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EVInews – ein hilfreiches Instrument?

Newsletter zur evidenzbasierten Selbstmedikation feiert den ersten Geburtstag

STUTTGART (du) | EVInews, der Newsletter zur Evidenzbasierten Selbstmedikation, wurde als Antwort auf einen Antrag des Deutschen Apothekertags aus dem Jahre 2014 entwickelt und soll den Apothekern in der Offizin kompetente Hilfestellung bei der evidenzbasierten Beratung zu OTC-Produkten geben. Jetzt wird der Newsletter ein Jahr alt und die Antragsteller zeigen sich enttäuscht.

Im September 2014 hatte der Deutsche Apothekertag der Standesvertretung den Auftrag erteilt, evidenzbasierte Daten zu gängigen Präparaten in der Selbstmedikation zu sammeln, zu kategorisieren und zu klassifizieren und sie so für die Beratung nutzbar zu ­machen. Der Antrag wurde von Dr. Kerstin Kemmritz zusammen mit dem Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP) gestellt. Und das war der Wunsch der Antragsteller: eine vernünftige, praktische, hilfreiche und leicht verfügbare Beratungshilfe in Form einer Datenbank. Sie sollte als Garant für die Unabhängigkeit federführend durch die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) erstellt werden.

Ein Jahr später hatte dann der geschäftsführende Vorstand der ABDA entschieden, anstelle einer Datenbanklösung zunächst einen News­letter anzubieten, in dem Übersichts- und Originalarbeiten zu OTC-Produkten aufgearbeitet werden sollten. Das Projekt wurde dem hauseigenen Govi-Verlag (inzwischen Avoxa-Mediengruppe) übertragen, der dann im April 2017 mit dem Newsletter EVInews an den Start ging. Die redaktionelle Umsetzung war dem Zentrum für Arzneimittelsicherheit an der Universität Leipzig unter Leitung von Prof. Dr. Thilo Bertsche übertragen worden.

Geplant war eine zweimal monatliche Erscheinungsweise, zunächst kostenfrei. Ab September 2017 sollte dann eine Jahresgebühr von 39,90 Euro (zzgl. MwSt) fällig werden, was bislang nicht umgesetzt worden ist. Ab Oktober 2017 sollten die Daten in einer Datenbank unter www.evinews.de recherchierbar sein. Der erste Newsletter erschien im Mai 2017, bis November wurde die angekündigte zweimonatige Erscheinungsweise ­beibehalten, seit Dezember 2017 erscheint der Newsletter jedoch nur noch einmal im Monat. Inzwischen stehen damit 18 Newsletter zur Ver­fügung.

Das wirft Fragen auf, nicht nur zur ­reduzierten Erscheinungsweise. Auch die Themenauswahl lässt auf den ersten Blick keinen roten Faden erkennen. So beschäftigen sich gleich zwei Newsletter mit der Kombination von Ibuprofen mit Coffein, obwohl noch kein entsprechendes OTC-Produkt im Handel ist. Leider konnten oder wollten die Projektbeteiligten dazu ebenso wenig Stellung nehmen wie zu Fragen zur Nutzerzahl. Auch die ABDA haben wir gefragt, wie sie die EVInews als Instrument zur besseren Einordnung der Evidenz von OTC-Produkten vonseiten der Auftraggeber bewertet, ob dieses Instrument die Anforderungen erfüllt, ob nachjustiert werden muss oder gänzlich neue Wege beschritten werden müssen. Sie antwortete wie folgt: „Mit der Einführung von EVInews haben wir einen wichtigen Etappenschritt geschafft und damit auch einen Beschluss des Deutschen Apothekertags umgesetzt. Seit Oktober 2017 wird das Angebot in einer Ausbaustufe ergänzt um eine Website, auf der die älteren Newsletter quasi im Sinne einer Datenbank nutzbar sind. Für eine Bewertung dieses erweiterten Angebotes ist es noch ein wenig früh. Klar ist, dass ein solches Tool immer nur als Ergänzung verstanden werden kann zu weiteren Formen der Wissensvermittlung aus wissenschaftlichen Quellen und über Fort- bzw. Weiterbildungen.“

Derzeit besteht die Möglichkeit, den Newsletter unter www.evinews.de zu bewerten. Doch schon jetzt ist klar, dass der VdPP, Mitinitiator des Antrags auf dem Deutschen Apothekertag im Jahr 2014, nicht zufrieden mit der Umsetzung ist (s. Kasten). Ganz im Gegensatz beispielsweise zu Magdalena Linz, Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen. Sie betont in einem Interview (VdPP-Rundbrief Nr. 5/2018), dass der Antrag aus ihrer Sicht mit der Etablierung der EVInews durch die ABDA weitestgehend um­gesetzt worden sei. Die Apotheke vor Ort habe jetzt die Möglichkeit, ­wissenschaftlich aufbereitete Daten zur ­evidenzbasierten Beratung in der Selbstmedikation zu nutzen und das OTC-Sortiment entsprechend zu gestalten. |



Auf der langen Bank: Informationen zur evidenzbasierten Selbstmedikation

Eine Stellungnahme des VdPP


Die EVInews, Newsletter mit Informationen zur evidenzbasierten Selbstmedikation der ABDA, erfüllen in der derzeitigen Form weder den Auftrag, der sich aus dem entsprechenden Beschluss des deutschen Apothekertages 2014 ergibt, noch die selbst gesteckten Ziele. Zu diesem Schluss kommt der Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP) nach einer Analyse des seit Mai 2017 erscheinenden ­neuen Mediums.

Geringe Themenvielfalt

Die Wahl der Themen lässt bisher zu wünschen übrig: 13 der bisher erschienenen 18 Newsletter beinhalten das Thema Schmerz, allein 5 zum Thema Kopfschmerzen. Dabei wurde somit als erstes ein Gebiet der Selbstmedikation ausgewählt, bei dem die Evidenz zu den meisten Präparaten wenig umstritten ist. Andere in der Praxis relevante Themengebiete wie z. B. zu Erkältungssymptomen wurden vornehmlich in Randgebieten ­behandelt. Gerade 4 Newsletter erschienen dazu, allerdings mit teilweise wenig praxisgerechter Fragestellung: Eine „Einmaldosis Dekongestiva“, also ein abschwellendes Mittel, ist in der Praxis wohl eher unüblich und H1-Antihistaminika spielen in dieser Indikation auch laut den im Newsletter dargestellten Leitlinien nur eine untergeordnete Rolle.

Kaum kritische Bewertungen

Insgesamt finden sich nur wenig kritische Bewertungen, abgesehen von teils trivialen Empfehlungen, z. B. bei nicht zugelassenen Monotherapien mit Antihistaminika individuell abzuwägen und ggf. abzuraten, oder bei der Empfehlung von Kombi-Präparaten keine Kontraindikation zu übersehen. Geradezu bizarr ist auch die Feststellung im ersten Newsletter, dass konkrete Wirkstoffempfehlungen nicht Gegenstand der Veröffentlichung sind. So entsteht leider der Eindruck, dass konfliktträchtige Bereiche vermieden werden sollen. Die äußerst positive Bewertung der noch nicht zugelassenen Kombination Ibuprofen/Coffein bei Schmerzen in zwei Newslettern inkl. werbewirksamer Nennung des potenziellen Präparatenamens passt in dieses Bild. Aus der zugrunde liegenden Studie werden irrelevante numerische, nicht statistisch signifikante Unterschiede berichtet und Ergebnisse ohne Angaben zur Signifikanz dargestellt. Das ist nicht im Sinne einer objektiven und wissenschaftlich fundierten Bewertung, die gerade bei neuen Arzneimitteln von besonderer Bedeutung ist.

Wenig eigene Aufarbeitungen

Bisher wurden vornehmlich die Ergebnisse bereits existierender systematischer Übersichtsarbeiten und Leitlinien zusammengefasst. Das erleichtert den Start, generiert jedoch kein neues Wissen. Wichtig war dem VdPP bei der Beteiligung an der Antragsstellung auch, dass zu den wichtigsten Präparaten die Evidenz systematisch aufgearbeitet und ggf. auch das Fehlen von guten Studien sichtbar gemacht wird. Positiv festzustellen ist, dass sich der April-Newsletter kritisch mit einem von vier als Medizinprodukt zugelassenen Nasensprays auseinandersetzt. Fraglich ist dabei allerdings, ob es notwendig ist, diesem Thema, wie angekündigt, wieder mehrere Newsletter zu widmen.

Der Zugang zu den EVInews wird durch ein Log-in-System erschwert. Dies wird weder der Apothekenpraxis gerecht, noch dem Anspruch der EVInews-Autoren, dass die „hohe Kompetenz des Apothekers im Bereich Selbstmedikation unterstrichen und zusätzlich sichtbar gemacht“ werden soll. Zudem erscheinen die Newsletter nur noch monatlich. Lobenswert zu erwähnen bleibt hingegen die weiterhin kostenfreie Nutzung der EVInews inkl. Suchmöglichkeit aller Artikel in einer Datenbank.

Zu wenig praxistauglich

Der VdPP sieht den EVI-Newsletter daher nicht als sinnvolle Umsetzung des durch ihn mitinitiierten und vom Apothekertag beschlossenen Antrags an. Ziel war es vielmehr, nach und nach eine Datenbank aufzubauen, die schnell und in die Arbeitsabläufe eingebettet Hilfe für häufig auftretende Beratungsfragen bietet. Idealerweise wären die Informationen über die Apothekensoftware abrufbar und mit den entsprechenden Produkten verlinkt. Das kann ein Newsletter naturgemäß nicht leisten.

Der VdPP fordert, die Informationen zur evidenzbasierten Selbstmedikation praxistauglicher zu gestalten: Es geht darum, den Apothekerinnen und Apothekern in der Offizin Informationen zu den wichtigsten Präparaten aller wichtigen Selbstmedikationsbereiche und in leicht zugänglicher Form zur Verfügung zu stellen, will man sichergehen, dass diese auch genutzt werden. So steht zu hoffen, dass sich möglichst viele Nutzer an der im März gestarteten Umfrage beteiligen, die der Anpassung zukünftiger Newsletter an die Bedürfnisse der ­öffentlichen Apotheke dienen soll.

Ansprechpartner: Daniel Fleer; VdPP Vorstand; E-Mail: fleer@vdpp.de

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