Aus den Ländern

„Fundamentalkritik allein reicht nicht“

Apothekerforum Brandenburg: AVB-Vorsitzender lobt konstruktive Arbeit in DAV und ABDA, aber ...

NEUHARDENBERG (ks/bj) | Seit einem Jahr ist Olaf Behrendt Vorsitzender des Landesapothekerverbands Brandenburg (AVB). Bei der Mitgliederversammlung am vergangenen Samstag in Neuhardenberg zog er eine erste Bilanz: Es war ein ereignisreiches Jahr, in dem allerdings das Gezerre um die Impfstoffversorgung im Nordosten viele Ressourcen verschlang. Am Vortag der Mitgliederversammlung stand mit dem Apothekerforum Brandenburg Fortbildung auf dem Programm.

In seinem Bericht vor der Mitgliederversammlung ging Behrendt zunächst auf die personellen Neuerungen im Verband ein. Er selbst hatte sein Amt vor einem Jahr von Andrea Lorenz übernommen, die den Verband 18 Jahre geführt hatte. Und auch im übrigen Vorstand gab es Veränderungen, ebenso in der Geschäftsführung. So hat Michael Klauß den AVB Ende vergangenen Jahres verlassen und den Staffenstab an Thomas Baumgart übergeben – seit 1. Juli 1993 hatte Klauß den Geschäftsführerposten inne. Behrendt betonte, die Zusammenarbeit im Verband sei auch in dieser wechselhaften Zeit konstruktiv verlaufen. Das Gleiche gelte für die Zusammenarbeit mit der Landesapothekerkammer Brandenburg und deren Präsidenten Jens Dobbert. In den vergangenen Jahren gab es durchaus Spannungen zwischen den beiden Brandenburger Organisationen – vor allem um ihr einst gemeinsames Apothekerhaus. Doch seit Anfang 2017 ist die räumliche Trennung vollzogen – und beide Seiten sind gewillt, Probleme der Vergangenheit hinter sich zu lassen. „Wir wollten keine Reset-Taste drücken, sondern einen Neuanfang“, erklärte Behrendt mit Blick auf ein Treffen mit Dobbert Ende vergangenen Jahres. Die Zukunft stehe nun im Fokus, nicht die Vergangenheitsbewältigung.

Foto: AV Brandenburg
Zwei Tage gespanntes Zuhören und Diskutieren beim Apothekerforum Brandenburg und der AVB-Mitgliederversammlung.

Verständnis für Schmidt und Becker

Behrendt berichtete zudem von der Arbeit aus den Gremien von DAV und ABDA. Nach einem Jahr habe er den Eindruck, dass diese kollegial, aber auch kritisch laufe. Er zeigt Verständnis, dass es für DAV-Chef Fritz Becker und ABDA-Präsident Friedemann Schmidt nicht leicht sei, so viele Mitgliedsorganisationen unter einen Hut zu bekommen. Es gelinge ihnen aber recht gut. Behrendt sieht es auch nicht als Vorwurf, wenn es heiße, Schmidt „moderiere“ nur. Denn Moderatoren-Fähigkeiten, so der AVB-Chef, müsse man in dieser Position wirklich haben. Behrendt betonte ferner, dass Kritik an der Arbeit der ABDA „okay“ sei – allerdings würde er dann gerne auch andere Vorschläge hören. „Nur Fundamentalkritik und sagen, was alles nicht geht, funktioniert nicht.“

Was die konkrete Verbandsarbeit im vergangenen Jahr betrifft, so betonte der AVB-Vorsitzende zunächst auch die gute Zusammenarbeit mit anderen Verbänden – nicht zuletzt dem Berliner Apotheker-Verein, aber auch dem Verband Mecklenburg-Vorpommerns. Mit ihnen gilt es schließlich, in den Gesprächen mit der AOK Nordost gemeinsam aufzutreten.

Foto: AV Brandenburg
Olaf Behrendt Der AVB-Vorsitzende findet, die ABDA hatte viele Erfolge. Jedoch nicht beim Thema Impfstoffe.

Impfstoffe als Feuertaufe

Mit der AOK Nordost hatten der neue Brandenburger Vorstand und der Geschäftsführer auch ihre Feuertaufe zu bestehen: Denn bekanntlich gab es in diesem Jahr erhebliche Probleme mit der Grippeimpfstoffvereinbarung. Diese sei in der Vergangenheit eine „Erfolgsgeschichte“ gewesen, erklärte Behrendt – eine Win-Win-Situation mit Planungssicherheit für alle Seiten: Hersteller profitierten von der frühen Bestellung, Apotheker von einer „vernünftigen Marge“, die Kassen hätten gespart, und die Patienten seien sicher versorgt worden. Doch diese Erfolgs­geschichte wurde nun knapp nach der Amtsübernahme Baumgarts „zerschossen“. Der Grund: Nur drei Hersteller werden in diesem Jahr mit quadrivalenten Grippeimpfstoffen am Markt sein, aber nur Mylan hat den Apotheken sein Produkt frühzeitig zu einem günstigen Preis angeboten. Die beiden anderen Hersteller, Glaxo­SmithKline (GSK) und Sanofi, sahen sich ausgeschlossen und starteten gleich drei Gerichtsverfahren gegen die AOK Nordost, die Apothekerverbände sowie die D.S.C. GmbH, eine Tochter des Berliner Apothekervereins, die die Rahmenvereinbarung mit Mylan getroffen hatte. Die Verfahren sind noch nicht abgeschlossen, doch schon die ersten Entscheidungen waren höchst unterschiedlich. Dies habe die Geschäftsstelle leider teilweise fast lahmgelegt und für wichtige andere Arbeiten blockiert, so Behrendt. Und nun? „Ich denke, GSK und Sanofi haben bei Jens Spahn massiv Klinken geputzt“. Denn Gesundheitsminister Jens Spahn hat die Impfstoffversorgung in sein geplantes Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) aufgenommen. Hier zeigte sich Behrendt tatsächlich verärgert über den DAV-Vorstand, der sich beim Thema Impfstoffe nicht auf eine Linie habe verständigen können. Während sich etwa Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt dem Nordost-Modell angeschlossen hätten, seien die Reaktionen aus dem Süden eher verhalten gewesen. Als die ABDA gefordert war, eine schriftliche Stellungnahme zum ersten TSVG-Entwurf abzugeben, habe man keine gemeinsame Haltung erarbeiten können – herausgekommen sei dann eine „generische Stellungnahme“, die „nicht Fisch nicht Fleisch“ gewesen sei. Behrendt: „Darüber bin ich ein bisschen traurig, denn seit letzter Woche haben wir die Quittung dafür“. Tatsächlich ist ein Modell, wie es im Nordosten seit Jahren etabliert war, mit dem neuen TSVG-Entwurf nicht mehr möglich. Die Apotheker sollen künftig generell nur einen Euro pro Impfdosis bekommen. Verhandlungen mit der AOK um Konditionen würden ohne das Druckmittel des Preises aber schwer, so Behrendt.

Der AVB-Vorsitzende ließ auch das Thema Rx-Versandverbot nicht aus. Auf Landesebene laufe alles gut: Die Regierungskoalition von SPD und Linke signalisiere klar, dass sie zu dem Verbot stehe. Doch stehe ein SPD-Parteitag an, schweige Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) bei diesem Thema und widerspreche auch Liberalisierungsgedanken nicht. Behrendt hat angesichts des Bekenntnisses im Koalitionsvertrag den Eindruck, „verschaukelt“ zu werden. Nun ist er gespannt, was Spahn sich für den Apothekertag in der kommenden Woche ausgedacht hat. Für den AVB-Vorsitzenden steht jedenfalls fest: „Wir brauchen die Gleichpreisigkeit – und ein anderes Mittel als das Rx-Versandverbot gibt es dafür nicht“.

Ehrenmitgliedschaft für Klauß, Fürstenberg und Nitzschke

Im weiteren Verlauf der Mitgliederversammlung wurde eine Satzungsänderung beschlossen, die unter anderem vorsieht, ehemaligen Verbandsmitgliedern eine außerordentliche Mitgliedschaft zu ermöglichen. Außerdem sollen nicht mehr nur Apotheker, sondern auch „besondere Persönlichkeiten“ in den Genuss einer Ehrenmitgliedschaft kommen. Damit wurde der Weg frei gemacht, den früheren Geschäftsführer Klauß zum neuen Ehrenmitglied zu ernennen. Diese Ehre wurde überdies den langjährigen Vorstandsmitgliedern Frank Fürstenberg und Hans-Joachim Nitzschke zuteil, die im vergangenen Herbst nicht mehr zur Wahl angetreten sind.

Placebos, Recht und Digitales

Am Vortag der Mitgliederversammlung war bereits Fortbildung angesagt. Professor Sven Benson von der Uniklinik Essen befasste sich mit dem Thema Placebo/Nocebo. Der Psychologe erläuterte, dass sich der Placeboeffekt in der Arzneimitteltherapie auf neurobiologischer Ebene nachweisen lasse. Im positiven Falle lasse sich durch ihn die Wirksamkeit von Medikamenten verbessern. Dabei sei Empathie in der Beratung ein ausschlaggebender Faktor. Um Empathie ging es auch in dem Beitrag von Marie-Luise Dierks, Medizinische Hochschule Hannover zum Thema Gesundheitskompetenz. Hier komme der Apotheke als niedrigschwellige Anlaufstelle in Gesundheitsfragen eine wichtige Bedeutung zu.

Und wie geht es mit der Apothekerschaft weiter? Als Verkäufer von Erotikspielzeug oder mit dem Stechen von Ohrlöchern jedenfalls nicht, machte Rechtsanwältin Patricia Kühnel in ihrer Rückschau der aktuellen Rechtsprechung klar. Ernster ging es in dem Vortrag von Dr. Peter Froese, Vorsitzender des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein, zu, der in der ABDA das Thema Digitalisierung vorantreibt. Er skizzierte verschiedene Zukunftsszenarien des Apothekerberufes im digitalen Zeitalter. Um nicht von den Entwicklungen überrollt und möglicherweise in der Existenz gefährdet zu werden, müssen Apotheker den Wandel aktiv mitgestalten. Dann böte die Digitalisierung große Chancen für die Pharmazeuten, die mithilfe neuer elektronischer Werkzeuge zusätzliche Services anbieten können. |

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