Interpharm 2018 - Vitamine/Nahrungsergänzung

Lieber eine Pille statt Fleisch und Obst?

Für wen wann welche Nahrungsergänzungsmittel wirklich sinnvoll sind

rr | „Wer sich ausgewogen ernährt, braucht keine Nahrungsergänzungsmittel.“ Diese Aussage ist sehr pauschal – und nicht korrekt. In einigen Fällen führt tatsächlich kein Weg an der Supplementation von Mikronährstoffen vorbei. Welches Vitamin ganz oben auf der Liste der „üblichen Verdächtigen“ steht und wie aussagekräftig Laborparameter wirklich sind, erfuhren die Besucher auf der diesjährigen Interpharm.

Jeder zehnte Deutsche ernährt sich heute vegetarisch, jeder hundertste vegan, und es ist weiter ein zunehmender Trend zu erkennen. Als Grund wird häufig der Wunsch nach einer gesünderen Lebensweise angegeben. Damit es diesen Personen an nichts fehlt, werden speziell auf diese Ernährungsweise abgestimmte Nahrungsergänzungsmittel (NEM) vermarktet. Werden hier gesundheitliche Vorteile mit Nachteilen bei der Zufuhr von Mikronährstoffen „erkauft“? Sind Supplemente überhaupt sinnvoll? Prof. Dr. Martin Smollich, Professor für Klinische Pharmakologie und Pharmako­nutrition in Rheine, klärte auf.

Foto: DAZ/Alex Schelbert
Prof. Dr. Martin Smollich

Prinzipiell können bei jeder Ernährung Mikronährstoff-Defizite auftreten, auch unter fleischhaltiger Kost. Das Extreme macht’s: Nur Fast Food zu essen, ist ebenso ungesund, wie ausschließlich Smoothies zu trinken. Insgesamt hat Deutschland aber ganz klar ein Gemüse-Problem. Immerhin schaffen es 86% der Frauen und 89% der Männer nicht, täglich die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen 400 g zu sich zu nehmen. Als die ideale Ernährungsform mit Blick auf die Primärprävention gilt heute die ovolacto-vegetarische Ernährung. Ein gesunder Erwachsener braucht bei abwechslungsreicher Kost keine Mikronährstoffe zu ergänzen. Wird allerdings neben Fleisch auf tierische Produkte aller Art verzichtet, muss zumindest Vitamin B12 supplementiert werden, mahnt Professor Smollich. Besondere Bedeutung hat die Nahrungsergänzung in kritischen Lebenssituationen wie Schwangerschaft, Stillzeit und Wachstumsphase.

Schwanger und fleischlos

Von der Ernährung in der Schwangerschaft hängt nicht nur das Wohl der Mutter, sondern auch des Kindes ab. Die metabolische Prägung besteht ein Leben lang! Doch selbst bei optimaler Ernährung mangelt es in Deutschland grundsätzlich an Folsäure – ob Veganerin oder nicht. Nutritive Quellen sind Milch, Obst, Gemüse und alkoholfreie Getränke. Bis zur vierten Schwangerschaftswoche (SSW) besteht bei einem Folsäure-Mangel die Gefahr von Anenzephalie und Neuralrohrdefekten, danach steigt unter anderem das Risiko für neuronale Defekte, Harnwegsdefekte und kardiale Fehlbildungen. Allen Schwangeren und auch allen Nicht-Schwangeren, die eine Schwangerschaft planen, wird eine unspezifische Supplementation von Folsäure empfohlen, und zwar von präkonzeptionell 400 IE/Tag (zusätzlich zur Nahrung) und 600 IE mindestens bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche, am besten aber über die gesamte Schwangerschaft.

Ein zweites „Sorgenkind“ ist Vitamin B12, das natürlich in Milch, Fleisch und Fisch vorkommt. Hier erreichen nur 26% der Frauen die empfohlene Zufuhrmenge. Ein Mangel an Vitamin B12 kann zu irreversiblen Nervenschäden führen. Während der Schwangerschaft kann eine vegetarische Ernährung ein zusätzlicher Risikofaktor sein. Eine vegane Ernährung erfordert definitiv eine Supplementation, weil wichtige Nahrungsquellen wegfallen.

Ebenfalls im Auge behalten werden muss die Iod-Versorgung der Schwangeren. Ein geringes „Zuwenig“ kann die kindliche kognitive Leistungsfähigkeit gefährden, ein stärkerer Mangel zu Aborten, Taubheit und Fehlbildungen führen. Die Iod-Supplementation richtet sich nach den Ernährungsgewohnheiten. Vollkornbrot belegt Platz 1 unter den nutritiven Quellen. Obligatorisch ist bei der Anamnese die Frage nach der Verwendung von iodiertem Speisesalz. Entsprechend ergibt sich meist ein Mehrbedarf von 100 bis 150 µg Iod pro Tag. Einzige Kontraindikation: eine ausgeprägte Hyperthyreose.

In Bezug auf Eisen sollte keine Supplementation „ins Blaue“ erfolgen. Hier orientiert sich der Bedarf am Hämoglobin-Wert: Liegt dieser über 11%, kann die Eisen-Zufuhr über die Ernährung gesteuert werden (Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte etc.). Liegt er darunter, muss Eisen substituiert werden, um einer Anämie und Stoffwechseldefekten vorzubeugen.

Nummer fünf der kritischen Nähr­stoffe in der Schwangerschaft ist die Docosahexaensäure (DHA), vor allem für Vegetarier und Veganer. Es ist unstrittig, dass sie für die Gehirnentwicklung des Kindes notwendig ist. Die Idee, einen Mangel über den verstärkten Konsum von Pflanzenölen zu korrigieren, funktioniert in der Praxis nicht. Alpha-Linolensäure wird zwar im Körper zu Docosahexaensäure umgewandelt, doch selbst unter optimalen Bedingungen geschieht dies nur zu weniger als 10%. Eine Zufuhrempfehlung findet sich unter anderem in der S3-Leitlinie „Allergieprävention“: Hier wird entweder zweimal pro Woche Seefisch empfohlen oder ein NEM, das 200 µg DHA pro Tag enthält.

Stillzeit und Kleinkindalter

Eine ovolacto-vegetarische Ernährung ist bei guter Lebensmittelauswahl auch während der Stillzeit und in der Wachstumsphase unkritisch. Besondere Aufmerksamkeit sollte man jedoch Iod, Eisen, DHA, Vitamin D, Vitamin B12, Zink und Calcium schenken. Bei veganer Ernährung sind Defizite beim Kind trotz Vollstillens nicht auszuschließen, wenn die Mutter die fehlenden Mikronährstoffe nicht ausgleicht (Vitamin B12!). In diesem Fall ist eine ernährungsmedizinische Begleitung sinnvoll. Gleiches gilt für eine vegane Ernährung von Kleinkindern.

Evidenzbasiert – geht das bei Nährstoffen überhaupt?

In der Pharmakotherapie braucht es gute Argumente, am besten mit randomisierten, placebokontrollierten Studien untermauert. Für Nahrungsergänzungsmittel gestaltet sich ein strenger Blick auf die Evidenz deutlich schwieriger, da kontrollierte Bedingungen und harte Endpunkte schwer zu generieren sind. Dennoch ist es möglich, in der Apotheke Empfehlungen nach bestem Wissen und Gewissen auszusprechen und die Kunden auf der anderen Seite vor unsinnigen Werbeaussagen zu schützen. Dr. Markus Zieglmeier, Fachapotheker für klinische Pharmazie aus München, hatte die nötigen Beweise im Gepäck.

Rachitis? Skorbut? In Deutschland kennt man so gut wie keine klinisch manifesten Vitamin-Mangelerkrankungen mehr. Dabei gibt es sie noch: Beispielsweise als Wernicke-Korsakow-Syndrom, einem Vitamin-B1-Mangel bei Alkoholikern, dessen Symptome jenen der Beri-Beri-Krankheit entsprechen.

Foto: DAZ/Alex Schelbert
Dr. Markus Zieglmeier bot Informationen zu ernährungsmedizinisch besonders kritischen Personengruppen – und er war gefragter Gesprächspartner in der Speakers‘ Corner.

Nährstoff-Defizite äußern sich häufig unspezifisch und werden, wenn überhaupt, erst spät erkannt. Das Messen von Blutspiegeln hilft dabei nicht immer weiter: Viele Mikronährstoffe werden in Kompartimenten gespeichert, die über eine Blutabnahme nicht zugänglich sind. Die Blutspiegel sinken erst bei nahezu entleerten Speichern oder verhalten sich paradox. Ein Monitoring ist also kaum möglich.

Zieglmeiers Antwort auf die Eingangsfrage: Eine Signifikanz im Sinne klinischer Studien ist bei Nährstoffen kaum erreichbar. Evidenzbasiert können jedoch bei vielen Erkrankungen und Therapien Mangelrisiken identifiziert und behoben werden.

Viel hilft nicht viel

Ein Klassiker in der Primärprävention ist Vitamin D. Die Synthesekapazität des Körpers sinkt vom 30. bis 65. Lebensjahr um ca. 80%, das bedeutet, ältere Personen tragen per se ein höheres Risiko für einen Mangel. Zudem müssen geografische Lage und Jahreszeit beachtet werden: In unseren Breitengraden reicht die UV-B-Strahlung im Winter nicht für die Vitamin-D-Synthese in der Haut, insofern erscheint eine Nahrungsergänzung mit 1000 IE täglich sinnvoll und unbedenklich. Ältere Menschen werden mit Sicherheit profitieren – in punkto Knochengesundheit und Immunsystem!

Mit Selen sollte dagegen keine unkritische Substitution erfolgen. Zwar haben wir in Mitteleuropa Selen-arme Böden, doch ein „Zuviel“ (> 500 µg/Tag) kann auch ins Toxische umschlagen. In Ausnahmefällen sollte eine Nahrungsergänzung allerdings in Erwägung gezogen werden, etwa bei Vegetariern mit regional-saisonaler Ernährung, Patienten mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung oder nach einem bariatrischen Eingriff.

Zu den ernährungsmedizinisch besonders kritischen Personengruppen zählen onkologische Patienten. Häufig wird eine Krebserkrankung erst infolge eines starken, unbeabsichtigten Gewichtsverlusts diagnostiziert. Im Fokus steht auch hier die Versorgung mit Thiamin, da dieses Vitamin vergleichsweise schnell ausgeschieden wird und neurologische und kardiologische Defizite den Gesundheitszustand des Tumorpatienten weiter schwächen.

Bei geriatrischen, multimorbiden Patienten kann auch die Medikation schuld am Nährstoffmangel sein. Ein Beispiel von herausragender Bedeutung: Unter Einnahme von Schleifendiuretika kommt es zur verstärkten Ausscheidung von Calcium, Kalium und Magnesium.

Anhand eines Beispiels aus der Praxis zeigte Zieglmeier, dass sich manchmal doch ein genauerer Blick auf die Laborwerte lohnt. Bei einem Patienten, der regelmäßig Protonenpumpenhemmer einnahm, wurde eine Eisenmangelanämie diagnostiziert – fälschlicherweise, wie sich später herausstellte: Das erhöhte Erythrozytenvolumen (MCV) bei gleichzeitig normalem Hämoglobin-Gehalt (MCH) war ein Hinweis auf eine Vitaminmangel-Anämie. Hier galt es, den Vitamin-B12-Status im Auge zu behalten!

Mit dem nötigen Spürsinn für den „Hidden Hunger“ können auch Apothekenmitarbeiter einen großen Beitrag dazu leisten, Mangelerkrankungen rechtzeitig aufzudecken. |

Herzlichen Glückwunsch!

Herzlichen Dank, dass Sie so zahlreich die Evaluationsbögen ausgefüllt haben und uns so helfen, die Interpharm noch besser zu machen! Wir haben folgende zehn Gewinner ausgelost, die „Das große Komplementär-Handbuch“ von Harald Walach und Sebastian Michael erhalten:

  • Julie Bougnoux, Freiburg
  • Esther Corvin, Düsseldorf
  • Verena Graeff, Friedberg
  • Monika Hartebrodt, Drolshagen
  • Silke Henze, Nürnberg
  • Steffen Loke, Berlin
  • Petra Neumann, Aachen
  • Sabine Tormählen, Pinneberg
  • Franziska Tittmann-Götze, Dresden
  • Sonja Wirnharter, Amerdingen

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