NMG wiederum zurück an Lunapharm.

Fotos: Screenshot ARD Kontraste; DAZ/Sucker
Illegale Lieferwege rund um den Brandenburger Pharmahändler Lunapharm, wie sie die EMA vermutet, wurden im Dokument als rote Pfeile dargestellt.

Die Anfragen von Kontraste bei Propharma und NMG liefen laut der Sendung ins Leere. Das bisher relativ unbekannte Unternehmen NMG-Pharma tauchte seit Bekanntwerden des Skandals immer mal wieder in Medienberichten auf. So musste der Bonner Händler mehrfach Arzneimittel „wegen Unstimmigkeiten in der Lieferkette“ zurückrufen. Außerdem haben nach Bekanntwerden des Skandals acht von elf Krankenkassen, die Rabattverträge mit NMG abgeschlossen hatten, ihre Verträge gekündigt. Eine, die weiterhin zu NMG steht, ist die Barmer. Ende September hatte ein Sprecher erklärt, die Barmer werde sogar einen weiteren Rabattvertrag über den Wirkstoff Goserelin mit NMG abschließen. Man sehe „keine rechtlichen Gründe“, die NMG Pharma von den Open-House-Verfahren auszuschließen, so der Barmer-Sprecher. Die Bezirksregierung Köln, die für die Überwachung von NMG zuständig ist, sprach dagegen vor einigen Tagen von „laufenden und möglicherweise anstehenden staatsanwaltlichen Verfahren“ gegen das Bonner Unternehmen. Im Sendungsbeitrag wurde den Zuschauern auch die sogenannte Importförderklausel erläutert, die die komplexen Lieferwege fördere. Diese Regelung wird von der Apothekerschaft seit Längerem abgelehnt – unter anderem von Apotheker Franz Stadler, der vor Kurzem Kollegen aufrief, keine Importarzneimittel mehr abzugeben. Der Pharmazeut aus dem bayerischen Erding erklärte in der Sendung, dass sich durch die Quote ein großes Patientenrisiko ergebe. Es sei doch nicht notwendig, dass temperaturempfindliche Medikamente drei- bis viermal umgepackt und über verschiedene Ländergrenzen transportiert werden müssten, so Stadler.

Eurim Pharma und Kohl Pharma sind gegen Stadler mit Unterlassungserklärungen vorgegangen. Der Apotheker solle sich künftig nicht mehr öffentlich zu Risiken durch Importarzneimittel äußern, sonst würden ihm ­vierstellige Vertragsstrafen drohen. „Das finde ich ein starkes Stück“, ­sagte Stadler in der Sendung. |

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