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Beratung

Reine Kopfsache?

Konzentrationsschwierigkeiten bei Kindern

„Jetzt konzentriere dich doch mal!“ Was wie ein einfacher Hinweis klingt, fällt einigen Kindern in der Praxis schwer. Im Zeitalter von Handys, Fernsehen, Computerspielen und Multitasking ist es für sie eine zunehmende Herausforderung, ihre Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum auf eine bestimmte Situation oder einen Gegenstand zu richten. Eltern können ihre Kinder dabei unterstützen, Ordnung in ihren Kopf zu bringen: mit klaren Alltagsstrukturen, viel Bewegung und einer ausgewogenen Ernährung. | Von Martina Schiffter-Weinle

Durcheinander im Kopf

Wir kennen es von uns selbst: Wenn wir versuchen, zu viele Dinge auf einmal zu machen, können wir uns nicht ausreichend auf eine Sache konzentrieren, werden unruhig und nachlässig. Auch Kinder fühlen sich durch Hektik, Stress und Zeitdruck schnell überfordert. Ihre Konzentrationsfähigkeit lässt nach, sie lassen sich leicht ablenken und verlieren die Aufmerksamkeit. Die einen werden dann impulsiv, lustlos und fallen durch ein störendes Verhalten auf. Andere schweifen mit ihren Gedanken ab und träumen vor sich hin. In beiden Fällen ist erkennbar, dass die Kinder nur oberflächlich und häufig fehlerhaft arbeiten, Dinge vergessen oder Sachen doppelt erledigen. Auffällig werden Konzentrationsschwierigkeiten häufig in der Schule, wo höhere An­forderungen an ihre Leistungsfähigkeit gestellt werden. Erbringen die Kinder dann schlechte Leistungen, machen sich die Eltern verständlicherweise ernsthafte Sorgen. Dann wird auch die Apotheke schnell zum Ansprechpartner.

Die Lage analysieren

Grundsätzlich kann man besorgte Eltern erst einmal beruhigen: Nicht jedes Kind, dem es schwerfällt, sich zu konzentrieren, leidet unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung, die medikamentös behandelt werden muss. Ganz im Gegenteil. Es gibt viele Faktoren – äußere und innere –, die einen Einfluss auf die Konzentrationsfähigkeit haben und die man genau betrachten und gegebenenfalls verändern sollte. Zu den äußeren Faktoren gehören z. B. störende Geräusche oder Unordnung am Arbeitsplatz. Generell fällt es Kindern leichter, in einer Umgebung zu lernen, in der sie sich wohlfühlen. Auch ihr eigenes Umfeld sollten Eltern dabei unter die Lupe nehmen: Eine Reizüberflutung kann sich nämlich auch auf ihr eigenes Verhalten auswirken und da Kinder Erwachsene oft nachahmen, trainiert man ihnen unter Umständen eine Konzentrationsschwäche regelrecht an. Innere Faktoren sind häufig schwieriger zu erkennen. Zu ihnen zählen Stress, und emotionale Unausgeglichenheit, z. B. aufgrund von Ängsten oder Problemen. Oft treten Konzentrationsstörungen durch eine Überlastung in der Schule oder im privaten Umfeld auf. Ein anspruchsvolles Freizeitprogramm mit vielen Terminen und Verabredungen setzt Kinder zusätzlich unter Druck und führt auf Dauer zu Erschöpfung – ebenso wie ein Schlafmangel. Psychische Belastungen können Verspannungen, Kopfschmerzen, Unlust und eben auch eine Konzentrationsschwäche zur Folge haben. Wie sie sich genau auswirken, ist jedoch von Kind zu Kind verschieden. Neben den psychischen können auch körperliche Ursachen der Grund für eine Konzen-trationschwäche sein. Wenn ein Kind sich nicht ausreichend bewegt, hat es häufig auch Schwierigkeiten, sich zu konzen-trieren. Eine unregelmäßige und schlechte Ernährung hat zudem zur Folge, dass der Körper nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird. Krankhafte körperliche Ursachen für eine Konzentrationsschwäche können beispielsweise eine Gehirnprellung, ein Schleudertrauma, eine Schilddrüsen­unterfunktion oder Depressionen sein.

Mögliche Gründe für eine Konzentrationsschwäche

  • emotionale Blockade, z. B. durch Stress, Erwartungsdruck (z. B. der Eltern oder Lehrer), Versagensängste, Schwierigkeiten mit Lehrern
  • zu viel Ablenkung durch herumliegendes Spielzeug, Handy, Geräuschkulisse (z. B. Radio), visuelle Überreizung
  • Schlafmangel
  • fehlende Ruhepausen
  • einseitige Ernährung, hoher Zuckerkonsum
  • unzureichende Trinkmenge
  • Bewegungsmangel

Druck ausüben ist kontraproduktiv

Schlechten Noten in der Schule folgen häufig die Vorwürfe der Eltern, dass das Kind sich doch gefälligst anstrengen soll. Das übt Druck auf das Kind aus, der die Situation eher verschlechtert und es entmutigt. Aus Angst zu versagen, blockiert es. Die Frustration kann schließlich auch psychische Folgen haben. Statt dem Kind Vorwürfe zu machen oder mit Konsequenzen zu drohen, sollten Eltern ihre Kinder motivieren und mit ihnen gemeinsam regelmäßig üben. Wenn sie Spaß haben und positives Feedback für ihre Erfolge bekommen, bleiben Kinder auch gern bei der Sache. Sie entwickeln Selbstvertrauen und werden dadurch ermutigt. Wichtig sind aber auch regelmäßige Ruhephasen, in denen die Kinder spielen können, sich ein Buch ansehen oder einen Spaziergang an der frischen Luft machen. Da sich jeder Mensch nur eine bestimmte Zeit lang auf eine Sache voll und ganz konzentrieren kann, sollten Aufgaben, die man den Kindern gibt, idealerweise überschaubar aufgeteilt werden. Zur Regeneration benötigt der Körper zudem ausreichend Schlaf. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt zum Beispiel für ein fünfjähriges Kind 11,5 Stunden Schlaf, für ein sechsjähriges elf Stunden. Sie weist jedoch darauf hin, dass der Schlafbedarf von Kind zu Kind verschieden ist.

Leistungsfähiger durch gesunde Ernährung

Pizza, Pommes und Schokolade stehen bei den meisten Kindern ganz oben auf der Liste ihrer Lieblingsspeisen. Um über einen längeren Zeitraum lern- und leistungsfähig zu sein, benötigt das Gehirn jedoch gesunde Lebensmittel, die den täglichen Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen decken und ausreichend Energie liefern. Kom­plexe Kohlenhydrate, die im Dünndarm erst aufgespalten werden müssen, halten den Blutzuckerspiegel über längere Zeit stabil und versorgen den Körper gleichmäßig mit Energie. Solche komplexen Kohlenhydrate stecken beispielsweise in Vollkornprodukten, Haferflocken, Naturreis, Sojaprodukten sowie in Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten. Neben Kohlenhydraten sollten auch Proteine, z. B. aus Fleisch oder Fisch, Milchprodukten, Hülsenfrüchten oder Eiern, und Fette, vorrangig ungesättigte Fettsäuren, auf dem täglichen Speiseplan stehen. Wichtig für die kognitive Leistungsfähigkeit sind die mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure). Vor allem DHA ist ein wesentlicher struktureller und funktioneller Membranbestandteil von Nervenzellen. Sie ist aus diesem Grund nicht nur wichtig für die Entwicklung des Verhaltens und Lernvermögens, sondern kann möglicherweise auch Aufmerksamkeitsstörungen vorbeugen [1, 2, 3], wobei die Studienlage diesbezüglich sehr uneinheitlich ist [4]. EPA und DHA kommen in größeren Mengen in fettreichen Meeres­fischen wie Lachs, Thunfisch, Hering, Makrele und Sardine, in bestimmten Mikroalgen (z. B. Ulkenia) sowie in Krill-Öl vor, DHA auch in Eiern. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt ein bis zwei Portionen Fisch pro Woche, davon 70 g fettreichen Seefisch. Wer keinen Fisch mag, der kann auch pflanzliche Omega-­3-Fettsäuren zu sich nehmen, z. B. Alpha-Linolensäure (ALA), die beispielsweise in Raps-, Lein- und Walnussöl enthalten ist. Zu bedenken ist jedoch, dass ALA eine kürzere Kettenlänge hat und im Körper nur in begrenzter Menge in DHA und EPA umgewandelt werden kann. Die durchschnittliche Konversionsrate liegt bei unter 5% für die Bildung von EPA und bei etwa 0,5% für die Bereitstellung von DHA. Erwachsenen und Kindern, die ihren Bedarf an EPA und DHA nicht über die Ernährung decken können, stehen Nahrungsergänzungsmittel zur Verfügung, die die langkettigen Omega-3-Fettsäuren enthalten (siehe Tab.). Bis jetzt ist die Studienlage in Hinblick auf die Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit sowie der bei ADHS vorkommenden Symptome unter der Einnahme langkettiger ungesättigter Fettsäuren nicht eindeutig. Aus diesem Grund gibt es derzeit auch keine Behandlungs­empfehlung [5].

Tab.: Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren (Auswahl) DHA: Docosahexaensäure, EPA: Eicosapentaensäure)
Produktname
Inhaltsstoffe pro Darreichungsform
empfohlene Tagesmenge
Einnahmeempfehlung
Besonderheiten
DHA
EPA
Addy plus
60 mg
22 mg
Kinder, Jugendliche und Erwachsene: zweimal täglich vier Kapseln in den ersten drei Monaten; anschließend jeweils zwei Kapseln morgens und abends
mit ausreichend Flüssigkeit vor einer Mahlzeit einnehmen
enthält zusätzlich Magnesium, Zink, Mangan, Vitamine B1, B6 und E
Doppelherz® system Omega-3 family
138 mg
90 mg
Kinder vier bis fünf Jahre: einmal täglich eine Weichtablette
Kinder ab sechs Jahren und Jugend­liche: einmal täglich zwei Weich­tabletten
Weichtabletten kauen
auch als Flüssigkeit erhältlich: Doppelherz® system Omega-3 family (enthält zusätzlich die Vitamine A, B, C, D und E)
Omega3-Loges® junior
125 mg
63 mg
Kinder vier bis fünf Jahre: einmal täglich eine Kaukapsel
Kinder ab sechs Jahren und Jugendliche: einmal täglich zwei Kaukapseln
Kaukapseln schlucken oder zerkauen
Einnahme vorzugsweise zu einer Hauptmahlzeit
vegan
enthält zusätzlich Eisen
Orthomol® junior Omega plus®
100 mg
circa 17 mg
Kinder ab vier Jahre: Täglich den Inhalt eines Beutels (drei Toffees = Tagesportion) einnehmen.
Toffees kauen
Tagesportion über den Tag verteilt oder, wenn gewünscht, auf einmal verzehren
enthält zusätzlich Magnesium, Zink, Folsäure, Mangan und die Vitamine B1, B2, B3, B5, B6, B7, B12, C, E

Ausreichend trinken

Der menschliche Stoffwechsel funktioniert nur, wenn dem Körper ausreichend Wasser zur Verfügung steht. So leidet auch die Konzentrationsfähigkeit, wenn man nicht ausreichend trinkt. Die empfohlene Trinkmenge für ein zwei- bis sechsjähriges Kind liegt laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei etwa drei viertel Liter Flüssigkeit pro Tag. Bei starker körperlicher Aktivität und hohen Um­gebungstemperaturen erhöht sich der Bedarf. Erste Wahl sollten auch bei Kindern Leitungs- und Mineralwasser sein, alternativ ungesüßte Kräuter- oder Früchtetees, Gemüsesäfte und Fruchtsaftschorlen aus einem Teil 100-prozentigen Fruchtsaft und drei Teilen Wasser. Ungeeignet sind Coffein-haltige Getränke oder solche mit einem hohen Zuckergehalt.

Körperliche Entspannung durch Bewegung

Neben ausreichender Entspannung und Ruhephasen ist auch Bewegung wichtig, um Stress abzubauen und die Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Sie fördert die Durchblutung und sorgt für eine bessere Sauerstoffversorgung aller Organe. Körperliche Aktivität wirkt sich positiv auf geistige Funktionen wie Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis und kognitive Flexibilität aus. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder zu sportlicher Aktivität ermutigen und ihnen selbst ein Vorbild sein. Die BZgA schlägt in den „Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung“ folgende Ziele vor [6]:

  • Kindergartenkinder (vier bis sechs Jahre): Für Kinder­gartenkinder soll insgesamt eine Bewegungszeit von 180 Minuten pro Tag und mehr erreicht werden, die aus angeleiteter und nichtangeleiteter Bewegung bestehen kann.
  • Grundschulkinder (sechs bis elf Jahre): Kinder ab dem Grundschulalter sollen eine tägliche Bewegungszeit von 90 Minuten und mehr in moderater bis hoher Intensität erreichen. 60 Minuten davon können durch Alltagsaktivitäten, wie z. B. mindestens 12.000 Schritte / Tag, absolviert werden.
  • Jugendliche (zwölf bis 18 Jahre): Jugendliche sollen eine tägliche Bewegungszeit von 90 Minuten und mehr in moderater bis hoher Intensität erreichen. 60 Minuten davon können durch Alltagsaktivitäten, wie z. B. mindestens 12.000 Schritte / Tag, absolviert werden.

Von diesen Werten sind die meisten Kinder in der Praxis jedoch weit entfernt: In der zweiten Folgeerhebung der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS Welle 2, 2014 – 2017, [7]), deren Ergebnisse in diesem Jahr veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass lediglich 22,4% der Mädchen und 29,4% der Jungen im Alter von drei bis 17 Jahren mindestens 60 Minuten am Tag körperlich aktiv sind. Je älter die Kinder werden, umso größer ist das Defizit. 

Tief durchatmen

Sind Kinder gestresst, wirkt sich das auch auf ihre Atmung aus: Sie wird flach und hektisch. Atemübungen, bei denen die Kinder bewusst tief in den Bauch ein- und anschließend vollständig ausatmen, wirken beruhigend und gehören zu den wirkungsvollsten Entspannungsübungen. Empfehlenswert sind auch Progressive Muskelentspannung, auto­genes Training, Yoga oder Fantasiereisen, die die Gedanken der Kinder in eine andere Welt entführen Zudem können ätherische Öle, z. B. Lavendel-, Bergamotte- oder Zedernholzöl, Kindern helfen, zur Ruhe zu kommen. |

Literatur

[1] Bos DJ et al. Reduced Symptoms of Inattention after Dietary Omega-3 Fatty Acid Supplementation in Boys with and without Attention Deficit/Hyperactivity Disorder. Neuropsychopharmacology 2015;40:2298-2306

[2] Frölich J, Döpfner. Die Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren – eine wirksame Behandlungsoption? Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2008;36(2):109-116

[3] Ryan AS et al (2010): Effects of long-chain polyunsaturated fatty acid supplementation on neurodevelopment in childhood: A review of human studies. Prostaglandins, Leuko­trienes and Essential FattyAcids 2010;82:305-314

[4] Cooper RE et al (2015): Omega-3 polyunsaturated fatty acid supplementation and cognition: A systematic review and meta-analysis. J Psychopharmacol 2015;29(7):753-763

[5] Stellungnahme zur Aufmerksamkeitsdefizit-  / Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Empfehlungen zu Nicht-evidenzbasierten Methoden (5.4), Bundesärztekammer 2005)

[6] Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung. Auflage: 1.2.06.17, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) am Bundesministerium für Gesundheit (BMG)

[7] Jonas D, Finger GV, Borrmann A, Lange C, Mensink GBM. Körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. Journal of Health Monitoring 2018;3(1)

Autorin

Martina Schiffter-Weinle, Studium der Pharmazie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 2006 Approbation als Apothekerin. Von 2006 bis 2012 Tätigkeit als Apothekerin in Oxford, Großbritannien. Seit der Rückkehr nach Deutschland Redakteurin bei PTAheute, PTAheute.de. Seit Juli 2018 schreibt sie für die Deutsche Apotheker Zeitung.

autor@deutsche-apotheker-zeitung.de

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