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Beratung

Nur kein Stress!

Pflanzliche Helfer bei nervöser Unruhe und Erschöpfung

„Ich bin zurzeit so angespannt und gereizt. Bei der kleinsten Kleinigkeit fange ich entweder zu schimpfen an oder breche fast in Tränen aus.“ „Abends bin ich wie aufgedreht, ich brauche ewig, bis ich wieder runterkomme. Oft schlafe ich dadurch schlecht ein. Haben Sie was zum Beruhigen?“ „Irgendwie habe ich keine Energie mehr, ich müsste dringend mal Pause machen und auftanken. Aber ich bin so angespannt, dass ich nicht zur Ruhe komme.“ Immer wieder suchen Patienten mit derartigen Problemen Rat in der Apotheke. In leichten Fällen ist eine Behandlung im Rahmen der Selbstmedikation möglich. Eine bewährte Therapieoption sind hier pflanzliche Arzneimittel. | Von Karin Krämer

Medizinisch spricht man von nervöser Unruhe, wenn eine Person innerlich angespannt ist und ihr Gelassenheit und Ausgeglichenheit fehlen. Dadurch reagiert sie häufiger gereizt, überempfindlich oder aggressiv, Konzentrationsfähigkeit und Belastbarkeit nehmen ab. Unter Erschöpfung versteht man einen Zustand dauernder Antriebslosigkeit, Müdigkeit, verminderter Belastbarkeit und reduzierter körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit. Die Person fühlt sich unter Umständen ausgelaugt und innerlich leer [6]. Diese beiden Krankheitsbilder treten oft gemeinsam auf: Obwohl man sich erschöpft und energielos fühlt und keine Kraft mehr hat, kommt man nicht zur Ruhe, weil man innerlich zu angespannt ist. Häufig findet man keinen Ausweg aus dem Kreisen von sorgenvollen oder ängstlichen Gedanken.

Hauptursache Stress

Die gemeinsame Hauptursache für nervöse Unruhe und Erschöpfung ist ein Übermaß an Stress. Dieser kann durch physische Reize, wie Schmerzen, äußere Faktoren und vor allem emotionale Einflüsse ausgelöst werden. Diese Stressoren werden von der betroffenen Person als belastend, gefährlich oder nicht zu kontrollieren eingeschätzt und lösen eine entsprechende Reaktion aus. Die Beurteilung ist sehr subjektiv: Was der eine als „stressig“ empfindet, kann für einen anderen eine unwichtige Kleinigkeit sein.

Auslöser für Stress

  • persönliche Einstellung („sich selbst Stress machen“), z. B. Perfektionismus, Überempfindlichkeit gegenüber Kritik, Unfähigkeit Aufgaben abzugeben, Aufregen über Kleinigkeiten
  • Belastungen im privaten Umfeld, z. B. Familiensituation, ein Pflegefall, Probleme in der Partnerbeziehung
  • berufliche Belastungen, wie Termindruck, Mobbing, Arbeitslosigkeit, Überforderung
  • Umwelteinflüsse, beispielsweise Lärm, Smog, Berufs­verkehr

Grundsätzlich ist Stress eine emotionale und körperliche Reaktion unseres Organismus auf unterschiedliche Reize und weder positiv noch negativ. Stress ermöglicht uns, auf unterschiedliche Situationen zu reagieren, und hilft uns zu überleben. Der Körper antwortet auf eine Stress-Situation mit einer gesteigerten Aktivität des vegetativen Nervensystems und des Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Systems: Als Sofortreaktion werden vermehrt die Neurotransmitter Adrenalin und Noradrenalin aus dem Mark der Nebenniere freigesetzt und bewirken über die Aktivierung des Sympathikus einen Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz, eine verstärkte Atmung und eine Herabsetzung der Verdauungstätigkeit und der Sexualfunktionen. Etwas verzögert erfolgt eine gesteigerte Sekretion des Stresshormons Cortisol aus der Nebennierenrinde. Dieses sorgt für eine ausreichende Bereitstellung von Glucose zur Deckung des erhöhten Energiebedarfs und vermindert die Aktivität des Immunsystems.

Durch diese Stoffwechselvorgänge kann der Körper in einer gefährlichen Situation schnell und effektiv reagieren, beispielsweise weglaufen, die Gefahr abwehren oder in einer Prüfung hoch konzentriert die Fragen beantworten. Dabei ist der Mensch seit Jahrtausenden jedoch vor allem auf eine körperlich aktive Antwort auf die als bedrohlich wahrgenommene Situation programmiert. Nach der körperlichen Anstrengung erfolgt, wenn die akute Gefahr vorüber ist, die Entspannungsphase. Herz- und Atemfrequenz werden wieder abgesenkt, man wird müde und hungrig, um die verbrauchten Energievorräte wieder aufzufüllen. Heute ist meistens eine körperliche Reaktion unmöglich, beispielsweise während man im Stau im Auto sitzt. Oder sie ist gesellschaftlich unerwünscht, denn zum Beispiel wird ein Prüfling, der im Zimmer herumläuft oder bei einer zu schwierigen Frage seinem Prüfer einen Kinnhaken versetzt, kaum mit einem „sehr gut“ bewertet werden. Wenn die körperliche Aktivität fehlt, dauert es länger, bis der Entspannungs­zustand einsetzt.

Problematisch wird es, wenn der Körper aufgrund von dauerhaftem Stress keine Phasen der Entspannung mehr durchläuft. Zunächst versucht er durch Anpassung, diese Situation zu bewältigen. Doch irgendwann sind alle Reserven aufgebraucht, und der Betroffene ist erschöpft. Bei Erschöpfung sinkt die Widerstandskraft des Körpers, er wird an­fälliger für Krankheiten, die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit nehmen ebenso wie die Gedächtnisleistung ab. Psychische Veränderungen können die Folge sein.

Bei dauerhaftem Stress reagiert man mit innerer Unruhe und kommt dadurch trotz Erschöpfung auch in Phasen ohne Belastungen nicht mehr zur Ruhe. Die Folge können Schlafstörungen, Depressionen und körperliche Symptome sein. Magen-Darm-Beschwerden wie Verstopfung oder Durchfall, Blähungen und Bauchschmerzen zeigen: Der Stress „liegt mir im Magen“. Anderen Patienten „liegt eine Last auf den Schultern“, die sich in Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich und Rücken- oder Kopfschmerzen manifestiert. Zudem ist man anfälliger für Infektionen, und das Risiko für Störungen des Glucose- und Fettstoffwechsels ist erhöht. Neben Stress können Unruhe und Erschöpfung auch durch Erkrankungen, Arzneimittel, Nährstoff-Unterversorgung, Genussmittel, Suchtmittel oder bestimmte Lebensphasen bedingt sein (siehe Kasten).

Weitere Ursachen für nervöse Unruhe und Erschöpfung

  • organische Erkrankungen, z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Krebserkrankungen, Migräne, Demenz-Erkrankungen, Morbus Parkinson, Schilddrüsenüberfunktion, Infektionskrankheiten
  • psychische Erkrankungen: Schizophrenie, Depressionen, Schlafstörungen, ADHS
  • bestimmte Lebensphasen: Schwangerschaft, Wechseljahre
  • Arzneimittelnebenwirkungen, beispielsweise bei Antidepressiva (SSRI, SSNRI), Theophyllin, L-Thyroxin, Amantadin, Glucocorticoiden, α- und β-Sympathomimetika, Neuroleptika
  • Alkohol
  • Coffein (Kaffee, Energy-Drinks, schwarzer Tee, Mate, Cola, in Arzneimitteln)
  • Entzugssymptome nach Abhängigkeit: Benzodiazepine, Nicotin, Drogen
  • Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen, z. B. Magne­sium, Calcium und Kalium, B-Vitaminen, Vitamin C und E, Eisen

Ist eine Selbstmedikation möglich?

Nicht für jeden Patienten, der wegen Unruhe und Erschöpfung in die Apotheke kommt, ist eine Behandlung in der Selbstmedikation geeignet, da diese Beschwerdebilder in unterschiedlichen persönlichen Situationen auftreten können. Für eine dauerhafte Besserung ist die Behandlung der Ursachen ein entscheidender Teil der Therapie.

Wichtig ist die Frage nach der Art der Beschwerden. Wenn zusätzlich beispielsweise starke Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen mit Sehstörungen auftreten, kann eventuell eine schwerwiegende Erkrankung vorliegen, und der Patient sollte an den Arzt verwiesen werden.

Fragen zur Beurteilung einer Behandlung in der Selbstmedikation

  • Um welche Art von Beschwerden handelt es sich?
  • Hatten Sie in letzter Zeit berufliche oder private Belastungen? Können Sie sich einen Grund für diese Beschwerden vorstellen?
  • Treten die Beschwerden dauerhaft auf oder wechseln gute und schlechte Phasen?
  • Wie lange haben Sie die Beschwerden bereits?
  • Bestehen andere Erkrankungen?
  • Nehmen Sie andere Arzneimittel ein?
  • Was haben Sie schon zur Behandlung Ihrer Beschwerden versucht?
  • Waren Sie bereits beim Arzt?

Die Dauer der Beschwerden ist ebenfalls für eine Beurteilung sehr wichtig. Bei akuter Unruhe und Erschöpfung, bei der die möglichen Auslöser, zum Beispiel eine anstehende Prüfung oder vermehrte Arbeitsbelastung durch den Ausfall einer Kollegin, bekannt sind, kann eine Behandlung in der Selbstmedikation versucht werden. Bestehen die Beschwerden dagegen schon seit längerer Zeit und ist keine mögliche Ursache erkennbar, sollte ein Arztbesuch empfohlen werden, da sich die Beschwerden verschlimmern und zu chronischen Krankheiten und Depressionen führen können.

Da zahlreiche Erkrankungen und bestimmte Arzneimittel die Ursache sein können, sollte hier ebenfalls nachgefragt werden. Bei Verdacht auf Arzneimittel-Nebenwirkungen oder Krankheit als Ursache gehört die Therapie in die Hände des Arztes. Die Frage, ob der Patient bereits Hausmittel oder Medikamente ausprobiert hat und ob diese geholfen haben, gibt Hinweise zur Auswahl eines geeigneten Mittels. Haben Selbsthilfemaßnahmen aber seit längerer Zeit keine Wirkung gezeigt, sollte ein Arzt hinzugezogen werden. Auch ist wichtig, ob der Patient bereits wegen seiner Beschwerden eine Arztpraxis aufgesucht hat und Untersuchungsergebnisse oder eine Diagnose vorliegen. So kann beispielsweise nach einer Bestimmung der aktuellen Blutwerte eine Schilddrüsenerkrankung oder ein Eisen-Mangel ausgeschlossen werden.

Grundsätzlich kann, auch wenn zu einem Arztbesuch geraten wird, für die Zeit bis dahin eine Empfehlung für die Selbstmedikation gegeben werden. Neben der medikamen­tösen Therapie sind hier gerade bei stressbedingten Beschwerden nicht-medikamentöse Tipps zur Behandlung der Ursache sehr wichtig.

Fotos: K. Krämer
Extrakte aus Baldrian, Passionsblume und Johanniskraut können bei nervöser Unruhe und Erschöpfung eingesetzt werden.

Therapie mit Phytopharmaka

In der Selbstmedikation werden vor allem pflanzliche Arzneimittel eingesetzt. Häufig verwendete Drogen sind Baldrianwurzel, Johanniskraut, Hopfenzapfen, Lavendelblüten, Melissenblätter, Passionsblumenkraut und Rosenwurzwurzel und -wurzelstock. Extrakte dieser Drogen sind einzeln oder in Kombination in Fertigarzneimitteln enthalten (siehe Tabelle 1), außerdem werden einige der Pflanzen als Tee oder Badezusatz angewendet. Zu allen genannten Arzneidrogen gibt es HPMC-Monografien der European Medicines Agency [5]. Alle genannten Drogen sind zur Behandlung leichter Unruhe- und Erschöpfungszustände geeignet. Diese sollten nach den individuellen Beschwerden des Patienten ausgewählt werden.

Tab. 1: Beispiele für Fertigarzneimittel bei nervöser Unruhe und Erschöpfung [2]
Inhaltsstoff
Präparate (Beispiele)
Monopräparate
Baldrianwurzel
ab zwölf Jahren
Baldrian Dispert® Tag zur Beruhigung (überzogene Tabletten)
Euvegal® Balance (Filmtabletten)
Luvased® mono (überzogene Tabletten)
Moradorm® Beruhigung Baldrian (überzogene Tabletten)
Lavendelblüten
Lasea® (Weichkapseln)
Passions­blumenkraut
Kytta-Sedativum® für den Tag (überzogene Tabletten)
Lioran® die Passionsblume (Hartkapseln)
Pascoflair® (überzogene Tabletten)
Passio® balance (überzogene Tabletten)
Kombinationspräparate (wenn nicht anders angegeben ab zwölf Jahre)
Baldrianwurzel
Hopfenzapfen
Allunapret® (Filmtabletten)
Ardeysedon® (überzogene Tabletten)
Baldrianwurzel
Melissenblätter
Euvegal® 320/160 mg (Filmtabletten): ab sechs Jahre Plantival® novo (Saft)
Baldrianwurzel
Hopfenzapfen
Melissenblätter
Baldriparan® zur Beruhigung (überzogene Tabletten)
Sedacur® forte Beruhigungsdragees (überzogene Tabletten)
Baldrianwurzel
Melissenblätter
Passionsblumenkraut
Klosterfrau Seda-Plantina (überzogene Tabletten)
Phytonoctu® (FilmTabletten)
Valeriana Hevert® Beruhigungsdragees
Vivinox® Day (überzogene Tabletten)
Baldrianwurzel
Hopfenzapfen
Passionsblumenkraut
Biosedon® (überzogene Tabletten)
Kytta-Sedativum® (überzogene Tabletten), ab drei Jahre
Kombination mit Johanniskraut
Neurapas® Balance (Filmtabletten): mit Baldrian und Passionsblume, ab 18 Jahre
Sedariston® Konzentrat (Hartkapseln): mit Baldrian, ab sechs Jahre
Sedariston® (Tropfen): mit Baldrian und Melisse, ab 18 Jahre
Rosenwurzel- und wurzelstock
Rhodiolan® (Filmtabletten), ab 18 Jahre
Vitango® (Filmtabletten), ab 18 Jahre

Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Lavendelblüten, Melissenblätter und Passionsblumenkraut wirken zusätzlich schlaffördernd, die Wirkung ist abhängig von Dosis und Einnahmezeitpunkt. Der große Vorteil der Phytopharmaka ist, dass sie nicht abhängig machen und den natürlichen Schlaf­verlauf nicht beeinträchtigen. Wenn Patienten unter Anspannung und Unruhe, die auch den Schlaf beeinträchtigen, leiden, sind diese Drogen gut geeignet. Alle Drogen, deren Inhaltsstoffe am Rezeptor-System des hemmenden Neurotransmitters Gamma-Aminobuttersäure (GABA) angreifen, dürfen nicht mit Benzodiazepinen kombiniert werden.

Baldrianwurzel (Valerianae radix) ist die am besten untersuchte Droge. Sie enthält ätherisches Öl, Valpotriate und Lignane. Ihre Wirksamkeit bei leichter nervöser Unruhe und Schlafstörungen ist durch zahlreiche Studien belegt [5]. Baldrian-Extrakt erhöht die Ausschüttung von GABA und moduliert den GABAA-Rezeptor, so dass die Wirkung des Neurotransmitters verstärkt wird [1]. Außerdem binden die enthaltenen Lignane an die A1-Rezeptoren für Adenosin im Gehirn und verstärken so die schlaffördernde Wirkung des Adenosins [8]. Baldrian-Extrakte werden als Monotherapie oder in Kombinationspräparaten eingesetzt.

Hopfenzapfen (Lupuli flos) enthalten Bitterstoffe, ätherisches Öl und Flavonoide. Die Droge wird traditionell bei nervöser Unruhe und Einschlafstörungen verwendet und ist in Kombinationspräparaten enthalten. Es liegen keine Erfahrungen für die Anwendung bei Kindern unter zwölf Jahren vor.

Das in Melissenblättern (Melissae folium) enthaltene ätherische Öl wirkt hemmend auf das für den Abbau der GABA verantwortliche Enzym GABA-Transaminase [1]. Melissenblätter wirken zusätzlich zu ihrer entspannenden und schlaffördernden Wirkung spasmolytisch und daher beruhigend bei nervösen Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen und Völlegefühl. Sie sind eine gute Empfehlung für Patienten, bei denen der Stress „auf den Magen schlägt“. Die Droge ist in Kombinationspräparaten enthalten.

Anwendungshinweise

  • volle Wirkung in der Regel erst nach ein- bis zweiwöchiger regelmäßiger Anwendung. Ausnahme: Rosenwurz-haltige Präparate
  • zur Beruhigung: ein- bis dreimal täglich
  • bei Präparaten, die außerdem zur Behandlung von Schlafstörungen zugelassen sind: eine Dosis 30 bis 60 Minuten vor dem Schlafen einnehmen, eventuell eine weitere Dosis früher am Abend

Passionsblumenkraut (Passiflorae herba) wird traditionell zur Entspannung und bei Einschlafstörungen angewandt. In In-vivo-Studien konnte eine angstlösende Wirkung nachgewiesen werden. Der Flavonoide enthaltende Extrakt moduliert wie die Inhaltsstoffe des Baldrians den GABAA-Rezeptor und verstärkt dadurch den hemmenden Effekt dieses Neurotransmitters. Außerdem wird die Verweildauer der GABA im synaptischen Spalt verlängert, da die Wiederaufnahme in die präsynaptische Membran über den GABAB-Rezeptor gehemmt wird [3]. Passionsblumen-Extrakt ist in Kombinations- und Monopräparaten im Handel. Die Anwendung bei Kindern unter zwölf Jahren, bei Schwangerschaft und Stillzeit wird mangels ausreichender Daten nicht empfohlen.

Ein Fertigarzneimittel, das aus Lavendelblüten (Lavandulae flos) gewonnenes ätherisches Öl enthält (Lasea®), ist zur Behandlung von Unruhezuständen bei ängstlicher Verstimmung bei Erwachsenen ab 18 Jahren zugelassen. In Schwangerschaft und Stillzeit sollte keine Anwendung erfolgen. Bei In-vitro-Studien wurde eine Verstärkung der GABA-Wirkung festgestellt. Die Wirkung ist in mehreren Studien belegt [4]. Die Kapseln sollten mit kaltem Wasser eingenommen werden.

Wenn in Kombination mit innerer Unruhe depressive Symptome auftreten, sollte eine Selbstmedikation nur bei leichten Beschwerden versucht werden.

Fotos: K. Krämer
Extrakte aus Melisse, Lavendel und Hopfen können auch bei Schlafstörungen eingesetzt werden.

Für Johanniskraut (Hyperici herba), das unter anderem Hypericin enthält, ist eine antidepressive Wirkung in zahlreichen Studien nachgewiesen [5]. Die Wirkung beruht auf der Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin, Noradren­alin, Dopamin und GABA im ZNS und damit Verlängerung der Wirkdauer dieser Neurotransmitter. Neben apothekenpflichtigen Monopräparaten zur Behandlung vorübergehender depressiver Verstimmungen sind auch Kombinationspräparate für die Kombination von Unruhe und leichten depressiven Störungen im Handel.

Johanniskraut induziert das Enzym CYP3A4 und verringert dadurch die Wirkung zahlreicher Arzneistoffe, die über dieses Enzym verstoffwechselt werden. Daher ist die Einnahme von Johanniskraut bei Therapie mit bestimmten Immunsuppressiva, einigen Wirkstoffgruppen zur Behandlung von HIV-Infektionen, vielen Zytostatika und den Antikoagulanzien Phenprocoumon und Warfarin kontraindiziert. Auch das P-Glykoprotein wird durch Johanniskraut induziert und erhöht beispielsweise die Elimination des Gerinnungshemmers Dabigatran. Die Kombination mit synthetischen Antidepressiva, die auf den Serotonin-Haushalt einwirken, ist wegen eventueller lebensbedrohlicher Nebenwirkungen ebenfalls nicht zugelassen. Die Wirkung hormoneller Kon­trazeptiva kann vermindert sein. Daher sollte auch bei der Empfehlung Johanniskraut-haltiger Kombinationspräparate immer nach der Einnahme anderer Medikamente gefragt werden. Wegen einer möglichen Photosensibilisierung sollte starke Sonneneinstrahlung, z. B. im Solarium oder im Hochgebirge, während der Einnahme gemieden werden. Ein hoher Lichtschutzfaktor ist ratsam. In Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kindern unter zwölf Jahren sollte Johanniskraut nicht angewandt werden.

Der Extrakt aus der Rosenwurz (Rhodiolae roseae rhizoma et radix) enthält Glykoside und wirkt als sogenanntes Adaptogen, es erhöht also die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegen Stressfaktoren und verbessert die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit. Es kann kurzzeitig zur Erleichterung von stressbedingten Beschwerden wie Erschöpfung eingesetzt werden. Die Droge wird traditionell angewendet, ihre Wirksamkeit ist durch zahlreiche Studien belegt [5]. Seit 2014 sind zugelassene Arzneimittel verfügbar. Die Wirkung soll schon ab der ersten Einnahme spürbar sein. Rosenwurz sollte nicht in Schwangerschaft, Stillzeit und von Kindern unter 18 Jahren eingenommen werden.

Zusätzliche Empfehlungen

Neben einer Behandlung mit Phytopharmaka sollte immer versucht werden, die Ursachen für Unruhe und Erschöpfung zu beseitigen. An erster Stelle steht die Veränderung der persönlichen Situation z. B. durch bewussten Abbau von Stress in Berufs- oder Privatleben, indem man trainiert, „Nein“ zu sagen, oder Aufgaben delegiert. Auch Ausdauersport und das Erlernen von Entspannungstechniken, wie Autogenem Training oder progressiver Muskelentspannung nach Jacobsen, können helfen. Eine ausgewogene Ernährung, die reich an Mikronährstoffen ist, kann den Körper positiv beeinflussen. Gerade für die Nerven sind B-Vitamine und Magnesium sehr wichtig, bei Stress ist oft auch der Kalium-Spiegel erniedrigt. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (1,5 bis 2 Liter pro Tag) braucht der Körper für gute Leistungsfähigkeit. |

Literatur

[1] Bäumler S. Heilpflanzenpraxis heute, Band 2 Rezepturen und Anwendungen. München 2013

[2] Fachinformationen der genannten Fertigarzneimittel

[3] Grundmann O Wang J et al. Anxiolytic activity of a phytochemically characterized Passiflora incarnata extract is mediated via the GABAergic system. Planta medica 2008;74:1769-1773

[4] Hersteller wehrt sich gegen Kritik an Lasea®. DAZ 2011;1310 und: BfArM steht zur Zulassung von Lasea®. DAZ 2011;1443

[5] HPMC-Monographien: www.ema.europa.eu- Find medicine - herbal medicines. Zur Auflistung der Studien siehe: Final list of references supporting the assessment .. [der jeweiligen Droge]

[6] Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, 266. Auflage. Berlin 2014

[7] Schilcher H, Kammerer S, Wegener T. Leitfaden Phytotherapie, hrsg. von H Schilcher. München 2016

[8] Schumacher B, Scholle S et al. Lignans isolated from Valerian: Identification and characterization of a new Olivil Derivative with partial agonistic activity at A-1 Adenosine rezeptors. J of Natural Products 2002;65:1479-1485

[9] Wichtl – Teedrogen und Phytopharmaka, hrsg. von W Blaschek, begr. von M Wichtl. Stuttgart 2016

Autorin

Dr. Karin Krämer studierte in München Pharmazie. Während und nach der Promotion in Medizingeschichte arbeitete sie in einer öffentlichen Apotheke. Sie unterrichtet an der Berufsfachschule für Pharmazeutisch-technische Assistenten in München Arzneimittelkunde, Botanik und Drogenkunde, Chemie und Gefahrstoffkunde.

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