Phytoforschung

Mönchsfrucht – Süße ohne Reue?

Süßstoffdroge aus Asien erfreut sich zunehmender Beliebtheit

Im Südosten Chinas am Ufer des Li-Flusses (heute das autonome Gebiet Guangxi) kultivierten Mönche seit dem 13. Jahrhundert ein Kürbis­gewächs mit der Bezeichnung Luo Han Guo, dessen Frucht besonders süß schmeckte. Diese Pflanze,Siraitia grosvenorii (Swingle) C. Jeffrey ex A. M. Lu & Zhi Y. Zhang, wird heute als Mönchsfrucht bezeichnet und findet zunehmendes Interesse in der Lebensmittelindustrie.

Grund dafür sind die süßschmeckenden Mogroside (Triterpensaponine vom Cucurbitan-Typ), die im Gegensatz zu anderen synthetischen oder natürlichen Süßstoffen keinen unangenehmen Nebengeschmack aufweisen. Weitere relevante Inhaltsstoffe sind neben Flavonoiden und Phenolsäuren auch Aminosäuren, die der Frucht einen gewürzhaften „Maggi“-ähnlichen Geruch verleihen [1].

Foto: carl, mamsizz – stock.adobe.com
Der Mönchsfrucht werden vielfältige Wirkungen zugeschrieben. Besonders spannend: Ihre Inhaltsstoffe werden nicht nur als ­Süßungsmittel genutzt, sie sollen auch antidiabetogene Eigenschaften haben.

250-mal süßer als Saccharose

Die Mönchsfrucht gehört zur ersten Gruppe von „medizinischen und essbaren Drogen“, die in das Chinesische Arzneibuch aufgenommen wurden. Ihre Verwendung wird dabei neben den Vorstellungen, die aus der TCM begründet sind (kühlend, befeuchtend, lösend), auch bei Atemwegs- und Verdauungsbeschwerden beschrieben [2].

Die Mogroside sind in isolierter Form etwa 250-mal süßer als Saccharose [3] und besitzen, wie auch die Früchte oder der Fruchtextrakt, keine nennenswerte Toxizität. Daher wurden sie bereits 1997 in China als Süßstoff für Lebensmittel (PureLo) zugelassen [1, 4]. Diese Entscheidung wurde auch durch die amerikanische FDA bestätigt, die Fruchtextrakte (Luo Han Guo fruit extracts) als sicheres Süßungsmittel einstufte und ihre Verwendung in der Lebensmittelindustrie erlaubte [5].

Hydroxylierung entscheidend

Ein interessantes chemisches Merkmal dieser süßschmeckenden Triterpensaponine ist ihre Verwandtschaft zu den Cucurbitacinen. Obwohl die süßschmeckenden Mogroside das gleiche chemische Grundgerüst (Cucurbitan) wie die bitterschmeckenden Cucurbitacine, z. B. in bitteren Gurken oder Zucchini vorkommend, aufweisen, unterscheiden sie sich nur durch ein unterschiedliches Hydroxylierungsmuster. Offensichtlich wird der Geschmackseindruck nur vom Hydroxylierungsgrad des Grundgerüsts bestimmt [6].

Breites Wirkspektrum

Im Chinesischen Arzneibuch findet man die Droge als Momordicae fructus, benannt nach dem synonymen Pflanzennamen Momordica grosvenorii Swingle. Der süße Geschmack dieser TCM-Droge spielt sicher auch eine Rolle, wenn es um die Beliebtheit und vielfältigen therapeutischen Anwendungen der Droge geht, die in Asien durchaus verbreitet sind. Dazu zählt der Einsatz bei Husten als Antitussivum und zur Immunstimulation [1]. Eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten ist in den letzten zehn Jahren im Zusammenhang mit ethnopharmakologischen Berichten zur Verwendung der Droge publiziert worden. Besonders intensiv ist dabei der antidiabetische Effekt untersucht worden. Mogrosid V, der Hauptvertreter der süßen Triterpensaponine, stimuliert die Insulinsekretion, erhöht die Insulin-Empfindlichkeit und aktiviert die AMP-activated kinase (AMPK), ein Schlüsselenzym zur Regulation des Energiestoffwechsels im Organismus [7]. Andere Mogroside waren in der Lage, eine experimentell induzierte Lungenfibrose zu reduzieren [8]. Im Tierversuch zeigten diese Verbindungen auch eine antitumorale Wirkung, z. B. gegen Pankreaskarzinome [4].

Skepsis ist angebracht

Ein angenehm schmeckender Süßstoff, der dazu noch antidiabetogene Wirkungen aufweist und keine Toxizität zeigt – das klingt zunächst vielversprechend! Die Droge, Fruchtextrakte und auch die isolierten Mogroside sind über einschlägige Kanäle als Zuckerersatzstoffe überall verfügbar. Trotz all dieser vielen Untersuchungen in vitro und im Tierversuch muss aber darauf hingewiesen werden, dass bisher noch keine klinischen Daten zur Anwendung der Droge bzw. zu den Mogrosiden publiziert worden sind. Daher ist eine gesunde Portion Skepsis und Vorsicht bei der Nutzung dieser chinesischen Arzneipflanze und der aus ihr gewonnenen Zubereitungen geboten, bis auch Ergebnisse zur Anwendung am Menschen vorliegen. |

Literatur

[1] Li C et al. Chemistry and pharmacology of Siraitia grosvenorii: a review. Chin J Nat Med. 2014;12:89-102.

[2] Commission C: Pharmacopoeia of the People’s Republic of China. China Medical Science Press: Beijing, China, 2010, pp 197.

[3] Kasai R, et al. (1989) Sweet cucurbitane glycosides from fruits of Siraitia siamensis (chi-zi luo-han-guo), a Chinese folk medicine. Agric Biol Chem 53(12):3347–3349

[4] Liu C et al. A natural food sweetener with anti-pancreatic cancer properties. Oncogenesis. 2016;5:e217.

[5] https://www.fda.gov/Food/IngredientsPackagingLabeling/FoodAdditivesIngredients/ucm397725.htm

[6] Itkin M et al. The biosynthetic pathway of the nonsugar, high-intensity sweetener mogroside V from Siraitia grosvenorii. Proc Natl Acad Sci U S A. 2016;113:E7619-E7628.

[7] Zhou G et al. The metabolism of a natural product mogroside V, in healthy and type 2 diabetic rats. J Chromatogr B Analyt Technol Biomed Life Sci. 2018;1079:25-33

[8] Tao L et al. Mogroside IIIE, a novel anti-fibrotic compound, reduces pulmonary fibrosis through Toll-like receptor 4 pathways. J Pharmacol Exp Ther. 2017;361:268-279

Autor

Prof. Dr. Matthias F. Melzig, Professor für Pharmazeutische Biologie an der Humboldt-Universität zu Berlin von 1996 bis 2002, seitdem an der Freien Universität Berlin.

Institut für Pharmazie, Königin-Luise-Str. 2+4, 14195 Berlin

autor@deutsche-apotheker-zeitung.de

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