Arzneimittel und Therapie

„Beim ALS-Patienten gibt es keinen Grund, Statine abzusetzen!“

Eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)

Prof. Dr. med. Albert C. Ludolph
Priv.-Doz. Dr. med. Johannes Dorst






Golomb et al. haben in einer re­trospektiven Studie Daten erhoben, die darauf hinweisen, dass der Gebrauch von Statinen das Risiko einer Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) erhöht. Die Daten für Statine wurden anhand eines Nebenwirkungsregisters (Post Marketing Surveillance) erhoben. Als Kriterium wurde das Auftreten einer ALS oder ALS-ähnlichen Erkrankung gewählt. Natürlich muss der Fachmann fragen, was mit dem Terminus ALS-ähnliche Erkrankung gemeint ist: Eigentlich gibt es diese diagnostische Kategorie nicht. Der gewählte Ansatz, so interessant er ist, unterliegt vielen Fehlermöglichkeiten (Bias), wie die Autoren selbst ausführlich diskutieren.

Fettstoffwechsel und ALS

Die interessanten Daten müssen im Kontext der umfangreichen Datenlage zum Zusammenhang zwischen Katabolismus, Fettstoffwechsel und ALS-Risiko und –Verlauf interpretiert werden. Es erscheint gesichert, dass ein hoher Body-Mass-Index (BMI) – auch im Gegensatz zu einem niedrigen BMI – ein positiver prognostischer Faktor für die ALS ist. Ob andererseits eine Intervention, die eine Erhöhung oder zumindest eine Konstanz des BMI zum Ziel hat, den ALS-Verlauf verbessert, wird derzeit untersucht. Erste Ergebnisse werden in einigen Wochen vorliegen. Einige Studien, auch eine eigene, weisen darauf hin, dass ein hoher Lipidspiegel die Prognose der ALS positiv beeinflusst. Eigene Untersuchungen in unabhängigen Kohorten aus Deutschland und China zeigen, dass ein Diabetes mellitus Typ 2 mit einem späteren Beginn der Erkrankung verknüpft ist: In beiden Kohorten beträgt die Verschiebung des Manifestationszeitpunkts etwa fünf Jahre.

Widersprüchliche Datenlage

Die Datenlage zum Statin-Gebrauch und ALS-Risiko bzw. –Verlauf ist widersprüchlich, auch wenn man die oben genannte Arbeit mit in die Betrachtungen einbezieht. In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2013 konnte weder ein positiver noch ein negativer Einfluss von Statinen auf ALS-Verlauf und Prognose gezeigt werden. Daher ist die Frage, ob Statine das ALS-Risiko erhöhen, derzeit nicht beantwortbar. In einer eigenen Fall-Kontroll-Studie aus dem Register Schwaben ließ sich kein negativer Effekt einer Statin-Medi­kation auf die Prognose von ALS-­Patienten zeigen (Ludolph A et al., nicht publiziert; s. Abbildung).

Abb.: Kaplan-Meier-Kurven für die Statin-Medikation Die Kurve für ALS-Patienten, die Statine einnehmen, ist identisch mit der Kurve für ALS-Patienten, die diese nicht einnehmen.

Konsequenzen für die Praxis

Was bedeuten diese Überlegungen für die Praxis? Es gibt beim ALS-Patienten derzeit keinen Grund, Statine abzusetzen. Es sollte vielmehr eine individuelle Risikoabwägung, insbesondere unter Berücksichtigung des kardiovaskulären Risikos vorgenommen werden. Wir schließen aus der Arbeit von Golomb et al. auch nicht, dass bestimmte Statine vorzuziehen sind. Es ist aber auch zu bemerken, dass die Diskussion um die Zusammenhänge von Lipidstoffwechsel, im weiteren Sinne Katabolismus und Hypophysenfunktion, und ALS-Risiko und Prognose des individuellen Patienten noch keineswegs beendet erscheint; ins­besondere scheinen mechanistische Untersuchungen sinnvoll. |

Priv.-Doz. Dr. med. Johannes Dorst,
Prof. Dr. med. Albert C. Ludolph,
RKU - Universitäts- und Rehabilitations­kliniken Ulm,
autor@deutsche-apotheker-zeitung.de

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