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Management

Vom Veilchen zur Chefin

„Seinen Mann stehen“ als weibliche Führungskraft – wie geht das?

Apothekerinnen bringen eine exzellente Ausbildung (Studium) und meist viele weitere Kom­petenzen für den Beruf mit. Aufgrund des überdurchschnittlich hohen Frauenanteils gilt die Pharmazie als „weiblich“, vor ­allem in der öffentlichen Apotheke. Das sind Voraussetzungen, von denen Frauen in anderen Branchen nur träumen, trotzdem fühlt sich auch die Pharmazeutin manchmal wie im „falschen Film“. Sobald „frau“ beruflich die vier Wände der ­Apotheke verlässt, sieht die Verteilung der Geschlechter wieder ganz anders aus und damit gelten auch andere Spielregeln – Business-Spielregeln.

„Liebe Männer, ...

ihr habt mir immer wieder erklärt, wie ich ‚es geschickt anstellen kann‘. Natürlich seid ihr nicht alle gleich. Die prototypische Betrachtung dient nur dazu, das Thema deutlich zu machen. Überlest bitte nicht die zwischen den Zeilen liegende Wertschätzung.“

Auf einem Kongress setzt sich ein Mann neben Sie und im Hand­umdrehen liegen sein Schlüssel, Handy und Portemonnaie vor Ihrer Nase und damit definitiv auf Ihrer Seite des Tisches. Sie ärgern sich. Was tun Sie?

A) Sie rutschen zur Seite und suchen sich etwas Platz für Ihren Notizblock.

B) Sie sagen: „Entschuldigung, ich wollte hier gerade meine Unterlagen hinlegen.“

C) Sie legen Ihren Block vor sich und schieben dabei seine Utensilien elegant beiseite. Sie kontern gelassen: Ihr Handy, die Sonnenbrille und der Beweis für Ihren neuen Luxusschlitten landen auf seiner Seite des Tisches.

Ja, die richtige Antwort wäre C, auch wenn Sie dieses Verhalten eventuell kindisch finden. Die Szene steht – etwas überspitzt – für viele Situationen im Berufsleben, in denen Männer scheinbar anders „ticken“ als Frauen. Sie beanspruchen selbstverständlich Raum für sich, am besten den Parkplatz direkt neben dem Haupteingang. Besprechungen werden nicht direkt begonnen, sondern erst nach einem zehnminütigen Small Talk. Männer erzählen nicht, wo es Probleme geben könnte, sondern wie sauber die „Sache“ durchlaufen wird. Das ist männliches Business-Verhalten. Dieses „Gehabe“ erscheint Frauen oft sonderbar und deswegen „spielen“ wir in vielen Fällen nicht mit. Warum nicht? Zu plump, zu unweiblich?

Als Frau muss man diesen Führungsstil nicht unreflektiert übernehmen, aber man sollte ihn bemerken und damit umgehen lernen. Leichter gesagt als getan. Um „Mitzumischen“ und auf wirkungsvolle weibliche Art zu führen, müssen Frauen eine Reihe von Denkfallen überwinden. Denn Führen bedeutet nun mal auch, dass Mitarbeiter das tun, was „frau“ von ihnen erwartet.

Denkfallen entschärfen

Einige Verhaltensweisen eignen wir uns schon früh in unserem Leben an, aber was als Mädchen möglicherweise noch zu uns passte, kann sich im Berufsleben als störend erweisen. Zur Veranschaulichung ein paar Leitsätze, die Ihnen vielleicht bekannt vor­kommen:

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„Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein,“lautet ein Spruch aus früheren Poesiealben.Man muss ja nicht unnahbar stolz werden als Führungsfrau, aber man kann durchaus zeigen, was in einem steckt – auf weibliche Art.
  • „Ich möchte keine Umstände machen.“

Laut Poesiealbum sollten Mädchen „sittsam und bescheiden sein“ wie das „Veilchen im Moose“ (einige werden sich erinnern). Vielleicht finden Sie immer noch, dass es sich nicht gehört, sich in den Vordergrund zu drängen. Aber als Führungskraft stehen Sie unweigerlich im Mittelpunkt. Sie müssen Entscheidungen treffen, mit denen Sie es nicht jedem recht machen können. Eine möglichst hohe Transparenz macht es für alle leichter und für Sie das Wissen, dass blöde Entscheidungen zum Job gehören. Die Poesiealbum­zeiten sind vorbei und die Welt braucht jetzt eher elegante, ge­lassene Führungsfrauen anstatt Veilchen.

  • „Nur meine Leistung zählt, also ist Fleiß angesagt und Perfektion.“

Achtung: Perfektionsfalle. Es ist hilfreich abzuschätzen, wie viel Aufwand wirklich lohnend ist. Nach dem Pareto-Prinzip lassen sich mit 20 Prozent Arbeitsaufwand 80 Prozent der Ergebnisse erzielen. Um die 100 Prozent zu schaffen, brauchen Sie zusätzliche 80 Prozent Arbeit. Und bei uns Frauen ist es mit 100 Prozent oft nicht getan, es muss 180-prozentig sein. Dem Gedanken des Pareto-Prinzips folgend, können Sie sich vorstellen, welchen Arbeitsaufwand das bedeuten würde. Geben Sie sich die Antwort auf die klassische Coaching-Frage: „Was wäre denn genug?“ Und das reicht aus.

  • „Gute Leistungen fallen natürlich auf.“

Gute Arbeit wird nicht zwingend „sichtbar“, das geschieht erst durch Erkennen und Anerkennen. Auch wenn ein anerkennendes, wertschätzendes Verhalten gegenüber Ihren Mitarbeitern für Sie selbstverständlich ist, muss das nicht in gleichem Maße für Ihre eigene Arbeit gelten. Nicht jeder hat eine Vorstellung davon, was Sie den ganzen Tag leisten. Sie werden Ihre Leistungen unter Umständen sichtbar machen müssen, damit diese von anderen überhaupt anerkannt werden können. Und im Übrigen: Feiern Sie eigentlich Ihre Erfolge? Nehmen Sie sich Zeit, diese zu „begießen“? Wenn Sie selber Ihre Leistungen nicht anerkennen und wertschätzen, wieso sollten es dann andere machen? Sie sollten sich genauso wichtig nehmen, wie Sie das bei Ihrer Arbeit tun.

  • „Hilfsbereitschaft ist gut, ich sollte nicht Nein sagen.“

Wenn es Ihnen schwerfällt, „Nein“ zu sagen, helfen Ihnen vielleicht einige Tipps:

1. Wenn Sie eine Anfrage bekommen, denken Sie kurz darüber nach, ob Sie „Ja“ oder doch lieber „Nein“ sagen möchten oder vielleicht sogar müssen.

2. Wenn Sie der Meinung sind, Sie könnten diese Bitte nicht abschlagen, fragen Sie sich, ob das wirklich nicht geht oder ob Sie ggf. Spielraum bzgl. Zeitvorgaben oder Umfang haben und welche Konsequenzen das hätte.

3. Sie können Verständnis für die Bitte des anderen zeigen und durch gezielte Fragen mehr Hintergrundinforma­tionen bekommen.

4. Jede Anfrage bedeutet auch immer entgegengebrachtes Vertrauen. Eigentlich nett, wieso nicht einfach bedanken.

5. Wenn Sie zu dem Schluss gekommen sind: „Es ist ein Nein!“, dann können Sie Ihre Entscheidung begründen. Sie müssen sich nicht rechtfertigen, aber eine Erklärung macht die Situation für beide Seiten angenehmer.

6. Vielleicht fällt Ihnen etwas Gutes ein, wie sich das Problem noch lösen lässt. Schlagen Sie es vor.

7. Bei hartnäckigen Vertretern nicht ungeduldig oder mürrisch werden, sondern sich an Punkt 5 erinnern. „Es ist ein Nein und bleibt ein Nein.“

  • „Wenn ich klar meine Meinung sage, trete ich vielleicht jemandem auf die Füße.“

Es gibt Menschen, bei denen nie ganz klar ist, was sie von einem wollen. Aus heiterem Himmel sind sie missmutig und wissen noch nicht einmal warum. Nervig, nicht wahr? Und wenn so jemand Ihr Vorgesetzter ist, noch mehr. Klarheit beugt Missverständnissen vor. Wenn Sie Ihre Meinung sagen, weiß jeder, wo er dran ist. Sagen Sie am besten freundlich, kurz und deutlich, was Sie sich wann, wie und von wem wünschen.

Wissen alleine reicht nicht

Ihre innere Haltung ist sehr wichtig. Vielleicht gibt es noch andere Denkfallen, die Ihnen immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen. Entlarven Sie sie. Machen Sie daraus neue hilfreiche und positiv formulierte Sätze. Und wenn Sie sich über-legt haben, wie Ihre Reaktion in einer bestimmten Situation beim nächsten Mal aussehen soll, üben Sie sie.

Neue Verhaltensweisen stellen sich leider nicht von selber ein. Wollen Sie im Business ein neues Verhalten an den Tag legen, probieren Sie es am besten dort aus, wo es nicht so sehr drauf ankommt. Wenn Sie auf einer Party einem Bundeswehrsoldaten charmant klarmachen, dass das Ihr Platz ist, auf den er sich gerade gesetzt hat, wird das ungewohnt sein. Dafür klappt der Ernstfall dann umso besser. |

Anja Keck

Anja Keck ist Fachapothekerin für Allgemeinpharmazie, Filialleiterin, Coach (DGfC) und Systemische Be­raterin, www.anjakeck.de

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