Arzneimittel und Therapie

Mama, es tut weh!!!

Schmerztherapie nach Mandeloperation bleibt Herausforderung

Obwohl bei einer Entfernung der Gaumenmandeln wenig umliegendes Gewebe geschädigt wird, ist der Eingriff sehr schmerzhaft. Kindern und Jugendlichen fällt es jedoch schwer, ihre Schmerzen adäquat zu äußern. Wie eine Studie am Bochumer Klinikum bei zwei- bis zwölfjährigen Kindern zeigt, wird der postoperative Analgetikabedarf durch die Eltern stark unterschätzt.

Allein im Jahr 2014 wurden in Deutschland mehr als 100.000 Tonsillektomien durchgeführt. Aufgrund ständig wiederkehrender Mandelentzündungen stellt die Entfernung der Gaumenmandeln eine der häufigsten Operationen im Kindesalter dar. Die Gaumenmandeln werden hierbei entweder mit einer intrakapsulären (partiellen) oder extrakapsulären (totalen) Tonsillektomie entfernt. Die Operationstechnik und die postoperativen Schmerzen scheinen das Risiko für gefürchtete Nachblutungen zu beeinflussen. Dennoch konnte bislang keine einheitliche Schmerztherapie etabliert werden. Postoperativ werden bei Kindern Paracetamol, Ibuprofen und Metamizol eingesetzt. Bei starken Schmerzen wird am häufigsten Oxy­codon gegeben, obwohl der Wirkstoff einem CYP2D6-Metabolismus unterliegt und bei ultraschnellen Metabolisierern zum Atemstillstand führen kann. Für eine altersentsprechende Schmerzmessung steht für Kinder unter fünf Jahren der KUSS-Fragebogen (Kindliche Unbehagens- und Schmerzskala) und für Kinder ab fünf Jahren die FPS-R (Faces Pain Scale – Revised) zur Verfügung. Um die Schmerzen durch die Eltern einschätzen zu lassen, kann der PPPM (Parents‘ postoperative pain measure) verwendet werden.

In der Studie am Bochumer Klinikum wurde festgelegt, dass die Kinder entweder Paracetamol oder Ibuprofen als Standardmedikation erhalten sollten, welche von den Eltern bei Bedarf angefordert wurde. Überschritt die Schmerzintensität bei den Fragebögen KUSS bzw. FPS-R den Schwellenwert von vier und beim Elternfragebogen PPPM den Wert sechs, sollte als Rescue-Medikament der µ-Opioid-Agonist Piritramid gegeben werden.

Foto: Markus Mainka – stock.adobe.com
Nach einer Mandelentfernung gilt Eiscreme als bewährtes Hausmittel. Eltern sollten jedoch die Schmerzen nicht unterschätzen und ihre Kinder ausreichend mit Analgetika versorgen.

Unzureichende Versorgung mit Nicht-Opioid-Analgetika

Ausgewertet wurden die Daten von 68 Kindern mit einem Durchschnittsalter von 5,1 Jahren, die sich einer Tonsillektomie unterziehen mussten. In den ersten drei Tagen erhielten die Kinder postoperativ nach intrakapsulärer Tonsillektomie durchschnittlich 10,8 bis 14,7 mg/kg Körpergewicht Ibuprofen und 5,2 bis 8,8 mg/kg Paracetamol. Zu­sätzlich benötigten 48% mindestens einmal das Rescue-Medikament ­Piritramid. Nach extrakapsulärer ­Tonsillektomie wurden den Kindern durchschnittlich 14,1 bis 16,3 mg/kg Ibuprofen und 4,2 bis 12,4 mg/kg Para­cetamol gegeben. In dieser Gruppe musste bei 67% das Rescue-Medikament verabreicht werden.

Nach dieser Zwischenauswertung wurde die Studie vorzeitig abgebrochen, da in beiden Gruppen erheblich mehr Kinder als erwartet die Rescue-Medikation benötigten. Der Bedarf an Nicht-Opioid-Analgetika wurde von Seiten der Eltern anscheinend deutlich unterschätzt. Die verabreichte Menge lag wesentlich unter den Dosierungen, welche in einer schwedischen Leitlinie für diese Indikation empfohlen werden: 5 – 7 mg/kg Ibuprofen drei- bis viermal täglich bzw. 20 – 25 mg/kg Paracetamol viermal täglich. Ob die Empfehlung der schwedischen Leitlinie mit Gabe der Analgetika zu festen Zeitpunkten die Schmerztherapie verbessert, gilt es in weiteren Studien zu untersuchen. Generell könnte der Einsatz des Elternfragebogens PPPM zur Quantifizierung der Schmerzintensität einen wertvollen Beitrag leisten. |

Quelle

Gude P, Rieckert C et al. Analgetika-Bedarf bei Kindern im Alter zwischen 2 und 12 Jahren nach Tonsillenoperationen. Laryngo-Rhino-Otol 2018;97:465-473

Apothekerin Dr. Karin Schmiedel

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