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Wirtschaft

Schwachstellen werden deutlicher

Eine Analyse zu den Daten des Apothekenwirtschaftsberichts 2018

Die Apotheken haben im Jahr 2017 im Durchschnitt mehr umgesetzt, aber von diesem Zuwachs ist beim Betriebsergebnis fast nichts angekommen. Neben einigen positiven Ergebnissen fällt im Apothekenwirtschaftsbericht über das Jahr 2017 insbesondere die fast im Rekordtempo gesunkene Apothekenzahl negativ auf. Zwischen den Zahlen werden die wirtschaftlichen Schwachstellen noch deutlicher. Günstige Entwicklungen kommen bei vielen Apotheken nicht mehr an. Ungünstige langfristige Entwicklungen können dagegen alle Apotheken treffen und das System insgesamt bedrohen. | Von Thomas Müller-Bohn

Claudia Korf, ABDA-Geschäftsführerin Wirtschaft, Soziales und Verträge, und Dr. Eckart Bauer, Abteilungsleiter Wirtschaft und Soziales, präsentierten beim Wirtschaftsforum des Deutschen Apothekerverbandes am 25. April in Potsdam den Apothekenwirtschaftsbericht 2018. Da die ABDA keine Zusammenfassung für die Fachpresse verfasst hat, stellt die DAZ die Daten der ABDA beziehungsweise des Deutschen Apothekerverbandes im Rahmen einer eigenen Analyse vor.

Günstige Leistung der Apotheken

Im ersten Teil des Wirtschaftsberichts wird die Diskrepanz zwischen den Ausgaben der GKV für die Apotheken und diversen Vergleichswerten aufgezeigt. Während die Apothekenvergütung pro GKV-Arzneimittelpackung seit etwa 2014 praktisch stagniert, steigen die Verbraucherpreise, die Tariflöhne in Apotheken und noch mehr das Bruttoinlandsprodukt und die GKV-Einnahmen seit Jahren deutlich. Bezogen auf das Basisjahr 2004, die Einführung des Kombimodells, stieg die Apothekenvergütung pro GKV-Arzneimittel­packung demnach um 14,3 Prozent, der Verbraucherpreis­index um 22,2 Prozent, der Index der Tariflöhne in Apotheken um 28,9 Prozent und das Bruttoinlandprodukt um 49,1 Prozent. Spitzenreiter im Vergleich sind die GKV-Einnahmen mit einem Anstieg um 67,8 Prozent. Dadurch ist der Anteil der Arzneimittel und des Apothekenhonorars an den GKV-Ausgaben langfristig gesunken. Im Jahr 2017 betrug der Anteil der Arzneimittel (ohne Apothekenhonorar) an den GKV-Ausgaben 12,4 Prozent (2007: 13,5 Prozent) und der Anteil des Apothekenhonorars 2,2 Prozent (2007: 2,6 Prozent). Im Jahr 2017 wandte die GKV 5,2 Milliarden Euro (vorläufige Angabe) für das Apothekenentgelt auf, 2018 werden es voraussichtlich 5,3 Milliarden Euro (Prognose) sein.

Die Apotheken erbringen ihre Leistungen für die GKV demnach zu einem günstigen Preis, der gut kalkulierbar ist und viel weniger steigt als die Einnahmen der GKV. Das 2004 eingeführte Kombimodell hat die Apothekenvergütung im Interesse der GKV und der anderen Kostenträger nachhaltig gebremst. Daher besteht kein Anlass für zusätzliche Steuerungsinstrumente oder gar Sparmaßnahmen.

Gutes Jahr für die GKV

Neben den Leistungen für die Patienten erbringen die Apotheken auch Leistungen für die Krankenkassen, die im Wirtschaftsbericht erwähnt werden. Dazu gehören im Berichtsjahr 2017 der Apothekenabschlag von 1.090 Millionen Euro (2016: 1.096 Millionen Euro), das Inkasso des Herstellerabschlags in Höhe von 1.563 Millionen Euro (2016: 1.562 Millionen Euro) und das Inkasso von Zuzahlungen der Patienten in Höhe von 2.149 Millionen Euro (durchschnittlich 2,90 Euro pro Packung; 2016: 2.143 Millionen Euro, durchschnittlich 2,80 Euro pro Packung). Der Anteil der Rabattvertragsarzneimittel mit Zuzahlungsbefreiung oder -ermäßigung war 2016 auf einen Tiefstwert von 23 Prozent gefallen und stieg nun leicht auf 25 Prozent. Die Zahl der zuzahlungsbefreiten Personen ging leicht auf 6,3 Millionen (8,8 Prozent der GKV-Versicherten; 2016: 6,5 Millionen Personen, 9,2 Prozent) zurück. Nach Angaben aus verschiedenen Quellen (Bundesgesundheitsministerium, GKV-Spitzenverband, IQVIA, ABDA) summieren sich die Einsparungen aus Festbeträgen, Rabattverträgen, Patientenzuzahlungen, Herstellerabschlägen, Erstattungsbeträgen und Apothekenabschlag für 2017 auf 18,4 Milliarden Euro, sodass die GKV 33,7 Milliarden Euro als effektive Ausgaben für Arzneimittel geleistet hat.

Abb. 1: Anzahl der gesetzlichen Krankenkassen. Der Konzentrationsdruck bei den Krankenkassen hat offenbar abgenommen, denn die Zahl der Krankenkassen ist in den vorigen Jahren kaum noch gesunken. Die Daten beziehen sich jeweils auf den 1. Januar als Stichtag. Quelle: GKV-Spitzenverband

Angesichts der günstigen Finanzentwicklung der GKV ist der Wettbewerbsdruck bei den Krankenkassen offenbar zurückgegangen. Nachdem die Zahl der Krankenkassen seit den 1990er-Jahren massiv gesunken ist, flacht die Kurve inzwischen deutlich ab (siehe Abb. 1). Insgesamt verfügte die GKV Ende 2017 über Finanzreserven von 28,3 Milliarden Euro, davon 9,1 Milliarden Euro im Gesundheitsfonds und 19,2 Milliarden Euro bei den Kassen, dort allerdings sehr ungleichmäßig verteilt. 2016 und besonders 2017 waren in der Gesamtbetrachtung offenbar wieder gute Jahre für die GKV, wie die Einnahmeüberschüsse zeigen (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Einnahmeüberschüsse und -defizite in der Gesetzlichen Krankenversicherung. In den Jahren 2016 und 2017 hat die Gesetzliche Krankenversicherung Einnahmeüberschüsse erzielt.  * vorläufige Angabe Quelle: Bundesgesundheitsministerium

Apothekenzahl: fast im Rekordtempo abwärts

Eine der zentralen Angaben im Apothekenwirtschaftsbericht ist stets die Zahl der Apothekenbetriebsstätten. Ende 2017 bestanden 19.748 Apotheken. Dies waren 275 Apotheken (1,4 Prozent) weniger als am Ende des Vorjahres (20.023). Dazu lohnt sich eine genauere Betrachtung, als sie in den Daten des Wirtschaftsberichts präsentiert wird: Der Rückgang der Apothekenzahl hat sich seit 2015 beschleunigt, denn 2015 schlossen 192 Apotheken, und 2016 ging ihre Zahl um 226 zurück. Ein so dynamischer Rückgang spricht eher für ein zunehmendes Problem als für „normalen“ Strukturwandel. Die Zahl der Apotheken sank 2017 fast wie zur Zeit des AMNOG, was damals viel diskutiert wurde, aber jetzt deutlich weniger Aufmerksamkeit erzielt. Darum soll hier betont werden, dass die Apothekenzahl 2017 fast im Rekordtempo gesunken ist. Nur 2012 war der Rückgang mit einer Abnahme um 317 Apotheken noch stärker.

Abb. 3: Anzahl der Apothekenbetriebsstätten. Die Zahl der Apotheken in Deutschland ist weiter gesunken und lag Ende 2017 unter der Zahl von 1990. Die Angaben für die Zeit zwischen 1970 und 1990 sind Summen für die BRD und die DDR. Quelle: ABDA

Zurück zu den Daten des Wirtschaftsberichts: Die Zahl der Apotheken war Ende 2017 etwas geringer als im Jahr 1990 (19.898; siehe Abb. 3). Da die Apothekendichte zur Zeit der Wende im Osten jedoch viel geringer als heute war, entspricht die heutige Apothekendichte im Westen dem Stand zu einem deutlich früheren Zeitpunkt. Dabei ergeben sich für verschiedene Bundesländer unterschiedliche Vergleichsjahre, aber darauf geht der Wirtschaftsbericht nicht ein. Ende 2017 betrug die Apothekendichte bundesweit 23,9 Apotheken je 100.000 Einwohner (2016: 24,4). Sie liegt damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 31 Apotheken je 100.000 Einwohner. Wie bereits erstmals 2016 ist die Apothekendichte im Osten jetzt etwas größer als im Westen (siehe Abb. 4). Vermutlich wurden die Standorte der vielfach nach 1990 gegründeten Apotheken im Osten besonders gut ausgewählt.

Abb. 4: Apothekendichte. Der Rückgang der Apothekendichte betrifft bisher vorrangig den Westen. Die Abbildung zeigt die Zahl der Apotheken je 100.000 Einwohner getrennt für West- und Ostdeutschland, ab 1998 auch gemeinsam. Ab 1999 schließen die Angaben für die alten Bundesländer Gesamt-Berlin ein. Quelle: ABDA

Filialen: anhaltender Trend

Die sinkende Apothekenzahl beruht insbesondere auf der gestiegenen Zahl der Schließungen (395; 2016: 349), während die Zahl der Neueröffnungen stagnierte (120; 2016: 123). Dabei ist der Trend zu mehr Filialen ungebrochen. Die Zahl der Filialen hat weiter auf 4.512 (2016: 4.416) zugenommen, sodass 22,8 Prozent der Apotheken Filialen sind. Dabei sind wie schon 2016 viel mehr Filialen durch Übernahmen als durch Neueröffnungen entstanden (siehe Abb. 5). Die Zahl der Einzelapotheken sank auf 11.989 (2016: 12.399). Die Zahl der Hauptapotheken mit einer Filiale sank erstmals leicht auf 2.282 (2016: 2.290). 665 Apotheken hatten zwei Filialen (2016: 628), 300 Apotheken sogar drei Filialen (2016: 290). Insgesamt bestanden 15.236 Haupt- beziehungsweise Einzelapotheken (2016: 15.607). Dies kann einen ersten Trend zu größeren Filialverbünden anzeigen, aber der typische Fall der Filialverbünde besteht weiterhin aus einer Hauptapotheke und nur einer Filiale. Zugleich stieg die Zahl der Apotheken, die als OHG betrieben werden, auf 709 (2016: 689). Im langfristigen Vergleich zeigt sich ein deutlicher Trend zu dieser Betriebsform, der mit der steigenden Zahl großer Apotheken zusammenhängen dürfte. Im Jahr 2005 gab es bei ins­gesamt mehr Apotheken erst 385 OHG-Apotheken. Doch dies gleicht die sinkende Zahl der selbstständig tätigen Leiter (Inhaber, Pächter, Verwalter) nicht aus. 2017 waren 15.836 Apotheker in dieser Position tätig (2016: 16.394).

Abb. 5: Veränderungen der Apothekenzahlen im Jahr 2017. Der linke Teil der Abbildung zeigt, wie sich die sinkende Apothekenzahl aus Schließungen und Neueröffnungen ergibt. In der Mitte und rechts werden diese Daten getrennt nach Filialen und Haupt- oder Einzelapotheken dargestellt. Die Zahlen in Klammern geben die jeweilige Entwicklung im Jahr 2016 an. Quelle: Landesapothekerkammern

Beschäftigung: positiv

Die öffentlichen Apotheken sind mit 51.098 beschäftigten Apothekern (2016: 50.123) das weitaus wichtigste Tätigkeitsfeld für Apotheker. Die Struktur der Tätigkeitsfelder hat sich kaum verändert (siehe Abb. 6). Die Gesamtzahl der beschäftigten Apotheker stieg auf 64.379 (2016: 62.948). Auch die Zahl der Beschäftigten in Apotheken stieg trotz der sinkenden Apothekenzahl weiter an. Dies gilt sowohl für die Gesamtzahl der dort Beschäftigten als auch für die Zahl der dort beschäftigten Apotheker. Allerdings nahm die Zahl der Ausbildungsplätze in Apotheken ab. Im Jahr 2017 waren 157.284 Personen in Apotheken tätig (2016: 156.428).

Abb. 6: Tätigkeitsfelder: Anzahl der Apothekerinnen und Apotheker in … Fast 80 Prozent der Apotheker arbeiten in öffentlichen Apotheken. Quelle: ABDA

Darunter waren 7.395 Ausbildungsplätze (2016: 7.541; siehe Tab. 1). Auf den ersten Blick spricht diese Konstellation für einen „normalen“ Strukturwandel, bei dem sich die Arbeitsplätze auf weniger Apotheken verteilen und sogar vermehren. Doch realistischer erscheint, dass der Qualitätswettbewerb weiterhin funktioniert und Apotheken mit zu wenig Personal keine Chance haben. Die Beschäftigungssituation muss daher nicht unbedingt ein Maßstab für die wirtschaftliche Lage der Apotheken sein.

Tab. 1: Anzahl der Beschäftigten in Apotheken. Trotz sinkender Apothekenzahl steigt die Zahl der Beschäftigten in Apotheken. Quelle: ABDA

Arzneimittelabsatz und -umsatz: kompliziert

Weitere zentrale Angaben im Apothekenwirtschaftsbericht betreffen stets die in Apotheken abgegebenen Arzneimittel. Diese Daten stammen von Insight Health und von der ABDA. Im Jahr 2017 ging der Arzneimittelabsatz auf 1.373 Millionen Packungen (2016: 1.408 Millionen Packungen) zurück (siehe Abb. 7), während der Umsatz einschließlich Ergänzungssortiment auf 49,05 Milliarden Euro (2016: 48,15 Milliarden Euro) stieg (siehe Abb. 8). Angesichts der primär packungsbezogenen Honorierung bei Rx-Arzneimitteln ist für die Apotheken jedoch der Absatz besonders relevant. Der Wirtschaftsbericht weist ausdrücklich auf einen Rückgang des Absatzes von Rx-Ulcustherapeutika um 7 Prozent hin. Der Absatz der OTC-Ulcustherapeutika sank in Präsenzapotheken um 5 Prozent, stieg aber im Versand um 12 Prozent. Offensichtlich verlagert sich das OTC-Geschäft immer weiter zu den Versandapotheken.

Abb. 7: Arzneimittelabsatz in Apotheken. Die Abbildung zeigt, wie sich die Arzneimittel aus Apotheken gemessen an der Packungszahl verteilen. Das Ergänzungssortiment wird hier nicht berücksichtigt. Die Vorjahreswerte sind jeweils in Klammern angegeben. Quellen: ABDA, Insight Health
Abb. 8: Umsatzstruktur in Apotheken. Die Abbildung zeigt, wie sich die Umsätze der Apotheken auf verschiedene Produktgruppen verteilen. Diese wertbezogene Darstellung hat eine andere Grundgesamtheit als die Daten der Abb. 7, denn in Abb. 8 geht auch das Ergänzungssortiment ein. Die Vorjahreswerte sind jeweils in Klammern angegeben. Quellen: ABDA, Insight Health

Versand: kräftig bei OTC

Gemäß der „KV45“-Statistik des Bundesgesundheitsministeriums für 2017 (vorläufige Daten) betrug der Wert der Arznei- und Verbandmittel, die von Vertragsärzten verordnet und mit ausländischen Versendern abgerechnet wurden, 410 Millionen Euro (Marktanteil 1,1 Prozent) nach 367 Millionen Euro (Marktanteil 1,0 Prozent) im Vorjahr. Im Jahr 2014 waren bereits 406 Millionen Euro und 1,2 Prozent Marktanteil ermittelt worden. Andere Quellen weisen einen ähnlichen Marktanteil für rezeptpflichtige Arzneimittel bei Versendern (im In- und Ausland) aus (siehe Tab. 2). Der Rx-Versand wuchs demnach 2017 zwar deutlich, aber ausgehend von einem niedrigen Niveau.

Tab. 2: Entwicklung des Versandes bei Rx-Arzneimitteln. Der Rx-Versandhandel ist 2017 auf niedrigem Niveau gewachsen, hat aber noch einen Marktanteil im 1-Prozent-Bereich. Gemäß Angaben der ABDA wurde die Datenquelle geändert. Daraufhin sei die Qualität der verfügbaren Daten zum Versandhandel mit Rx-Arzneimitteln eingeschränkt. Quellen: IQVIA, ABDA* bewertet zum Abgabepreis des pharmazeutischen Unternehmers abzüglich Herstellerabschlägen

Ganz anders ist die Situation bei den nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Während diese in Präsenzapotheken stagnieren, findet nahezu das gesamte Wachstum dieses Marktes im Versand statt. Der Versand mit nicht verschreibungspflichtigen Apothekenprodukten legte 2017 um 6,3 Prozent nach Menge und 9,8 Prozent nach Wert zu (siehe Tab. 3). Dies betrifft demnach überproportional viele hochpreisige Produkte. Diese Entwicklung zeigt, dass ein Vertriebssegment auch mit einem Umsatzanteil von „nur“ 17 Prozent wesentlich für einen Markt sein kann. Dies kann als Warnung für die Entwicklung bei Rx-Arzneimitteln betrachtet werden, auch wenn die Aufmerksamkeit für Rx-Boni bisher wohl eher als indirekte Werbung für das OTC-Geschäft wirkt.

Tab. 3: Entwicklung des Versandes bei OTC- und Nicht-Arzneimitteln. Außerhalb des Rx-Bereichs sind die Versandapotheken 2017 deutlich gewachsen. Quellen: IQVIA, ABDA* bewertet zum Abgabepreis des pharmazeutischen Unternehmers abzüglich Herstellerabschlägen

Im ABDA-Wirtschaftsbericht werden dem Rx-Versand allerdings ein mittelfristiges Potenzial von 10 Prozent Marktanteil und ein langfristiges Potenzial von 25 Prozent Marktanteil zugeschrieben. Ausgehend von einer durchschnittlichen Vergütung von 8,40 Euro für eine Rx-Fertigarzneimittel­packung im GKV/PKV-Mix ermitteln die Autoren des Wirtschaftsberichts daraus Rohertragseinbußen von 550 Millionen Euro beziehungsweise 1,5 Milliarden Euro für die öffentlichen Apotheken. Es ist offensichtlich, dass solche Verschiebungen das System grundsätzlich erschüttern würden. Daraus leitet die ABDA ihre bekannte Forderung nach einem Rx-Versandverbot ab, das die Gleichpreisigkeit der Rx-Arzneimittel sichern soll. Dabei soll der Festzuschlag mit Packungsbezug als „Grundversorgungsprämie“ verstanden werden, wie es im Wirtschaftsbericht heißt.

Umsatz: im Durchschnitt gewachsen

Im zweiten Teil des Wirtschaftsberichts, der von Dr. Eckart Bauer präsentiert wurde, geht es darum, wie die dargestellten Entwicklungen auf die betriebswirtschaftlichen Ergebnisse der Apotheken im Berichtsjahr gewirkt haben. Dazu werden Daten der Treuhand Hannover aus 2.500 Apotheken ausgewertet. Die zugrundeliegenden Buchungen erfassen nur den Apothekenbetrieb und keine weiteren Einkommen der Inhaber aus anderen Quellen. Alle Daten beziehen sich auf Betriebsstätten, wobei Filialen einbezogen werden.

Gemäß den vorgestellten Daten ist der durchschnittliche Nettoumsatz der Apotheken im Berichtsjahr auf 2,315 Millionen Euro gegenüber 2,220 Millionen Euro im Vorjahr gestiegen (siehe Abb. 9) und damit um 4,3 Prozent. Was dies über die Apotheken insgesamt aussagt, ergibt sich allerdings erst aus einer zusätzlichen Rechnung, die im Wirtschaftsbericht nicht enthalten ist: Multipliziert man die Durchschnittsumsätze mit der jeweiligen Apothekenzahl, ergibt sich eine Hochrechnung für die gesamten Nettoumsätze aller Apotheken. Diese liegt für 2017 um 2,8 Prozent über dem Vorjahreswert. Ohne den „survivor bias“, also die Verlagerung der Umsätze schließender Apotheken auf die verbleibenden Apotheken, sind die Apothekenumsätze also um 2,8 Prozent gestiegen. Der restliche Anstieg um knapp 1,5 Prozent ergibt sich aus der Umverteilung. Dies entspricht zwar etwa dem Rückgang der Apothekenzahl um 1,4 Prozent, ist aber erstaunlich, weil meist eher umsatzschwache Apotheken schließen.

Abb. 9: Umsatzverteilung der Apotheken. Die Abbildung zeigt, wieviel Prozent der Apotheken zu den jeweiligen Umsatzgrößenklassen gehören. Die häufigste Umsatzgrößenklasse (typische Apotheke) liegt deutlich unter dem Durchschnitt. Fast 62 Prozent der Apotheken erzielen weniger als den Durchschnittsumsatz. Quelle: ABDA

Spreizung: zunehmend problematisch

Zurück zu den Daten des Wirtschaftsberichts: Dort wird die zunehmende Spreizung der Umsätze deutlich (siehe Abb. 9). 3,8 Prozent der Apotheken (2016: 3,4 Prozent) setzen demnach jeweils über 5 Millionen Euro um. Dies zieht den Durchschnitt nach oben und sorgt dafür, dass fast 62 Prozent der Apotheken unter dem Durchschnitt liegen. Die typische Apotheke, das heißt die häufigste Umsatzgrößenklasse, liegt immer weiter unter dem Durchschnittswert. Im Jahr 2002, dem Basisjahr für die Umstellung auf das Kombimodell, setzte die durchschnittliche Apotheke 37 Prozent mehr als die typische Apotheke um, 2016 waren es 48 Prozent mehr und 2017 schon 51 Prozent mehr. Als typisch gilt 2017 wie im Vorjahr die Größenklasse mit Nettoumsätzen von 1,5 bis 1,75 Millionen Euro, aber deren Häufigkeit ist von 12,2 Prozent auf 10,9 Prozent gesunken. Die Umsatzverteilung hat einen immer flacheren Gipfel, die Apotheken werden also immer verschiedener. Außerdem verschiebt sich die Verteilung zu größeren Umsätzen. Denn kleine Apotheken schließen besonders häufig und große Apotheken wachsen besonders stark. Dies zeigt im Wirtschaftsbericht besonders der Vergleich mit der Umsatzverteilung des Jahres 2013 (siehe Abb. 10). Das Bild zeigt, wie die Säulen nach rechts „wandern“. Seit 2002 ist der Umsatz typischer Apotheken um 55,6 Prozent und der Umsatz durchschnittlicher Apotheken um 71,4 Prozent gestiegen.

Abb. 10: Umsatzverteilung der Apotheken in den Jahren 2013 und 2017 im Vergleich. Die blauen Säulen zeigen die Umsatzverteilung im Jahr 2013, die braunen Säulen im Jahr 2017. Die Verteilung „wandert“ nach rechts, weil kleine Apotheken schließen und große Apotheken wachsen. Quelle: ABDA

Kostenentwicklung: moderat

Gemäß dem Wirtschaftsbericht ist der Wareneinsatz der Apotheken im Jahr 2017 auf 76,0 Prozent gestiegen (2016: 75,8 Prozent), der Rohgewinn als komplementäre Größe ist demnach auf 24,0 Prozent gesunken. Dies dürfte sich insbesondere aus der steigenden Bedeutung der Hochpreiser ergeben, aber gegenüber früheren Jahren haben die Veränderungsraten abgenommen, die Kurve flacht also ab. Möglicherweise wird sich der Anteil der Hochpreiser stabilisieren. Der Anteil der Personalkosten am Nettoumsatz ist auf 10,7 Prozent gestiegen (2016: 10,6 Prozent), der Anteil der sonstigen Kosten blieb bei 7,4 Prozent. Der Anteil der Personalkosten am Rohgewinn stieg auf 44,6 Prozent (2016: 43,8 Prozent), er betrug 2003 erst 37,5 Prozent. Demnach wenden die Apotheken einen immer größeren Teil ihrer Marge für das Personal auf. Naheliegende Gründe sind aufwendigere Beratungsgespräche und der Trend zu größeren Apotheken und Filialen, bei denen der Arbeitsanteil des Inhabers geringer wird.

Betriebsergebnis: nominal knapp gestiegen

Aus dem Rohgewinn wird nach Abzug aller Kosten das steuerliche Betriebsergebnis ermittelt. Gemäß dem Wirtschaftsbericht stieg dies im Berichtsjahr auf durchschnittlich 143.543 Euro pro Apotheke nach 142.622 Euro im Vorjahr. Gemessen am Nettoumsatz, also als relative Angabe, ging es hingehen von 6,4 Prozent auf 6,2 Prozent des Nettoumsatzes zurück (siehe Abb. 11). Denn das Betriebsergebnis stieg nur um 0,6 Prozent, der Nettoumsatz dagegen um 4,3 Prozent (siehe oben). Doch Unternehmen, deren Umsätze stärker steigen als ihre Gewinne, haben ein Margenproblem. Ihre Kosten sind zu hoch oder ihre Preise zu niedrig. Naheliegende Ursachen bei den Apotheken sind die überfällige Anpassung des Festzuschlags auf Rx-Arzneimittel, der Preiswettbewerb bei OTC-Arzneimitteln und die Verzerrungen durch Hochpreiser. Die Betriebswirtschaftslehre vermittelt, dass ein solcher unterproportionaler Gewinnanstieg nicht für nachhaltiges Wachstum spricht, sondern ein strukturelles Problem anzeigt. Denn Unternehmen leben vom Gewinn und nicht vom Umsatz.

Abb. 11: Betriebsergebnisse der Apotheken im zeitlichen Vergleich. Von 2003 bis 2011 ist nur jedes zweite Jahr angegeben, ab 2012 jedes Jahr. Die braunen Säulen zeigen die steuerlichen Betriebsergebnisse durchschnittlicher Apothekenbetriebsstätten. Die darin integrierten blauen Säulen zeigen jeweils diese steuerlichen Betriebsergebnisse in Prozent vom Nettoumsatz. Seit 2013 sind die Betriebsergebnisse in Euro gestiegen, aber in Prozent vom Nettoumsatz gefallen. Quelle: ABDA

Immerhin haben die Apotheken 2017 ihr bislang höchstes durchschnittliches Betriebsergebnis erreicht, aber im langfristigen Vergleich sagen solche Zahlen wenig aus. Korrigiert um die Entwicklung der Verbraucherpreise seit 2002 ergibt sich ein anderes Bild. Bereinigt um die Preisentwicklung ist das Betriebsergebnis 2017 sogar erstmals seit dem Nach-AMNOG-Jahr 2013 wieder gesunken. Gemessen in Preisen des Jahres 2002 beträgt es nur 116.358 Euro und damit nur 4,5 Prozent mehr als im Jahr 2003 (Betriebsergebnis für 2003 in Preisen von 2002: 111.285 Euro). Für das Teilbetriebsergebnis aus der GKV-Versorgung weist der Wirtschaftsbericht durchschnittlich 84.013 Euro pro Apotheke aus (2016: 83.434 Euro).

Im Wirtschaftsbericht wird diese Entwicklung in folgenden Trends zusammengefasst:

  • Der Umsatz steigt, wobei die Spreizung zwischen den Apotheken weiter zunimmt.
  • Die Packungszahl sinkt trotz steigender Bevölkerungszahl.
  • Die durchschnittliche Apotheke stagniert, denn das Betriebsergebnis steigt nur nominal, aber nicht real (also nicht preisbereinigt).
  • Das Betriebsergebnis der typischen Apotheke geht nominal und real zurück.

Dieses Ergebnis wirkt noch schlechter, wenn man bedenkt, welche günstigen Entwicklungen darin enthalten sind. Die Umsätze der bestehenden Apotheken sollten allein durch die Schließung von Apotheken steigen („survivor bias“), im Berichtsjahr stiegen die Tarife für klassische Rezepturen sowie für die Dokumentation von BtM- und T-Rezepten, und die rückwirkende Schiedsstellenentscheidung zu geringeren Abrechnungspreisen für Zytostatikazubereitungen wurde noch nicht berücksichtigt. Der Wirtschaftsbericht kommt daraufhin zu dem Fazit, dass die seit 2013 andauernde „Erholungsphase“ ihrem Ende entgegengeht.

Prognose für 2018

In der Prognose für 2018 erwarten die Autoren des Wirtschaftsberichts, dass die meisten Einflussfaktoren der Apothekenentwicklung unverändert bleiben. Nur die Lohnkosten würden steigen und die Apothekenzahl sinken. Die Entwicklung bei der Hilfstaxe kann derzeit nicht kalkuliert werden, doch sehen die Autoren für 2018 eine deutlich schlechtere Wirtschaftlichkeit bei Spezialrezepturen. Der wesentliche positive Effekt für die verbleibenden Apotheken seien die anhaltenden Apothekenschließungen. Damit sei 2018 ein durchschnittliches Betriebsergebnis wie 2017 zu erwarten, „wenn es gut läuft“.

Weiter gedacht

Das Fazit der Autoren des Wirtschaftsberichts, die „Erholungsphase“ gehe zu Ende, erscheint jedoch zu positiv ausgedrückt. Denn wenn die Apotheken trotz positiver Sondereffekte stagnieren, bedeutet dies, dass die Betriebsergebnisse unter „normalen“ Bedingungen sinken würden. Von einer Erholung zu sprechen, klingt zudem zynisch für die Apotheker, die kürzlich ihre Apotheke geschlossen haben oder derzeit erfolglos einen Nachfolger suchen. Aus dieser Perspektive drängt sich die Frage auf: Wie sieht die Zukunft aus, wenn die vorigen Jahre eine „Erholung“ waren? Offensichtlich kann es für Apotheken, die heute schon Probleme haben, nicht besser werden. Daher werden weitere Apotheken schließen. Steigende Durchschnittsumsätze, die sich immer mehr von den Daten der typischen Apotheken entfernen, bedeuten auch, dass die Zuwächse praktisch nur noch bei Apotheken mit besonders günstigen Bedingungen ankommen. Dabei bleibt offen, ob der Standort, die Beratungsqualität, Marketingaktivitäten oder andere Faktoren den Ausschlag geben. Viele „typische“ Apotheken leiden dagegen offenbar unter mehr oder weniger schleichenden Gewinnrückgängen. Die Diagnose sollte daher eher lauten: Die Kompensation der massiven Rückgänge von 2011 und 2012 ist abgeschlossen und wurde nur noch durch Sondereffekte „gestreckt“. Doch die „Branche“ hat keine strukturelle Stärke, sondern einzelne Apotheken profitieren von Umverteilungen.

Die Schwäche vieler „typischer“ Apotheken ist allein kein Grund für eine baldige Schließung, aber auch kein Klima für Investitionen und schon gar kein Anreiz für eine Übernahme, wenn der Apothekeninhaber in den Ruhestand geht. Damit erlauben die präsentierten Daten des Wirtschaftsberichts keine Prognose, wie schnell die Apothekenzahl weiter sinken wird, wie viele Apotheken von einer Schließung bedroht sind und wann möglicherweise ein Boden erreicht wird. Nur ein Teil der Schließungen dürfte darauf beruhen, dass die Apotheken Verluste erzielen. Solche Fälle dürften meist als Strukturwandel anzusehen sein, der zu jedem wettbewerblich organisierten System gehört. Das Problem für das System und für die flächendeckende Arzneimittelversorgung besteht hingegen in der großen Zahl von Apotheken, die zwar heute existieren können, aber nicht zukunftsfähig sind und die vermutlich nicht mehr übernommen werden. Je nach Alter des Apothekeninhabers sind diese früher oder später von einer Schließung bedroht. Um die Zahl dieser Apotheken abzuschätzen, wären die Altersverteilung der Inhaber und die Verteilung der Betriebsergebnisse zu betrachten. Letztere sagt viel mehr aus als eine Umsatzverteilung, denn unterschiedliche Betriebskosten und unterschiedliche Hochpreiseranteile lassen nur schwer von Umsätzen auf Betriebsergebnisse schließen. Um die Folgen für die Versorgungssicherheit abzuschätzen, wären zudem Daten über die wirtschaftliche Lage von Apotheken in Alleinlagen nötig. Die präsentierten Daten enthalten solche Informationen jedoch nicht. Für die politische Argumenta­tion ist das sicherlich ein Hindernis.

Folgen für die Honorardebatte

Außerdem ist zu ergänzen, dass sich die jüngste Erhöhung der Rezepturtarife und BtM-Gebühren in den Ergebnissen nicht erkennbar niedergeschlagen hat. Offenbar war der Effekt im Vergleich zum gesamten Betriebsergebnis zu gering. Doch dies ist nicht verwunderlich, weil Rezepturen und BtM nur kleine Teile des Gesamtumsatzes ausmachen. Das Ergebnis belegt in gewisser Weise sogar, dass diese Maßnahme erfolgreich war. Denn es ging darum, ruinöse Entwicklungen in den stark betroffenen Apotheken zu verhindern und gerade nicht „mit der Gießkanne“ neue Honorare zu verteilen. Dies zeigt, dass gezielte Eingriffe in die Honorierung sinnvoll und möglich sind, und sollte zu weiteren Maßnahmen dieser Art motivieren. Doch es zeigt auch, dass die jüngste Änderung der Arzneimittelpreisverordnung keinen relevanten Honorarzuwachs gebracht hat. Sie darf also kein Argument sein, die Apotheker bei anderen Honorarwünschen zu vertrösten. |

Autor

Dr. Thomas Müller-Bohn

Apotheker und Dipl.-Kaufmann, auswärtiges Mitglied der Redaktion der Deutschen Apotheker Zeitung

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