Arzneimittel und Therapie

Retinopathie früh erkennen

Durch Bestimmung von Netzhautläsionen Progression vermindern

Die diabetische Retinopathie ist nach der Makuladegeneration die zweithäufigste Ursache für Erblindungen. Einblutungen, Netzhautablösungen und Ödeme im Auge führen mit der Zeit zum Sehverlust der Patienten. Je stärker die Netzhaut geschädigt ist, desto schwieriger ist es therapeutisch, eine Stabilisierung der Sehfähigkeit zu erreichen. Inwiefern die Verteilung und Größe der Netzhautläsionen eine Vorher­sage über die Progression des Sehverlustes erlauben, ist Gegenstand aktueller Untersuchungen.

Die diabetische Retinopathie führt bei circa 0,2% der Diabetespatienten zur Erblindung. Erheblich häufiger kommt es zu einer Sehbeeinträchtigung. Diese wird durch Veränderungen der Kapillargefäße des Auges verursacht. So weisen die Blutgefäße der Retina eine gesteigerte Permeabilität auf oder gehen durch ischämische Verschlüsse zugrunde. Findet gleichzeitig eine ungeordnete Neubildung von fragilen Gefäßen statt, spricht man von einer proliferativen diabetischen Retinopathie (PDR). Bei der PDR treten Einblutungen auf, und es kommt durch Binde­gewebsneubildung zur Netzhautablösung. Daher gilt es, der proliferativen diabetischen Retinopathie durch Screening und präventive Maßnahmen vorzubeugen.

Prognose schwer abschätzbar

Bislang ist es schwer vorherzusagen, ob sich aus einer nichtproliferativen Form eine PDR entwickelt. Ein augenärztliches Screening soll immer bei Erstdia­gnose eines Typ-2-Diabetes erfolgen, bei Patienten mit Typ-1-Diabetes ab einem Alter von elf Jahren oder fünf Jahre nach Diagnosestellung. In Abhängigkeit von Risikofaktoren wie Hypertonie und Nephropathie ist das Screening alle ein bis zwei Jahre zu wiederholen.

Wie eine aktuelle Querschnittsstudie gezeigt hat, ist hierbei eine subjektive Beurteilung der Größe und Anzahl der Netzhautläsionen potenziell nicht ausreichend. So entwickelt sich möglicherweise vor allem aus peripheren Netzhautläsionen eine PDR. Anhand der genauen Bestimmung der Netzhautläsionen (Anzahl, Größe, Verteilung) könnte ein Risikoscore entwickelt werden, um die Progression der diabetischen Retinopathie besser vorhersagen zu können. Hier ist jedoch weitere Forschung notwendig.

Patienten erblinden seltener

Foto: Jörg Hüttenhölscher – stock.adobe.com

Die Leitlinienempfehlungen zur Früherkennung der diabetischen Retinopathie scheinen zu greifen. Laut einer aktuellen Berechnung sank die Anzahl neu anerkannter Blindengeldempfänger in Baden-Württemberg zwischen 2008 und 2012 deutlich: Bei Patienten mit Diabetes wurde ein Rückgang der Inzidenz um 16% pro Jahr festgestellt, in der Allgemeinbevölkerung um 9%.

Quelle: Claessen H et al. Markedly Decreasing Incidence of Blindness in People With and Without Diabetes in Southern Germany. Diabetes Care 2018;41(3):478-484

Bei Anzeichen sofort zum Arzt

Besonders wichtig ist es, dass sich Patienten mit Warnzeichen für eine akute Verschlechterung einem Augenarzt vorstellen. Klagt ein Diabetespatient darüber, dass er seit Kurzem schlechter sieht, alles verschwommen erscheint und er das Gefühl hat, er hat „Rußregen“ vor den Augen, sollte er unbedingt einen Augenarzt aufsuchen. Umso früher Netzhautkomplikationen erkannt werden, desto eher kann das Sehvermögen durch eine Therapie stabilisiert werden. Dies wird bei der PDR mithilfe einer Laser­koagulation oder einer intravitrealen Medikamenteneingabe versucht. Durch die Laserkoagulation kann gegenüber einer Nichtbehandlung vor allem die schwere Sehverschlechterung auf etwa die Hälfte reduziert werden. Die intravitreale Gabe von VEGF-Inhibitoren wie Ranibizumab (Lucentis®) oder Aflibercept (Eylea®) wird eingesetzt, wenn gleichzeitig ein Makulaödem mit Foveabeteiligung vorliegt. Diese werden bis zur Visusstabilisierung monatlich gegeben. Anschließend ist eine regelmäßige Kontrolle des Sehvermögens und der Netzhaut notwendig.

Fazit für die Beratung

Klagen Menschen mit Diabetes in der Apotheke über eine plötzliche Verschlechterung des Sehvermögens, sollten sie zeitnah einen Augenarzt aufsuchen. Wenn eine proliferative diabetische Retinopathie frühzeitig therapiert wird, kann oftmals eine schwere Sehbeeinträchtigung hinausgezögert bzw. verhindert werden. |

Quelle

Prävention und Therapie von Netzhautkomplikationen bei Diabetes – Langfassung, Nationale VersorgungsLeitlinie, Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), 2. Auflage, Version 1. 2015. AWMF-Register-Nr. nvl-001b

Sears CM et al. Comparison of Subjective Assessment and Precise Quantitative Assessment of Lesion Distribution in Diabetic Retinopathy. JAMA Ophthalmol 2018; doi:10.1001/jamaophthalmol.2018.007

Apothekerin Dr. Karin Schmiedel

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