Aus der Hochschule

Ein Apotheker und sein Medikationsprojekt

Pharmaziestudierende in Jena lernen aus der Praxis

Von Stefan Göbel | Die Stadt der eigenen Studienzeit ist für mich wie die erste große Liebe: Man vergisst sie nicht. Meine große „pharmazeutische Liebe“ begann in Jena, genauer gesagt im großen Hörsaal im Philosophenweg 14. Und bei jeder Rückkehr nach Jena denke ich mit leichter Wehmut daran, wie es als Studierender war, von Antestat zu Antestat und von Prüfung zu Prüfung zu leben. Oder an meine Lerngruppe, in der ich voller Überzeugung insistierte, dass jeder Kunde beim Kauf abschwellender Nasensprays über potenzielle Nebenwirkungen aufzuklären ist. Im Nachhinein belächelt man sich selbst für diese gewisse Form der Naivität.
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Rückblickend sind es jedoch andere Erinnerungen, die dieses Lächeln gefrieren lassen. So habe ich als junger Pharmazeut im Praktikum einiges Lehrgeld in Sachen Beratung zahlen müssen, was mich motiviert hat, im Mai und Juni 2018 ein gemeinsames Projekt mit der Pharmazeutischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu initiieren. Ich wollte einfach zukünftige Apothekerinnen und Apotheker davor bewahren, die Fehler, die ich gemacht habe, zu wiederholen.

Das Grundproblem besteht in der deutlichen Diskrepanz zwischen universitärer Theorie und den pharmazeutischen und therapeutischen Herausforderungen in der Praxis. So sind genetische Polymorphismen oder CYP-Wechselwirkungen nach dem Studium zwar präsent, nicht aber die Tatsache, dass Patienten ihre Arzneimittel auch einfach nicht einnehmen oder mehrere Ärzte aufsuchen können. Außerdem dürfen arzneimittelbezogene Probleme nicht isoliert, sondern stets im therapeutischen Kontext betrachtet werden. Aus dem therapeutischen Kontext folgt übergeordnet das Therapieverständnis. Häufig sind Wirkstoffkombinationen bei bestimmten Erkrankungen indiziert, in Leitlinien vorgegeben und damit therapeutisch notwendig. Daraus können „Medikationsmuster“, also eine Art Basismedikation, für Erkrankungen abgeleitet werden.

Foto: Privat
Stefan Göbel, Inhaber der Brücken-Apotheke im hessischen Heringen.

Bei einer Herzinsuffizienz mit reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion würde diese Basismedikation bestehen aus einem Betablocker (Cave: nur Carvedilol, Metoprololsuccinat, Nebivolol oder Bisoprolol), einem ­ACE-Hemmer (bei Unverträglichkeit: AT-1-Antagonist) und einem Aldosteron-Antagonist (Spironolacton, Eplerenon) bei NYHA Stadium II.

Zusammengefasst ergeben sich drei Grundprobleme und die daraus ableitenden Lernziele:

  • Richtige Priorisierung von arzneimittelbezogenen Problemen
  • Bewertung von arzneimittelbezogenen Problemen in Bezug auf klinische Relevanz und im therapeutischen Kontext
  • Erkennen von therapeutischen Medikationsmustern bei Erkrankungen
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Um angehende Apothekerinnen und Apotheker im Hinblick auf Fehler und Fehleinschätzungen zu sensibilisieren, sollten 80 Studierende des achten Semesters der Pharmazeutischen Fakultät der Uni Jena die Medikation von realen Patienten analysieren. Dazu wurden vierzehn Patienten mit mindestens zehn Arzneimitteln entweder in der Brücken-Apotheke Heringen im osthessischen Landkreis Hersfeld-Rotenburg durch direkte Ansprache rekrutiert oder von den Hausärzten vorgeschlagen. Zu den aufgenommenen Daten gehörten die vom jeweiligen Arzt verordnete Medikation, OTC-Präparate, Nahrungsergänzungsmittel sowie die aktuellen Diagnosen, Komorbiditäten und Laborwerte.

Im Rahmen von etwa einstündigen Aufnahmegesprächen wurden Fragen zur Adhärenz, subjektiven und objektiven Problemen sowie unerwünschten Arzneimittelwirkungen gestellt.

„Jede ärztliche Fachgruppe kennt sich mit ihren fachgruppenspezifischen Arzneimitteln aus, doch wie ist diese Kompetenz interdisziplinär einzuordnen? Eine Lücke, die durch den Apotheker mithilfe von Hinweisen bezüglich Einsparmöglichkeiten, alternativer Medikamente, zusätzlich erforderlicher Untersuchungen und Wechselwirkungen geschlossen werden kann.“

Dr. Petra Weitzel, Hausärztin

Die Studierenden hatten nun die Aufgabe, die Medikation mit den Leitlinien abzustimmen und auf Neben- und Wechselwirkungen zu prüfen.

„Für mich persönlich war das Seminar eine Bereicherung, da es einen patientenbe­zogenen Probedurchlauf mit Sicherheitsnetz bot.“

Eva-Maria Sander, 8. Semester

Die Zusammenfassungen der Ergebnisse wurden im Anschluss mit den Haus- und Fachärzten in Heringen besprochen und gemeinsam bewertet. Dabei ging es darum, ob die Verbesserungsvorschläge der Studierenden sinnvoll und klinisch relevant waren und ob der Patient den Vorschlägen gegenüber positiv eingestellt wäre und diese auch aktiv mittragen würde.

Im finalen Schritt wurden die Ergebnisse mit den Patienten erneut in Einzelgesprächen besprochen, dringende Änderungen sofort umgesetzt und die Studierenden erhielten ein Feedback von den Ärzten.

„Herr Göbel hat die Studierenden des 8. Fachsemesters in seiner Begeisterung für die interdisziplinäre Arbeit mitreißen können, ihnen in der Bearbeitung authentischer Patientenfälle auch einiges abverlangt, aber letztlich in allen das gute Gefühl hinterlassen, dass die Auseinandersetzung mit Therapieregimen und der fachliche Austausch mit Ärzten auf Augenhöhe ein Zugewinn für die Sicherheit der uns anvertrauten Patienten darstellt.“

PD Dr. Andreas Seeling, Klinische Pharmazie Uni Jena

Insgesamt ermittelten die Studierenden 151 arzneimittelbezogene Probleme, von denen die Haus- und Fachärzte 76 als relevant betrachteten. ­75 arzneimittelbezogene Probleme umfassten dagegen zumeist klinisch nicht relevante Wechselwirkungen, wie beispielsweise die Bluthochdruckmedikation und niedrigdosierte Acetylsalicylsäure. Außerdem wurden nicht relevante Auffälligkeiten bei Einnahmezeitpunkten genannt, wie beispielsweise Simvastatin abends statt zur Nacht. Die relevanten arzneimittelbezogenen Probleme unterteilten sich folgendermaßen:

  • 25 ungeeignete oder überflüssige OTC-Präparate
  • 18 Adhärenzprobleme
  • 9 unvollständige Medikationspläne
  • 9 notwendige Therapieanpassungen (beispielsweise dauerhafte Einnahme von Metamizol nach WHO-Stufenschema)
  • 8 falsche Einnahmezeitpunkte des Medikaments
  • 3 Doppelmedikationen
  • 2 Wechselwirkungen/Kontraindikationen
  • 2 ungeeignete verschreibungspflichtige Arzneimittel

Wie zu erwarten, wurden die häufigsten arzneimittelbezogenen Probleme durch die Patienten selbst verursacht. Dies deckt sich mit den Ergebnissen von Beyer et al. („Mehr Sicherheit in der Arzneimitteltherapie – 2014“), die besagen, dass die Medikation bei 94 Prozent der Patienten von dem abweicht, was der Hausarzt eigentlich erwartet. Die 76 ermittelten, arzneimittelbezogenen Probleme wurden in Abschlussgesprächen in der Apotheke thematisiert und gelöst. Die Haus- und Fachärzte wurden ebenfalls informiert und konnten ihrerseits 12 weitere arzneimittelbezogene Probleme lösen.

Fazit

Die Ergebnisse waren für alle Projektbeteiligten eindrucksvoll und zeigten, dass eine kollegiale Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker sinnstiftend und zielführend für die Patienten ist. Durch die gemeinsame Arbeit können Patienten ihre Therapien leichter verstehen, Ärzte wertvolle Zeit sparen, Informationen besser ausgetauscht und infolge dessen die Lebensqualität und -zeit erhöht werden. Auch gesundheitsökonomische Aspekte spielen dabei eine Rolle, wenn so Krankenhausaufenthalte und Versichertengelder eingespart werden können. Alarmierend ist die hohe Zahl an patienteninduzierten, arzneimittelbezogenen Problemen. Dies zeigt, dass die Risiken durch OTC-Präparate unterschätzt werden. Somit muss das Konzept des selbstbestimmten Patienten kritisch hinterfragt werden. Weiterhin problematisch ist die Adhärenz bzw. das fehlende Vertrauen in die eigene Arzneimitteltherapie. Diese Aspekte bedürfen einer gesteigerten Aufmerksamkeit sowohl von den Heilberufen als auch von der Gesundheitspolitik, da so Leid und Kosten vermieden werden könnten.

Danksagung

Es ist nicht selbstverständlich, dass sich Menschen und Institutionen bei einem Seminar engagieren und es unterstützen. Daher vielen Dank an die Landesapothekerkammer Thüringen, die Pharmazeutische Fakultät und die Studierenden der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Scholz-Datenbank und der Mediq-Datenbank, die es den Studenten ermöglichten, die Medikationen zu analysieren, Herrn Dr. Seeling, Frau Isabel Waltering, den Heringer Haus- und Fachärzten (besonders Frau Dr. Weitzel, Herrn Hain, Frau Dr. Fröbel, Herrn Dr. Wilbrandt und Herrn Dr. Rühlmann) und nicht zuletzt meiner Mutter, meinem Vater, meiner Freundin und meinem Apothekenteam, die mein „Projektchen“ unterstützt haben.

Ausblick

Den Studierenden konnte hoffentlich ein erster Eindruck vermittelt werden, wie kompliziert Therapien im Gesamtkontext sein können. Weiterhin fand ein Kennenlernen relevanter arzneimittelbezogener Probleme statt und auch die interdisziplinäre Kommunikation wurde prototypisch vorgestellt. Aus diesen Gründen erscheint ein gemeinsames Seminar von Pharmazeuten und Medizinern in Zukunft sinnvoll, wenn nicht sogar obligatorisch. |

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