Politik

Mehr Selbstbewusstsein!

Versandhandel mit Arzneimitteln und seine Auswirkungen auf die Apotheken

Von Peter Ditzel | Der Versandhandel ist wie das Internet: Er geht nicht mehr weg. Auch den Apothekern ist klar, dass sie mit der Herausforderung des Versandhandels leben müssen. Wie eine Expertenrunde unter Modera­tion des Apotheken-Ökonoms Prof. Dr. Andreas Kaapke bei den „Stuttgarter Gesprächen“ zeigte, will die Mehrzahl der Apothekerinnen und Apotheker die Herausforderungen annehmen. Sie plädierten für mehr Vernetzung und Digitalisierung, bessere Aufklärungskampagnen, mehr Botendienst und mehr juristische Unterstützung, um dem Versandgeschäft samt Amazon & Co. die Stirn zu bieten. Gefragt ist außerdem eine gesellschaftspolitische Diskussion, an deren Ende zukunftsfähige Ideen für die Apotheke stehen.

Die Diskussionsteilnehmer

Dr. Armin Edalat, Apotheker, Chefredakteur der Deutschen Apotheker Zeitung, Stuttgart

Dr. Michael Kuck, Vorstandsvorsitzender der Noweda eG, Essen

Dr. Markus Preißner, Wissenschaftlicher Leiter am Institut für Handelsforschung GmbH (IFH), Köln

Jan Reuter, Apotheker, Central-Apotheke, Walldürn

Dr. Valentin Saalfrank, Rechtsanwalt, Köln

Dr. Björn Schittenhelm, Apotheker, Alamannen- und Schönbuch-Apotheke, Holzgerlingen

Moderation: Prof. Dr. Andreas Kaapke, Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) und Inhaber Prof. Kaapke Projekte, Stuttgart und Ludwigsburg

Der Versandhandel mit Arzneimitteln in Deutschland hat mittlerweile eine Größe erreicht, die nicht mehr als Petitesse abgetan werden kann – darüber war sich die Gesprächsrunde einig. „Vor allem im OTC-Markt hat der Anteil der Arzneimittel, die über den Versand gekauft werden, mit 17 Prozent eine Marke erreicht, die Vor-Ort-Apotheken schmerzt“, so der Noweda-Chef Dr. Michael Kuck. Im Bereich der verschreibungspflichtigen Arzneimittel liege dagegen der Online-Anteil noch bei etwa einem Prozent, aber die Werbung der ausländischen Versender werde auch hier für Wachstum sorgen. Apotheker Jan Reuter bestätigte: „Der Versand tut uns gewaltig weh! Wir spüren es in unserer Landapotheke deutlich. Der Kunde sucht sich die Rosinen beim Versandhandel heraus.“ „Bei manchen Präparaten werden heute sogar schon 50 Prozent und mehr über den Versandhandel verkauft, das sind gigantische Summen“, ergänzte Landapotheker Dr. Björn Schittenhelm, „da müssen die Alarmglocken läuten.“ Auch wenn im Rx-Bereich der Anteil, der über den Versand geht, im Moment noch überschaubar sei, werde dieser Markt spätestens mit der Einführung des elektronischen Rezepts eine andere Größe annehmen. Dieser Entwicklung will Schittenhelm nicht tatenlos zusehen. Er richtete einen Online-Shop ein nach Art von Click & Collect: Die Kunden können ihre Arzneimittel online vorbestellen und dann selbst in der Apotheke abholen. Oder, wenn gewünscht, werden die Arzneimittel gegen einen kleinen Aufschlag per Botendienst gebracht. „Ich mache meinen Kunden klar, dass wir schneller, freundlicher und besser sind als Amazon“, erklärt es Schittenhelm. Er habe festgestellt, dass er durch seinen Online-Shop viele seiner Rezeptkunden wieder als OTC-Kunden zurückgewinnen konnte. „Das ist ein vollkommen richtiger Ansatz“, unterstrich Kuck die Entscheidung Schittenhelms, „denn die Kunden bestellen online, weil es bequemer ist und wegen vermeintlicher finanzieller Vorteile. Und zumindest die Bequemlichkeit kann man als Apotheker in jedem Fall mit einem digitalen Angebot bedienen.“ Kuck empfiehlt jeder Apotheke, die heute erfolgreich sein will, zu prüfen, ob es für sie nicht sinnvoll wäre, einen Online-Shop einzuführen und es ihren Kunden so bequem wie möglich zu machen.

Foto: DAZ/diz
Zweimal im Jahr finden die Stuttgarter Gespräche von Prof. Dr. Andreas Kaapke in der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Stuttgart statt. Die Diskussionsrunde ist eine gemeinsame Initiative von Prof. Kaapke Projekte und der Deutschen Apotheker Zeitung.

„Der Versand tut uns gewaltig weh! Wir spüren es in unserer Landapotheke deutlich.“

Jan Reuter

Auf den Bereich der OTC-Arzneimittel wird man keinen Einfluss mehr nehmen können, da liegt eine EuGH-Entscheidung vor, die besagt, dass dieser Bereich für den Versand frei zugänglich sein müsse, bringt es Rechtsanwalt Dr. Valentin Saalfrank auf den Punkt. Besorgniserregend sei dagegen die Entwicklung im Rx-Bereich, wo Akteure wie der GKV-Spitzenverband schon versuchen, Modelle zu entwickeln, wie man mit dem Rx-Versand Einsparungen generieren könnte. „Wenn Krankenkassen dann Verträge mit dem billigsten Versandanbieter machen können, spätestens dann ist unser Versorgungsnetz in Gefahr“, so Saalfrank.

Für Dr. Markus Preißner vom Kölner Institut für Handelsforschung sollten bei der Diskussion über den Versandhandel vor allem die Themen Arzneimittel- und Versorgungssicherheit sowie Versorgungsqualität über allem stehen, nicht primär die Wirtschaftlichkeitsaspekte. Wenn Apotheken durch einen wachsenden Versandhandelsanteil vom Markt verschwinden, „dann haben wir mitunter ein Problem mit der Versorgungssicherheit“, machte es Preißner deutlich, „darüber muss in der Politik gesprochen werden“.

„Ich mache meinen Kunden klar, dass wir schneller, freundlicher und besser sind als Amazon.“

Dr. Björn Schittenhelm

DAZ-Chefredakteur Dr. Armin Edalat beklagte, dass in der Politik nur kurzfristig gedacht wird und keine langfristigen Visionen entwickelt werden, wo das Gesundheitssystem in 15 oder 20 Jahren stehen soll und wie es mit der Digitalisierung weitergehen soll: „Es geht immer nur um kurzfristige Einsparungen und nicht darum, wie die Versorgung der Patienten in der Zukunft aussehen soll und wie sich die Versicherten selbst ihre Versorgung vorstellen.“

Foto: Jürgen Fälchle – stock.adobe.com

Mehr Vernetzung und Digitalisierung

Reuter ist überzeugt: Die Apotheken müssten sich so rasch wie möglich vernetzen. Es gebe bereits genug Lösungsansätze, aber die Standespolitik spiele hier eher den Bewahrer und gehe nicht fortschrittlich genug voran. „Der Versandhandel in seiner heutigen Form wäre längst tot, wenn sich die Apotheker schon vernetzt hätten“, so Reuter. „Möglicherweise ist auch das Konkurrenzdenken der Apotheker untereinander ein Grund für die nicht vorhandene Vernetzung“, warf Kaapke ein und Schittenhelm bestätigte: „Bisher galt: Der größte Feind des Apothekers ist der Apotheker, aber die jüngeren Kolleginnen und Kollegen sehen ihren Feind schon eher im Großkapital der Versandhäuser – das sind ja keine Apotheken mehr. Es sind Großkonzerne.“ Kaapke spitzte diese Argumentation zu: Würden sich die Apotheker vernetzen, hätten sie im Wettbewerb mit den Versendern relativ gute Karten. Ist es da nicht enttäuschend zu sehen, vor allem für die jüngere Generation der Apotheker, dass die Apotheker da an sich selbst scheitern?“ Und nach Auffassung von Schittenhelm könne dies ein Grund dafür sein, dass so mancher ältere Kollege keinen Nachwuchs, keinen Käufer für seine Apotheke mehr finde: „Die digitale Entwicklung geht hier einfach zu langsam voran.“ Was möglicherweise damit zu tun habe, dass sich auch die Berufspolitik, die Vorsitzenden von Kammern und Verbänden, relativ seniorenlastig darstellten. Kuck unterstrich das Gesagte: „Die Vernetzung unter den Apotheken halte ich für außerordentlich wichtig. Man könnte dies auch tun, ohne dass man sich gegenseitig auf die Füße tritt.“ Jede Apotheke könne heute schon individuell ihren Patienten gute digitale Angebote machen. Die Frage sei, wie man durch eine Vernetzung auf höherer Ebene den Versendern Widerstand leisten könne. „Wir arbeiten derzeit an einer Lösung, so etwas zu verwirklichen, auch wenn wir sehen, dass dies sehr komplex ist“, ließ Kuck durchblicken, „aber wir sind da auf einem guten Weg.“

Saalfrank hält mehr Vernetzung prinzipiell für eine sehr gute Idee, allerdings müsse hinterfragt werden, was sich genau hinter der konkreten Vernetzung verberge. Die Frage sei, wie weit die Vernetzung gehe, denn der Kunde müsse eine klare Zuordnung zu einer Apotheke haben. „Eine Vernetzung, die dem Versandhandel oder auch Amazon die Stirn bietet, kann ich mir als technische und rechtliche Herausforderung vorstellen“, gab Saalfrank zu bedenken. Im digitalen Zeitalter müsse man dem Kunden digitale Lösungen anbieten, der Kunde erwarte das heute auch von der Apotheke, unterstrich es Preißner. Gleichwohl wisse man aus Kundenbefragungen, dass selbst die Kunden, die vorrangig online kaufen, durchaus Bedürfnissituationen haben, in denen sie in der Apotheke vor Ort einkaufen wollen, vor allem bei Beratungsbedarf. „Aber ließe sich das nicht auch per Telefon oder Videoschaltung durchführen“, provozierte Kaapke. Das mag theoretisch so sein, „aber bei einer Beratung per Bildschirm oder Telefon geht einiges in der Wahrnehmung des Gegenübers verloren“, warf Kuck ein. Die Frage sei letztlich auch, welche Apothekenlandschaft man wolle: „Will man als Älterer dann nur noch vor dem Bildschirm sitzen oder will man auch mal in die Apotheke an der Ecke gehen, um mit einem Menschen zu sprechen, der einem etwas erklärt?“

Foto: DAZ/diz
Über den Versandhandel diskutierten der Apotheker und YouTube-Blogger Jan Reuter sowie Rechtsanwalt Dr. Valentin Saalfrank.

Beim Thema Vernetzung gehe es auch darum, so Edalat, was der Patient brauche. Eine Vernetzung um jeden Preis bringe eher weniger, die Lösungen seien ausschlaggebend: Sollen sich Apotheken mit Ärzten vernetzen, sollen sich Apotheken untereinander vernetzen? Um welche Vernetzung geht es letztendlich?

Für den Landapotheker Reuter stellt sich dies so dar: „Wir müssen dorthin, wo die Kunden sind, nämlich auf ihre Mobile Devices, auf ihre Smartphones und Tablets.“ Aber auch die Vernetzung unter den Apotheken sieht Reuter als Notwendigkeit an, um sich beispielsweise datenschutzkonform und sicher über die Medikation eines Patienten austauschen zu können, Stichwort elektronische Patientenakte. Schittenhelm dachte diese Idee noch weiter: „Warum soll man im Notdienst nicht ins Warenlager der benachbarten Notdienstapotheke schauen können, um einen Kunden dorthin zu schicken, falls die eigene Apotheke nicht ausreichend bevorratet ist? Ich hätte auch kein Problem, dies dem Kunden im Apothekenalltag anzubieten.“ Gäbe es solche Lösungen schon, wären in seinem regionalen Kreis die benachbarten Apotheken und Ärzte bereit, sie anzuwenden, fügte Schittenhelm hinzu. Aber bisher scheitere es noch an datenschutzrechtlichen Bestimmungen, aber auch an den technischen Schnittstellen. Softwarehäuser sagten zwar, es sei möglich, aber hier habe sich noch nichts bewahrheitet.

Mehr Botendienst und ApBetrO ändern

Kaapke warf in die Diskussion ein, dass sich die Standesvertretung einerseits für die flächendeckende Versorgung mit stationären Apotheken einsetze, andererseits solle sich aber auch eine von wem auch immer gesteuerte Versandvertriebsstruktur aufbauen, weil ein bestimmter Anteil der Bevölkerung diese Art des Arzneimittelkaufs präferiere. Hat es für beide Systeme ökonomisch Platz? Nach Auffassung von Schittenhelm braucht man gar keine zwei parallelen Strukturen, man braucht auch kein Zentrallager für alle. Für ihn lässt sich dies schon heute mit dem Botendienst der Apotheke bewerkstelligen, wenn jede Apotheke den Botendienst nicht nur im begründeten Einzelfall anbieten darf, sondern flächendeckend – „dann brauchen wir keinen Versandhandel mehr“. Ein EDV-System könnte die eingehende Bestellung des Kunden an die Apotheke im Umkreis des Patienten weiterleiten, die das Mittel vorrätig hat: „Botendienst ist flächendeckend.“ „Vollkommen richtig“, unterstrich Kuck diese Gedanken, „genau das ist es, was Amazon gerne hätte, nämlich Warenläger in allen Dörfern.“

Noch scheitert diese Idee an der Standesvertretung, an der Apothekenbetriebsordnung, wie die Gesprächsrunde feststellte, weshalb Kaapke zu überlegen gab: Wenn die eigene Standesvertretung eine Lösung verhindert, die helfen könnte, das Problem zu beseitigen, dann sollte man doch besser darauf hinarbeiten, sich weniger mit den Versandapotheken zu beschäftigen als vielmehr mit der Frage, wie man die Apothekenbetriebsordnung an dieser Stelle ändert, um sie so zu gestalten, dass sie den aktuellen Anforderungen gerecht wird. Allerdings, so Schittenhelm, müsse man durchaus aufpassen, hier nicht Tür und Tor für bestehende Versender zu öffnen.

Aber: „Hier ein bisschen Regulierung, dort ein bisschen Liberalisierung so, wie es uns passt – führt das nicht zu Verwerfungen im Markt?“, fragte Kaapke und spitzte seinen Einwurf zu: „Bräuchten wir nicht eher einen absolut durchregulierten Markt? Oder sollte sich der Markt doch gänzlich liberalisieren mit der Maxime ‚survival of the fittest‘?“ Um dies beantworten zu können, sollte sich, so die Ansicht des Juristen Saalfrank, die Gesellschaft fragen, welchen Standard sie wolle, der dann durch den Gesetzgeber definiert und exekutiert werden müsste. Eigentlich habe man heute schon einen stark regulierten Markt, allerdings werde die Einhaltung von der Exekutive nicht konsequent umgesetzt. Als Beispiel nannte Saalfrank die Länderliste für die Anforderungen an ausländische Versender, eine Liste, die in Bezug auf das für niederländische Apotheken geltende Sicherheitsniveau nie mehr hinterfragt worden sei – „unfassbar“, so Saalfrank. Oder das Beispiel des Arzneimittelautomaten in Hüffenhardt: Befasse man sich mit dem deutschen Apothekenrecht, müsse man wissen, dass dies illegal sei. Aber es werde trotzdem gemacht. „Erschütternd, wie die Exekutive die Apotheken alleine lässt“, so Saalfrank, der noch ein weiteres Beispiel nannte: Der Bundesgerichtshof habe erst vor Kurzem entschieden, dass das Zuweisungsverbot zwischen den Heilberuflern (§ 11 des ApoG) nicht für ausländische Versandapotheken gelte – „ein Ungleichgewicht, das nicht tragbar ist“. Die Öffnung durch den Europäischen Gerichtshof hin zum Versandhandel für apothekenpflichtige Arzneimittel könne man natürlich nicht zurückdrehen. Eine Regulierung sei allerdings nötig, um ein definiertes Sicherheitsniveau zu gewährleisten.

„Hier ein bisschen Regulierung, dort ein bisschen Liberalisierung – führt das nicht zu Verwerfungen im Markt?“

Prof. Dr. Andreas Kaapke

Nach Ansicht von Edalat müsste man gar nicht auf ein Rx-Versandverbot hinarbeiten, wenn nur der Rahmenvertrag zwischen Apotheken und Krankenkassen, dem z. B. der ausländische Versender DocMorris beigetreten ist, exekutiert würde. „Hier steht doch drin, dass keine Boni gegeben werden dürfen“, so Edalat, „eine Apotheke, die den Rahmenvertrag nicht einhält, könnte schon längst bestraft werden, aber es macht keiner.“

Foto: DAZ/diz
Dr. Markus Preißner vom IFH Köln, Noweda-Chef Dr. Michael Kuck, DAZ-Chefredakteur Dr. Armin Edalat und Apothekeninhaber Dr. Björn Schittenhelm (v.l.)

Ungleichbehandlung von Versendern und Vor-Ort-Apotheken

„Vielleicht auch, weil es möglicherweise politischer Wille ist, den Versandhandel um jeden Preis zuzulassen“, fügte Kuck hinzu und sprach das Thema GDP an, die Richtlinie zur Good Distribution Practice, die deutsche Pharma-Großhandlungen zwingt, ihre Fahrzeuge mit Millionenaufwand zu Kühlfahrzeugen umzurüsten. Auf der anderen Seite werden Päckchen aus den Niederlanden mit Speditionsfirmen ohne Kühlung kreuz und quer durch Deutschland geschickt – „das kann doch nicht richtig sein“, so Kuck, „die GDP ist für die Patientensicherheit da, dann muss sie doch für jedes Lieferfahrzeug gelten! Aber hier wird Patientensicherheit mit zweierlei Maß gemessen!“ Wenn nämlich ein Großhändler die GDP nicht einhalte, mache er sich strafbar, erläuterte es Kaapke, aber der Versender, der die Temperatur auf dem Versandweg nicht einhalte, mache sich doch möglicherweise auch strafbar: „Der Unterschied: Ein Verstoß gegen die Temperatureinhaltung wird beim Großhändler exekutiert, beim Versender bagatellisiert.“

In diesem Zusammenhang: Man darf gespannt sein, welche Reaktionen die aktuelle Kaapke-Studie zur Einhaltung der Lieferbedingungen durch Versandapotheken hervorruft. Diese Untersuchung hat gezeigt, dass es durchaus Missstände bei den Versendern gibt – „eigentlich müsste dies einen Aufschrei von Verbraucherverbänden auslösen“, so Reuter.

Auch Kaapke zeigte sich gespannt, ob die ABDA auf diese Studie Bezug nimmt. „Letztlich lässt sich doch argumentieren: Wenn es wichtig ist, dass bei Arzneimitteln eine Kühlung gewährleistet ist, dann erwarte ich, dass sich auch der Versandhandel daran halten muss, oder er verliert seine Marktberechtigung. Sollte das Geschäftsmodell aber darauf aufgebaut sein, Gesetze zu brechen, dann ist das ein Anschlag auf den Staat“, formulierte es Kaapke.

„Hier wird Patientensicherheit mit zweierlei Maß gemessen.“

Dr. Michael Kuck

Daher sei es zu überlegen, so Kuck, ob die Apotheke die Strategie fahren sollte zu sagen, sichere Arzneimittel gibt es nur in der Vor-Ort-Apotheke, weil nur hierfür die GDP-Richtlinien gelten. „Es wird viel zu wenig von den Apotheken kommuniziert“, ergänzte Reuter, „was wir Apotheken für unsere Kunden machen. Wir sollten dringend überlegen, wie wir unsere Leistungen besser in der Öffentlichkeit darstellen.“ Wobei Kaapke provozierend einwarf, dass es mög­licherweise ein Problem sei, wenn die Standesvertretung den Anspruch habe, für alle Apotheken sprechen zu wollen, wohlwissend, dass nicht alle Apotheken die geforderten Standards erfüllen.

Benchmark Amazon

Wenn nun Apotheken in der Digitalisierung aufrüsten, sich vernetzen oder mit Modellen wie Click & Collect antreten, machte Kaapke deutlich, sollten sie wissen: Die Benchmark ist Amazon. Bestellplattformen sollten ähnlich gut sein wie dieser große Versender, denn der Online-Kunde erwarte heute in etwa diesen Standard.

Schittenhelm berichtete aus eigenen Erfahrungen mit seinem Shop-System, der einem Amazon-Shop gleicht mit dem Unterschied, dass Kunden ihre Waren nur vorbestellen und dann in der Apotheke abholen (Click & Collect) oder sich die Bestellung per Botendienst zustellen lassen können. Juristischen Ärger handelte er sich allerdings dadurch ein, weil er den Kunden anbot, ihre vorbestellten Waren auch nach Geschäftsschluss in Abholfächern abholen zu können – das Problem dabei: Vor der Abholung erfolgte kein Kontakt mit dem pharmazeutischen Personal. Schittenhelm: „Wir verpflichten nun diese Kunden, bei der Bestellung ihre Telefonnummer anzugeben, so dass wir sie telefonisch beraten können. Unterm Strich wird unser Shop sehr gut angenommen. Wir gewinnen viele der Online-Kunden zurück.“

„Botendienst ist ‚same day delivery‘, also genau das, was Amazon gerade erst versucht, aufzubauen.“

Dr. Markus Preißner

Aus dem Blickwinkel des Juristen betrachtet, gab Saalfrank zu bedenken, seien die Abholfächer in der Tat wohl eher dem Botendienst zuzuordnen. Das bedeutet, dass bei der Zustellung oder vorher eine Beratung stattgefunden haben muss. Es ist das, womit die Apotheke vor Ort punktet: mit der persönlichen Beratung. Wie Schittenhelm hinzufügte, hat der Kunde für die zwingende Angabe der Telefonnummer allerdings wenig Verständnis. „Und in der Regel stehen meine Kunden in den meisten Fällen auf Abholung in der Apotheke, die Abholfächer sind eher ein Marketing-Gag. Vor diesem Hintergrund gehe ich das eher gelassen an. Auch der Botendienst wird eher selten gewünscht, da ich für die Zustellung 3,50 Euro verlange, lediglich Rezepte werden kostenfrei geliefert.“

Preißner betonte allerdings, dass der Botendienst durchaus als ein Wettbewerbsinstrument gegen den Versandhandel herausgestellt werden sollte: „Botendienst ist ‚same day delivery‘, also genau das, was Amazon gerade erst versucht, aufzubauen.“

Zwei Jahre nach dem EuGH-Urteil...

Nahezu zwei Jahre nach dem EuGH-Urteil, mit dem die Gleichpreisigkeit bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln für ausländische Versandapotheken aufgehoben wurde, gibt es für deutsche Apotheken noch keine Lösung. Wie Saalfrank ausführte, liegt allenfalls die Aussage von Bundesgesundheitsminister Spahn vor, dass wohl etwas kommen wird. Auch die ABDA soll sich ähnlich geäußert haben. Aber noch sei alles Kaffeesatzleserei. Saalfrank erinnerte daran, dass die EuGH-Entscheidung keine allgemein bindende Entscheidung sei wie beispielsweise eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Die EuGH-Entscheidung betreffe zunächst zwei Organisationen, die miteinander gestritten haben. Man müsste dieser Entscheidung eigentlich nicht so viel Gewicht beimessen und könnte es mit weiteren Verfahren darauf ankommen lassen. In der Tat, ein Verfahren dazu läuft beim Oberlandesgericht Köln, allerdings geht es nur sehr langsam voran.

„Zurzeit mehren sich die Stimmen, die sagen, es wird wohl kein Rx-Versandverbot geben“, so Saalfrank. Dennoch, so warf Kuck ein, wäre es momentan noch zu früh, die Forderung nach einem Rx-Versandverbot aufzugeben. Man sollte es der Koalition nicht zu leicht machen.

In Kaapkes Wahrnehmung hat sich auch die Standesvertretung in dieser Frage nicht mit Ruhm bekleckert. Hinzu kommt, dass man sich nicht sicher sein kann, dass der Bundesgesundheitsminister diese Position tatsächlich vertritt, zumal sie sich nur bedingt mit seiner Digitalisierungs-Strategie verträgt. Schittenhelm erinnerte an die Sicht des Bürgers: „Wie will man ihm ein Rx-Versandverbot vermitteln?“ Kuck: „Man müsste versuchen, den Menschen die Konsequenzen klarer zu vermitteln, was es bedeutet, wenn Apotheken vom Markt verschwinden. Wir werden nun eine Kampagne dafür auflegen, die in dieser Hinsicht deutlicher sein wird als alles Bisherige und polarisieren wird.“

Dennoch, es bleibe ein schwieriges Unterfangen, so Kaapke, den Menschen klar zu machen, lieber in die Vor-Ort-Apotheke zu gehen, um sie zu stärken, als im Internet zu bestellen. Vor allem größeren Apotheken nehme man kaum ab, wie Schittenhelm hinzufügte, dass sie bald schließen müssten und den Wettbewerb nicht aushielten. Andererseits gebe es natürlich auch kleine Landapotheken, die hier glaubwürdiger auftreten könnten. Kaapke empfiehlt daher in der jetzigen Phase, lieber über die eigenen Stärken zu sprechen und diese herauszustellen als über die Nachteile eines anderen Systems: „Also, die Apotheken sollten viel stärker das kommunizieren, was sie leisten, was sie können“! Alles andere mache die Apotheke nicht sympathisch. Andererseits, so waren sich Schittenhelm und Kuck einig, vielleicht sollte jede Apotheke individuell die Strategie fahren, die zu ihrem Standort, zu ihrem Umfeld passt.

„Wir brauchen den Fernsehapotheker“, ergänzte Kaapke, „der in jeder Folge unter Beweis stellt, welchen Wert die stationäre Apotheke hat, wie sie täglich Menschen hilft, die am Versandhandel scheitern.“ Schittenhelm, der bereits Videos für seine Offizin produzierte, weiß aus eigener Erfahrung, dass solche Filme gut ankommen. Reuter hat einen Youtube-Kanal, über den er Videos zum Thema Apotheke und Arzneimittel verbreitet. Traurig stimme ihn, fügte Reuter hinzu, dass die Petition des Kollegen Redmann für ein Rx-Versandverbot noch lange nicht die erforderliche Menge an Stimmen erreicht habe. Traurig sei auch, dass hier keine Unterstützung aus Berlin komme.

Foto: DAZ/diz
„Wir brauchen den Fernsehapotheker!“ Moderator Prof. Dr. Andreas Kaapke findet, man müsste den Wert der Apotheken in der Gesellschaft noch bekannter machen.

Vielleicht, so Edalats Ansicht, hapert es in der Bevölkerung gar nicht an der Meinungsbildung pro Apotheke: „Die Apotheke hat per se ein gutes Image.“ „Pfarrer übrigens auch und trotzdem sind die Kirchen leer“, warf Kaapke ein. Dennoch, so Kuck, hätten aufrüttelnde Kampagnen durchaus ihre Berechtigung, auch wenn sie vielleicht nicht für jede Apotheke passten. Unsere neue Kampagne wird daher zunächst in Publikumsmedien veröffentlicht. In die Apotheken werden wir unsere Plakate daher nur auf Anforderung versenden“, erklärte Kuck, „Apotheke muss ‚cool‘ sein, es muss zum guten Ton gehören, in die Apotheke zu gehen.“ Kaapke verdeutlichte seine Sichtweise: Das Problem ist, ob der Verbraucher die Systemrelevanz seines Tuns erkenne: „Denn solange es eine Apotheke bei ihm um die Ecke gibt, ist es ihm egal, ob auf dem Land die eine oder andere Apotheken schließt.“

Preißner sprach sich dafür aus, mit den Argumenten eher an die Politik heranzutreten als die Bürger zu bevormunden. Die Apotheken sollten zudem digitaler werden. „Der Buchhandel hat dies vorgemacht“, so Reuter, „und beispielsweise eine eigene Plattform für E-Books aufgebaut.“ Schittenhelm ist überzeugt: „Die Apotheken werden erst vor Schmerz aufschreien, wenn Amazon in den Apothekenmarkt eintritt.“

Foto: DAZ/diz

Ausblick

Saalfrank geht davon aus, dass sich der Versandanteil erhöhen wird, abhängig davon, wie sich die Krankenkassen in die Verhandlungen einbringen. Hier liege ein großes Risiko. Man sollte zudem stärker hinterfragen, ob es mit dem Apothekenrecht konform sei, was große Player wie Amazon vorhaben. Also, öfters rechtliche Bedenken anmelden!

Dieser Ansicht stimmte Kuck zu. Darüber hinaus sollte sich die Apotheke gleichzeitig zukunftsfest aufstellen und stärker auf die Digitalisierung setzen. Die Apotheke wird weiterhin ihre Berechtigung haben, Politiker erkennen, dass sie eine Superlogistik hat. Den Krankenkassen warf Kuck vor, den Kompass verloren zu haben.

Was ein Rx-Versandverbot betrifft, so zeigte sich Reuter eher skeptisch, „ich sehe es noch nicht“. Kleinere Apotheken und Apotheken ohne Empathie werden nach seiner Einschätzung vom Markt verschwinden. Ein Gebot für die Zukunft sei es, so Reuter, dass sich Apotheken untereinander vernetzen.

Für Apotheken, die aktiv sind, hat Preißner keine Sorge, dass sie vom Markt verschwinden. Denn das Leistungsspektrum, das Apotheken bieten, werde auch in Zukunft gebraucht.

Ein Rx-Versandverbot wäre für Edalat noch keine Garantie, dass es mit Apotheken in der Zukunft weiter vorangeht. Er vermisst neue Ideen, „die Visionen für die Zukunft fehlen“.

Schittenhelm bleibt positiv gestimmt, auch wenn noch einige Apotheken auf der Strecke bleiben werden, was mög­licherweise politisch gewollt sei. Dennoch, er setze auf die Schnelligkeit eines beweglichen Mittelstands, der sich den zukünftigen Erfordernissen rasch anpasst. „Ich habe den schönsten Beruf der Welt“, so Schittenhelm.

Für Kaapke ist es notwendiger denn je, eine gesellschaftspolitische Diskussion zu führen: Es gehe nicht darum, 20.000 Apotheken zu retten, sondern ein System, das Lösungen für den Verbraucher anbiete. Die flächendeckende Versorgung sei keine Frage der Apothekenzahl, sondern ob und wie das System seine Aufgaben erfülle. Und zum Thema Versandhandel merkte Kaapke an: Dort, wo der Versandhandel nicht gesetzlich arbeite, müssten die Apotheken den Gesetzgeber auffordern, dies zu ahnden: „Ich wünsche mir hier einen deutlichen Aufschlag der ABDA“, so Kaapke. Mit angezogener Handbremse vorwärtszukommen wie derzeit, falle schwer. Seine Aufforderung: „Die Apotheker sollten mehr Selbstbewusstsein zeigen und der Gesellschaft vermitteln: Dort, wo ihr hinwollt, da kommen wir her.“ |

Autor

Peter Ditzel ist Herausgeber der DAZ – Deutsche Apotheker Zeitung

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