Wirtschaft

Bürokratie erzeugt Stress

Apothekenklima-Index 2018: Stimmung hat sich deutlich verschlechtert

MÜNCHEN (wes) | Seit 2016 erhebt die ABDA den sogenannten Apothekenklima-Index, um die Stimmung unter den deutschen Apothekeninhabern zu eruieren. In diesem Jahr hat sich die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage der Apotheken weiter verschlechtert. Drängende Probleme bleiben dabei die Bürokratie, die schwierige Personalsituation der Apotheken und die fehlende Planungssicherheit.

Zum dritten Mal hat ABDA-Prä­sident Friedemann Schmidt am vergangenen Dienstag den Apo­thekenklima-Index zum Auftakt des Deutschen Apothekertags vorgestellt. 500 repräsentativ ausgewählte Apothekeninhaberinnen und -inhaber hat das Marktforschungsunternehmen Kantar TNS/Bonsai im Juli 2018 befragt.

Dabei zeigt sich, dass sich die Stimmung unter den Apothekern seit dem ersten Index, der vor zwei Jahren ebenfalls in München präsentiert wurde, weiter verschlechtert hat. So hatten 2016 rund 51 Prozent der Befragten eine Verschlechterung der wirtschaft­lichen Entwicklung der Apothekenbranche insgesamt erwartet. In diesem Jahr sind es 71 Prozent. Und auch die Erwartungen an die eigene Apotheke – die in der Regel positiver eingeschätzt wird als die Gesamtbranche – hat sich deutlich eingetrübt: Insgesamt 46 Prozent der Befragten rechnen mit einer Verschlechterung der eigenen Situation, 2016 waren das nur 28 Prozent gewesen. Eine deutlich bessere Entwicklung ihrer eigenen Apotheke erwarten nur 2 Prozent (2016: 3%), eine etwas bessere 19 Prozent (2016: 30%).

Zur schwierigen wirtschaftlichen Lage der Apotheken kommen weitere Stressfaktoren, die auf die Stimmung der Apotheker drücken. Vor allem der bürokratische Aufwand, die Retaxationen sowie die Lieferengpässe ärgern die Apotheker (s. Tab. 1).

Tab. 1: Stressfaktoren in der Apotheke. Frage: Was sind in Ihrem Berufsalltag die größten Ärgernisse? n = 500, Mehrfachnennungen möglich.
2016
2017
2018
Bürokratischer Aufwand
81,0%
83,0%
87,5%
Retaxationen
72,6%
58,2%
60,9%
Lieferengpässe
35,5%
58%
60,9%
Zu geringe Wertschätzung apothekerlicher Leistungen im Gesundheitswesen
51,7%
55,9%
57,5%
Aufwand bei der Hilfsmittelversorgung
62,0%
63,0%
55,4%
Nachwuchs- oder Personalprobleme
35,1%
37,5%
51,3%
Unzureichende Honorierung von Leistungen (z. B. Rezeptur)
71,5%
53,1%
50,4%
Umsetzung der Rabattverträge
44,7%
37,6%
34,8%
Erfüllung der Importquote
8,8%
7,2%
8,0%
Andere Ärgernisse
3,0%
4,8%
4,3%

Dabei fällt auf, dass der Ärger über die Bürokratie seit 2016 weiter gewachsen ist, genauso wie der über die Lieferengpässe bei Arzneimitteln und die Probleme bei der Personal- und Nachwuchs­suche. Gesunken sind dagegen der Stress durch Retaxationen sowie der Ärger über eine unzureichende Honorierung bestimmter Leistungen wie der Rezeptur. Hier dürften sich der Retax-Kompromiss durch die Schiedsstelle sowie die verbesserte Vergütung von Rezepturen niedergeschlagen haben.

Bei dieser pessimistischen Grundeinschätzung verwundert nicht, dass die Apotheker bei den Investitionen in ihre Betriebe zurückhaltend sind. Rund 45 Prozent gaben an, in den kommenden zwei bis drei Jahren keinerlei größere Investitionen zu planen. 27 Prozent haben vor, in ihre EDV zu investieren, 25 Prozent in Räume oder technische Einrichtung. Größere Veränderungen zu den Vorjahren gab es bei diesen Angaben nicht. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt machte bei der Vorstellung der Ergebnisse in München aber darauf aufmerksam, dass die Apotheker oft durch gesetzliche Regelungen zu Investitionen gezwungen sind und dabei nur wenig Entscheidungsfreiheit haben.

Deutlich weniger ausgeprägt sind die Veränderungen bei der Einschätzung der positiven Seiten des Apothekerberufs. Konstant über drei Viertel der Befragten nennen die Beratung und den persönlichen Kontakt mit den ­Patienten als Motivationsfaktor, danach folgen die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit bzw. die Freiberuflichkeit, die zwei Drittel der Apotheker motivierend finden, und die Zusammenarbeit im Team, die für knapp über die Hälfte motivierend wirkt.

Foto: barameefotolia – stock.adobe.com
Selbst die Hand im Spiel Apotheker wünschen sich mehr wirt­schaftliche und rechtliche Planungssicherheit.

Personalsuche führt oft ins Leere

Schwierig ist weiterhin die Per­sonalsituation in den deutschen Apotheken. Zwar liegt der Anteil der Apothekeninhaber, die im kommenden Jahr neues pharmazeutisches Personal einstellen wollen, relativ stabil bei knapp über 40 Prozent: 2016 gaben 44 Prozent an, Apotheker oder PTA anstellen zu wollen, 2018 waren es 42 Prozent. Rund 6 Prozent planen die Einstellung von nicht-pharmazeutischen Angestellten. Doch die Inhaber haben große Schwierigkeiten, passende Bewerber für frei werdende oder neu geschaffene Stellen zu finden. Ein Drittel der Apotheker rechnet mit gar keinem, fast 39 Prozent mit maximal einem einzigen Bewerber auf eine Apothekerstelle. Bei den PTA sieht die Situation ein wenig besser aus, hier rechnen „nur“ 17 Prozent mit keiner einzigen und 35 Prozent mit maximal einer Bewerberin. Da wundert es auch nicht, dass die Zahl der Apothekeninhaber, die Mitarbeiter entlassen wollen, konstant niedrig bei etwa 10 Prozent liegt.

Weiter verdüstert hat sich auch die Situation bei der Nachfolgersuche (s. Tab. 2). Bereits 16 Prozent der Apothekeninhaber rechnen mit keinem ernsthaften Kaufinteressenten mehr, wenn sie in den kommenden zwei bis drei Jahren ihre Apotheke verkaufen wollten, weitere 21 Prozent mit nur einem einzigen potenziellen Nachfolger.

Etwas abgebremst hat sich der Trend zur Filialisierung: Hatten 2016 noch rund 11 Prozent angegeben, die Eröffnung oder Übernahme einer Apotheke zu planen, so halbierte sich dieser Anteil auf nur noch 5 Prozent in diesem Jahr.

Tab. 2: Großer Pessimismus, einen Nachfolger zu finden. Frage: Wenn Sie in den nächsten zwei bis drei Jahren Ihre (Haupt-)Apotheke verkaufen wollten bzw. einen Nachfolger suchen würden: Mit wie vielen ernsthaften Interessenten für eine Nachfolge würden Sie rechnen? n = 500.
2016
2017
2018
Kein Interessent
9,0%
13,6%
16,1%
Ein Interessent
17,0%
19,4%
21,0%
2 bis 4 Interessenten
54,5%
46%
44,4%
5 und mehr Interessenten
19,4%
20,8%
18,4%

Wunsch nach Stabilität

An vielen Fragen wird klar, dass die Apotheker stabilere Rahmenbedingungen brauchen. So nannten 88 Prozent der Befragten die Planungssicherheit, also z. B. sta­bile rechtliche Rahmenbedingungen, als wichtigste gesundheitspolitische Priorität, gefolgt von stabilen bzw. besser werdenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (74%). Diese Stabilität bei den Rahmenbedingungen ist in den Augen der Apotheker auch erforderlich, um die flächendeckende Versorgung sicherstellen zu können. Auf Platz eins der hierfür notwendigen Maßnahmen steht für die Apotheker die Umsetzung des Rx-Versandverbots (89%), dicht gefolgt von einer klaren Vergütungsperspektive (88%). Auf Platz drei folgt dann bereits die Forderung nach einer konsequenten Nachwuchsgewinnung für die Apotheken (68%). |

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