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Der verlängerte Arm der Pharmaindustrie

Wie Pharma Mall die Apotheken beschäftigt

jb | Von den Herstellern über die Großhändler in die Apotheken – so sieht zumindest für die öffentliche Apotheke die übliche Lieferkette aus. Direktbestellungen ergänzen das Ganze vor allem zum Beispiel bei der Saisonbevorratung von OTC-Arzneimitteln und der Kosmetik. Im Rx-Bereich spielte der Direktvertrieb dagegen kaum eine Rolle. Seit die Möglichkeiten der Rabatte massiv eingeschränkt wurden, gibt es hierfür auch wenig Anreize. Ist doch der Aufwand in der Regel größer als bei der Bestellung über den Großhandel. Allerdings werden Apotheker in letzter Zeit von den Herstellern vermehrt zu Direkt­bestellungen „gezwungen“.

DAZ.online wird sich ab sofort mit dem Thema „Direktvertrieb“ in der Apotheke näher befassen.

Viele Artikel sind über den Großhandel kaum mehr zu bekommen, sondern nur noch direkt beim Hersteller bzw. über Pharma Mall, einem Gemeinschaftsunternehmen großer Arzneimittelhersteller. Laut Homepage soll es der Optimierung „der Transaktionsprozesse zwischen Hersteller und Kunden“ dienen. Ziel sei die „Kostensenkung durch Prozessoptimierung“, heißt es weiter. Das Unternehmen sieht sich selbst als „verlängerten Arm der Pharmaindustrie“. „Wir stellen ausschließlich die technischen Möglichkeiten zur Verfügung, damit Großhändler, Apotheker und Kranken­häuser sowie teilweise auch Ärzte Arzneimittel bei den Pharmaunter­nehmen bestellen können,“ erklärt Geschäftsführer Christoph Windel im Gespräch mit der DAZ. Die Ursprünge des Unternehmens gehen nach den Worten Windels dabei auf die Jahrtausendwende zurück. Mit der Blüte der New-Economy etablierten sich neue, elektronische Kommunikations- und Vertriebsinstrumente. Auch die Pharmaindustrie begann, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Bayer, Boehringer Ingelheim, GlaxoSmithKline, die Merck-Pharma Deutschland, Novartis und das Logistikunternehmen Pharma Log beabsichtigten, sich ein Standbein im E-Commerce-Geschäft zu schaffen. „Die Unternehmen wollten sich für das verändernde Umfeld wappnen“, erklärt Windel – und gründete 2002 als Gesellschafter das Gemeinschaftsunternehmen Pharma Mall. Dabei fokussierte sich die Firma von Beginn an auf die Technologie, die hinter den Bestellvorgängen, Retouren und der Abwicklung von Lagerwertverlusten steckt. „Standardisierung und Automatisierung wesentlicher Transaktionen und Customer-Service-Prozesse“ umreißt Pharma Mall seine geschäftlichen Aktivitäten selbst.

Betroffen von dem Vertriebsweg am Großhandel vorbei sind insbesondere patentgeschützte Arzneimittel, die von Herstellern kontingentiert werden. Warum gerade die? Im Direktvertrieb mit Kontingentierung sehen viele Hersteller derzeit die einzige Möglichkeit, die Patienten in Deutschland noch sicher zu versorgen – so zumindest die Erklärung seitens der Firmen. Denn die Ware werde im großen Stil ins Ausland verkauft, wo man höhere Preise erzielen kann. Und zwar von Apothekern. Besitzen diese eine Großhandelserlaubnis, sei das völlig legal.

Foto: lifeinistanbul – stock.adobe.com
Wie auf einem Basar geht es bei Pharma Mall zwar nicht zu. Die Handelsplattform für Arzneimittel sorgt jedoch für einen deutlichen Mehraufwand in den Apotheken.

Mehraufwand für die Apotheke

Bei den Apothekern stößt das jedoch auf wenig Gegenliebe. Sie erleben, dass Pharma Mall die etablierten, ­optimierten Prozesse, nämlich die ­Bestellung über den Großhandel, ­untergräbt. Durch die direkte Bestellung von Einzelpackungen entsteht in der Regel Mehraufwand: bei der ­Bestellung, beim Wareneingang und bei der Bezahlung und ebenso bei ­etwaigen Retouren. Apothekenwirtschaftsexperte Dr. Thomas Müller-Bohn kalkuliert 10 Minuten Zeitaufwand bei einer Direktlieferung in der Apotheke. Bei einem Tarifgehalt von 1886 Euro für PKA (mittlere Tarifgruppe, 7. bis 9. Berufsjahr), 13 Monatsgehältern, 22 Prozent Sozialabgaben und Beiträgen sowie 1653 jähr­lichen Arbeitsstunden betragen die Personalkosten 30 Cent pro Minute. Für 10 Minuten sind daher Kosten von 3 Euro zu kalkulieren. Dieser Betrag gilt für die Lieferung eines Artikels. Er steigt nur geringfügig, wenn zwei oder drei Artikel geliefert werden. Angesichts der grob geschätzten Annahmen für den Zeitbedarf sind die Kosten von 3 Euro zwar nur ein Orientierungswert, aber diese Kosten ergeben sich allein schon aus dem Ablauf der Lieferung. Darüber hinaus können weitere Nachteile entstehen: So kann die Nachlieferung zusätzliche Kosten für den Boten und für Terminabsprachen mit dem Patienten oder dem ­behandelnden Arzt verursachen. Die kalkulierten Kosten sind daher als ­Minimum zu betrachten und gelten für den Fall, dass der ganze Ablauf plangemäß und reibungslos gelingt. Im Einzelfall können sie viel höher sein. Die ermittelten 3 Euro betragen fast die Hälfte des Rohgewinns aus dem Festzuschlag von 6,86 Euro, der nach Abzug des Kassenabschlags für ein Rx-Arzneimittel entsteht.

Rückschritt zur klassischen Arzneimittelversorung

Zudem geht durch den Bezug über Pharma Mall ein wichtiges Alleinstellungsmerkmale der Apotheke vor Ort verloren: die schnelle Lieferfähigkeit. Die Apotheken verfügen gemeinsam mit dem pharmazeutischen Großhandel über ein Vertriebsnetz, wie es ­keine andere Branche in Deutschland ihr Eigen nennen kann. Jedes verfügbare Arzneimittel ist in der Regel innerhalb weniger Stunden lieferbar, die Bestellung bei Pharma Mall kommt jedoch zumeist am nächsten Tag.

Foto: ABDA/LAV BW
„Der Großhandel muss der Goldstandard bleiben.“ – DAV-Präsident Fritz Becker

Mittlerweile sind die Apotheker nicht mehr nur bei den Bestellungen mit Pharma Mall konfrontiert. Auch Rückrufe werden vermehrt über das Portal abgewickelt statt über den pharmazeutischen Großhandel mittels Formular. Ein Apotheker spricht gar vom „schleichenden Tod der blauen Seiten“, also dem Teil der DAZ, in dem die Rück­rufe und die dazugehörigen Formulare abgedruckt werden. Gut aufgehoben fühlen sich die Apotheker also nicht. So ist beispielsweise eher von einem anonymen Dienstleister die Rede, der sich wenig um die Bedürfnisse der Apotheker kümmert.

Auch DAV-Präsident Fritz Becker hält es für keine positive Entwicklung, dass eine normale Bestellung beim Großhandel mit dem Hinweis auf ­Lieferengpässe oder Kontingente nicht ausgeführt werden kann, sie aber über Pharma Mall oder den Hersteller problemlos funktioniere. Der Großhandel, so Becker, müsse nicht zuletzt wegen der schnellen Belieferung, aber auch mit Blick auf die Effizienz der Versorgung, der „Goldstandard“ für alle Apotheken bleiben. Primäres Ziel der Apotheker sei, die bestmögliche Arzneimittelversorgung der Patienten sicherzustellen. Wer zum Modell eines vollversorgenden pharmazeutischen Großhandels stehe, für den müsse auch der Regelfall die Belieferung durch diesen sein, und der Direkt­vertrieb die Ausnahme.


Die Stimmen von DAV, Großhandel und Arzneimittelherstellern sowie weitere Hintergrundberichte finden Sie im Themenspezial „Direktvertrieb“ auf DAZ.online, in der rechten Spalte.

Juristisch fragwürdig

Neben all dem Unmut der Apotheker über den organisatorischen Aufwand, machen sich auch Juristen schon ­Gedanken über das Konstrukt. So schrieb Klaus Laskowski, heute stellvertretender Geschäftsführer der bayerischen Landesapothekerkammer, damals stellvertretender Geschäftsführer und Justiziar des Bayerischen Apothekerverbandes, 2015 in der AZ, dass es vor dem Hintergrund des in § 52 b Arzneimittelgesetz (AMG) geregelten Belieferungszwangs rechtlich fragwürdig sei, wenn etwa bestimmte hochpreisige Arzneimittel beim vollsortierten Großhandel nicht lieferbar, gleichzeitig aber beim Hersteller direkt ohne Probleme verfügbar seien. Wobei man hier durchaus die Frage stellen könnte, ob die Hersteller dem Großhandel die Lieferung tatsächlich verweigern würden. Dies wäre dann ein Verstoß gegen § 52 b AMG. Oder ob die Hersteller schon liefern würden, allerdings nur zu Konditionen, die dem Großhandel nicht schmecken. |

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