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Schon eingestimmt auf „Eingeimpft“?

Ein Kommentar von Ilse Zündorf und Theo Dingermann

Manchmal kann man sich nur die Augen reiben, wie ein einzelnes Buch und der dazugehörige Dokumentarfilm dermaßen die Presse ­dominieren. „Eingeimpft: Familie mit Nebenwirkungen“ von David Sieveking ist dafür ein aktuelles Beispiel. Seit Ende August gibt es das Buch im Handel, seit Donnerstag letzter Woche läuft der Film in den Kinos. Vielleicht wird sich der ein oder andere potenzielle Leser und Kinobesucher schon im Vorhinein die Frage stellen: Ist es eigentlich ein lesenswertes Buch bzw. sehenswerter Film? Haben Sievekings Recherchen irgendetwas Erhellendes gebracht? Ist das Werk eher bei den Impfbefürwortern oder eher -gegnern zu verorten? In unserer Analyse versuchen wir Antworten auf diese Fragen zu finden.

Foto: 2017 Flare Film Adrian Stähli
David Sieveking reiste für seinen Film nach Westafrika und stieß dort auf „innovative Forschungsergebnisse, die das Impfen grundlegend verändern werden“.

Antwort Nr. 1: Das Buch liest sich recht gut

David Sieveking hat einen netten und amüsanten Schreibstil, der sich schön, leicht runterlesen lässt. Allerdings muss man diese Art „Homestory“ (übrigens nicht die erste dieses Autors) auch mögen. Schließlich wird man beim Lesen nicht einfach nur mit Rechercheergebnissen zum Thema Impfen konfrontiert, sondern man erlebt vielmehr hautnah und emotional die Ängste und Nöte werdender Eltern mit, die nicht wissen, wie sie mit frühzeitigen Wehen, Übungswehen oder Senkwehen umzugehen haben, während sie aus zwei Single-Wohnungen in ihr neues Familiennest umziehen. Bereits nach wenigen Seiten fühlt sich die Leserin/der Leser wenigstens als enge Freundin/enger Freund der Eltern, wenn nicht gar als vollwertiges Familienmitglied. Da leidet man förmlich mit, wenn Mama und Papa wieder mehrmals in der Nacht vom schreienden, weil hungrigen Töchterlein geweckt werden. Pikant ist allerdings ein permanenter Konflikt zwischen den Eltern: Die werdende Mutter ist eine bekennende Impfgegnerin mit einem gewissen Hang zum „Hygienefimmel“, der zukünftige Kindsvater bezeichnet sich selbst als Impfbefürworter. Zwangsläufig sind da Diskussionen ums „ob oder wie Impfen“ vorprogrammiert. Warum also daraus nicht ein Buch-/Filmprojekt machen?

Antwort Nr. 2: Die Position pro oder kontra Impfen ist überraschend und mindestens „eigenwillig“.

Allein anhand des Buchtitels und auch des Klappentextes lässt sich nicht erkennen, in welche Richtung der Inhalt gehen wird. Tendenziell klingt ja eine Recherche über „Nutzen und Risiken“ eigentlich neutral und objektiv. Die Geschichte der Pockenimpfung, die der Autor recht ausführlich beschreibt, ist sicherlich ein Punkt, der eher auf der Nutzenseite abzulegen ist. Auch etliche andere Recherchen, z. B. zu den immunologischen Prozessen bei Infektionen und Impfungen sind recht objektiv formuliert, und diejenigen Leser, die naturwissenschaftlich nicht allzu versiert sind, können hier einiges lernen.

Immer wieder verlässt der Autor aber auch die wissenschaftlich objektive Berichtslinie und schürt beispielsweise beim Leser ernste Zweifelt, ob die als ein unabhängiges Expertengremium vom Bundesministerium für Gesundheit eingesetzte Ständige Impfkommission (STIKO) oder auch das für die Prüfung von Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit biomedizinischer Arzneimittel, darunter auch Impfstoffe, zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) wirklich unabhängig agieren oder eben doch von der Pharmaindustrie beeinflusst werden. Spätestens bei dem dezenten Hinweis, dass der Autor im PEI nur in bestimmten Bereichen filmen durfte und NICHT dort, wo all die „Mäuse, Meerschweinchen und Kaninchen“ sitzen, die für die Chargenprüfung der Impfstoffe benötigt werden, werden Emotionen nicht nur bei vielen Tierfreunden, sondern gewiss auch bei den Impfgegnern geweckt: Hier scheint man etwas zu verbergen zu haben, meldet sich der Reflex.

Und dann ist da der Fall von Peer, den David Sieveking im Rahmen seiner Recherchen kennenlernt. Der Junge war als Frühchen geboren worden und hat sich entgegen aller Befürchtungen zunächst wunderbar entwickelt. Das änderte sich allerdings schlagartig, als er gegen Diphtherie, Tetanus und Polio geimpft wurde. Der schier hoffnungslose Kampf der betroffenen Familie, die Lähmung des Sohnes als Impfschaden anerkennen zu lassen, wird sehr emotional und ausführlich geschildert. Dabei bedient sich der Autor in durchaus legitimer Weise des Instrumentariums, das Sprache, beispielsweise durch die Schilderung im Konjunktiv oder die verstärkte Nutzung von blumigen Adjektiven, bereithält. Allerdings muss der Leser realisieren, dass er mittlerweile quasi bereits am Küchentisch der Familie sitzt, wo mit dem Problem gerungen wird. Objektive Information zu vermitteln, bestimmt in diesen Passagen nicht den primären Duktus des Narrativs.

Antwort Nr. 3: Sind Lebendimpfstoffe gut und Totimpfstoffe böse?

Durchaus überraschend nimmt die „reale“ Geschichte zum Schluss eine erstaunliche Wendung. Denn da erfährt der/die Leser/in, dass sich die Eltern trotz kontroverser Diskussionen dazu entschlossen haben, ihre beiden Töchter doch noch impfen zu lassen, zunächst ungewöhnlicherweise „nur“ mit Lebendimpfstoffen und erst später in einem modifizierten, abgeschwächten Impfschema auch gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten.

Hintergrund für diese für Experten durchaus überraschende, da äußerst unkonventionelle Entscheidung war die Begegnung des Autors mit Prof. Aaby, der zusammen mit seinem Team in Guinea-Bissau „seit bald vierzig Jahren Informationen zur gesundheitlichen Entwicklung sowie zum Impfstatus von mittlerweile über 200.000 Personen gesammelt“ hat. Aus diesen Daten zieht Aaby erstaunliche Schlussfolgerungen. So lässt sich nach seiner Ansicht aus den epidemiologischen Studien ableiten, dass Lebendimpfstoffe wie die Pocken- oder auch die Masernvakzine in seiner Studienpopulation die Kindersterblichkeit deutlich stärker senken, als dies zu erwarten wäre, während Totimpfstoffe wie beispielsweise die Impfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten einen eher gegenteiligen Effekt zeigen. Nach Meinung des Anthropologen induzieren Lebendimpfstoffe nicht nur spezifische immunologische Reaktionen, die gegen die Erreger gerichtet sind. Vielmehr scheint auch eine beträchtliche unspezifische Aktivierung des Immunsystems induziert zu werden. Die Schlussfolgerung Aabys aus seinen Beobachtungen lautet: Lebendimpfstoffe sind Totimpfstoffen deutlich überlegen. Das ist so plausibel wie trivial, denn die induzierten Schutzmechanismen der beiden Impftypen unterscheiden sich grundlegend. Nicht nur wird das Immunsystem bei einer Lebendimpfung viel länger mit dem „Impfantigen“ konfrontiert als das bei den meisten Totimpfstoffen der Fall ist. Es wird bei einer Impfung mit einem Lebendimpfstoff auch eine zelluläre (CD8+)-Immunität vermittelt, die bei einem Totimpfstoff ausbleibt. ­Andererseits gelten Totimpfstoffe als deutlich weniger belastend und auch risikoärmer. Das war ein Grund beispielsweise dafür, dass in den entwickelten Ländern der Polio-Lebendimpfstoff (OPV) vollständig durch den Totimpfstoff (IPV) ersetzt wurde.

„Man kann nur hoffen, dass der Hype um diesen Film nicht auch ­andere Menschen in die ­immunologische Irre führt.“

Wissenschaftlich sind die Arbeiten von Aaby eher als interessante Hypothese zu werten, als dass sie ein neues Denken zur hier empfohlenen Impfpraxis veranlassen könnten. Zum einen wurden die Beobachtungen in einem ganz anderen Kulturraum an Menschen gemacht, die einer anderen Ethnie zuzurechnen sind. Das bedeutet auch, dass Komponenten des Immunsystems – beispielsweise die wichtigen antigenpräsentierenden Majorhistokompatibilitätskomplexe (MHC) – der Menschen dort ganz anders zusammengestellt sind, als bei uns Kaukasiern. Dass dies ein wichtiges Detail ist, konnte man an den recht unterschiedlich schweren Fällen der Schweinegrippe in Mexiko bzw. deutlich weniger dramatischen Fällen in Europa beobachten. Zudem ist die Krankheitslast und auch der Befall mit Parasiten der Kinder im westafrikanischen Guinea-Bissau, wo die Daten erhoben wurden, extrem viel ­höher, als dies in Europa oder Nordamerika der Fall ist.

Gott sei Dank, so muss man resümieren, beruhen die Empfehlungen der STIKO ganz streng auf relevanter Evidenz, die hier völlig fehlt. So muss man es als eine „mutige“– vielleicht auch naive – Entscheidung des Autors von „Eingeimpft“ werten, dass er die Impfentscheidung für seine Kinder auf Basis dieser epidemiologischen Signale aus einem völlig anderen Kulturkreis trifft, und man kann nur hoffen, dass der Hype um diesen Film nicht auch andere Menschen in die immunologische Irre führt. |

Literatur

Nina Weber. Wie eine provokante These die Sicht aufs Impfen ändern könnte. SpiegelOnline 11.09.2018

Aaby P, Whittle H, Benn CS. Vaccine programmes must consider their effect on general resistance. BMJ. 2012 Jun 14;344:e3769

Autoren

Prof. Dr. Theo Dingermann ist Universitätsprofessor (em.) am Institut für Pharmazeu­tische Biologie an der Goethe-Univer­sität Frankfurt.

Dr. Ilse Zündorf ist dort als akademische Oberrätin tätig.

Institut für Pharmazeutische Biologie, Biozentrum, Max-von-Laue-Straße 9, 60438 Frankfurt/Main

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