Arzneimittel und Therapie

Hochbetagte profitieren nicht von Statinen ...

… es sei denn sie leiden unter Diabetes

Auch bei Älteren werden häufig Statine eingesetzt, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken. Doch ist das in dieser Altersgruppe überhaupt sinnvoll? Anhand einer retrospektiven Kohortenstudie wurde nun untersucht, ob Menschen über 75 Jahre von einer Statintherapie profitieren.

Die Effektivität von Statinen in der Sekundärprävention, wenn also bereits ein Herzinfarkt oder Schlaganfall aufgetreten ist, ist auch bei älteren Patienten gut belegt. In der Primärprävention ist die Datenlage jedoch weniger eindeutig, vor allem da Personen über 65 Jahre häufig von prospektiven Studien ausgeschlossen werden. Daher sind die Leitlinienempfehlungen zur Lipidtherapie bei älteren Personen recht uneinheitlich. In Großbritannien empfiehlt das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) Statine zur Primärprävention bei Personen bis 84 Jahren. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie hingegen empfiehlt Statine nur bis 65 Jahre, und laut der American Heart Association ist der Einsatz bis zu einem Alter von 75 Jahren sinnvoll.

In einer retrospektiven Kohorten­studie wurden nun Krankenakten von 46.864 spanischen Patienten mit einem Mindestalter von 75 Jahren ausgewertet. Davon hatten 7502 Patienten (16%) zwischen 2006 und 2007 erstmals ein Statin verordnet bekommen.

Subgruppen analysiert

Um die Statintherapie in der Primärprävention zu bewerten, wurden nur Daten von Personen berücksichtigt, die keine kardiovaskulären Ereignisse in der Vorgeschichte hatten. Knapp 17% der Patienten litten an Diabetes mellitus Typ 2. Der mediane Beobachtungszeitraum betrug 5,7 Jahre. Um den Nutzen einer Statintherapie zu untersuchen, wurden die Patienten nach Alter (75 bis 84 Jahre bzw. ≥ 85 Jahre) und Vorliegen eines Typ-2-­Diabetes gruppiert.

Multimodale ­Diabetestherapie

Bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 sollten alle Risikofaktoren im Rahmen einer multimodalen Therapie adäquat behandelt werden. Wie wichtig eine gute Einstellung ist, zeigte erst kürzlich eine Studie, welche im New England Journal of Medicine erschien. So haben Menschen mit Typ-2-Diabetes eine ähnliche Lebenserwartung wie Menschen ohne Diabetes, wenn es gelingt, relevante Risikofaktoren (HbA1c, LDL-Cholesterol, Albuminurie, Rauchen, Hypertonie) im Zielbereich zu halten. Für die verschiedenen Risikofaktoren sieht die Nationale Versorgungsleitlinie folgende Zielwerte vor:

  • Nüchtern-/präprandiale Plasma­glucose: 100 bis 125 mg/dl (5,6 bis 6,9 mmol/l)
  • postprandiale Plasmaglucose: 140 bis 199 mg/dl (7,8 bis 11,0 mmol/l)
  • HbA1c: 6,5 bis 7,5% (48 bis 58 mmol/mol)
  • Lipide: LDL-Cholesterol < 100 mg/dl (< 2,6 mmol/l) oder Strategie der festen Statindosis
  • Körpergewicht: 5% Reduktion bei Body-Mass-Index (BMI) 27 bis 35 kg/m2; > 10% Reduktion bei BMI > 35 kg/m2
  • systol. Blutdruck: < 140 mmHg
  • diastol. Blutdruck: 80 mmHg

Nutzen bei Diabetikern unter 85 Jahren

In der Gruppe der 75- bis 84-Jährigen ohne Typ-2-Diabetes konnte kein Nutzen einer Statintherapie festgestellt werden. Die Hazard-Ratio (HR) für atherosklerotische Herz-Kreislauf-­Erkrankungen betrug 0,94 (95%-Konfidenzintervall [KI] 0,86 bis 1,04). Auch die Gesamtmortalität konnte nicht signifikant gesenkt werden (HR 0,98; 95%-KI 0,91 bis 1,05). Ebenso wenig profitierten Personen ab 85 Jahren ohne Typ-2-Diabetes von der Statin­therapie. Anders stellte es sich bei den Hochbetagten mit Typ-2-Diabetes dar. Diese profitierten bis zu einem gewissen Alter von der Statintherapie und erlitten seltener Herzinfarkte und Schlaganfälle. So traten bei Personen zwischen 75 und 84 Jahren mit Typ-2-Diabetes unter Statinen weniger atherosklerotische Erkrankungen auf (HR 0,76; 95%-KI 0,65 bis 0,89). Auch die Gesamtmortalität war im Vergleich zu Personen, die keine Statine einnahmen, geringer (HR 0,84; 95%-KI 0,75 bis 0,94). Daraus ergibt sich, dass 164 Personen ein Jahr lang behandelt werden müssen, um einen Fall von atherosklerotischer Herzerkrankung zu verhindern bzw. 306 Personen, um einen Todesfall zu vermeiden. Bei den Patienten, die 85 Jahre oder älter waren und unter Typ-2-Diabetes litten, hatte eine Statintherapie jedoch keinen Vorteil mehr. Bereits ab einem Alter von 82 Jahren sank der positive Effekt der Statine auch bei den Diabetespatienten und war im Alter von 88 Jahren ganz verschwunden.

Fazit

Hochbetagten Menschen nützt eine Statintherapie in der Primärprävention, wenn sie an Typ-2-Diabetes leiden. Allerdings profitieren nur Personen bis 84 Jahre von der Therapie. |

Quelle

Ramos R et al. Statins for primary prevention of cardiovascular events and mortality in old and very old adults with and without type 2 diabetes: retrospective cohort study. BMJ 2018; 362:k3359

Rawshani A et al. Risk factors, mortality, and cardiovascular outcomes in patients with type 2 diabetes. N Engl J Med 2018;379(7):633-644

Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale Versorgungsleitlinie Therapie des Typ-2-Diabetes – Langfassung, 1. Auflage. Version 4, 2013; Gültigkeit abgelaufen, wird überprüft

Apothekerin Dr. Karin Schmiedel

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