DAZ aktuell

Kritik am „Apothekerfreund Gröhe“

Der „Spiegel“ bezeichnet die Begründung für das Rx-Versandverbot als „weltfremd“

BERLIN (ks) | „Dass die Regierung den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneien verbieten will, ist schön für Apotheker, aber schlecht für Patienten“ – diese Botschaft verbreitet diese Woche das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Dargestellt werden zwei Patientenschicksale, die zeigen sollen, wie „weltfremd“ die Pläne des Bundesgesundheitsministers sind.

Die Versorgung chronisch Kranker wird nach Darstellung des „Spiegel“ künftig gefährdet sein, wenn Hermann Gröhe (CDU) sich mit seinem Rx-Versandverbot durchsetzt. Etwa die des querschnittsgelähmten Leistungssportlers, der bisher alle vier Wochen eine Monatsration eines Medikaments, das er sich spritzen muss, um seine Blase zu kontrollieren, von der Versandapotheke geliefert bekommt – wenn nötig auch ins Trainingscamp im Ausland. Oder der bereits bekannte jugendliche Spina-bifida-Patient, der Oxybutynin-Instillationsspritzen benötigt, die ihm derzeit eine Hamburger Apotheke nach Rheinland-Pfalz schickt. Seine Mutter hat an Abgeordnete des Bundestags geschrieben und erklärt, sie habe alle Apotheken im Umkreis von 30 Kilo­metern abgefragt – doch keine könne das Medikament so herstellen.

Doch nun drohe das Rx-Versandverbot. Der Spiegel schreibt dazu: „Die Apothekerlobby bejubelt den Minister, weil er ihr die Konkurrenz aus dem Internet vom Hals schaffen will. Doch für viele Menschen würde sich die Lage verschlechtern. Apothekerfreund Gröhe gefährdet die Versorgung chronisch kranker Patienten“.

Die Begründung für das Gesetz, „die sich Gesundheitsminister Gröhe offenbar von der Apothekerlobby einflüstern ließ“, sei „weltfremd“. Demnach stelle der Versandhandel nicht etwa eine Verbesserung für viele Patienten dar, sondern, im Gegenteil, eine Gefahr für die flächendeckende Versorgung. Gröhe warne in dramatischen Worten vor einem „Apothekensterben“. Dies sei der „Sound“, den auch die „Lobbyvereinigung ABDA“ anschlage, heißt es, „freilich ohne je ­einen Beleg geliefert zu haben“. Vielmehr sei es ein „von Ausländern häufig bestauntes Phänomen“, dass es in deutschen Städten „mehr Apotheken als Metzgereien gibt“.

Kein Wort zu den Hinter­gründen der Gesetzesinitiative

Was der Artikel vollkommen ausblendet, sind die Hintergründe von Gröhes Vorstoß: das EuGH-Urteil und seine Folgen. Kein Wort darüber, dass EU-ausländische Versender nun mit Boni auf Rezept locken dürfen. Ebenfalls außen vor bleibt, dass es auch für Patienten, wie sie der Autor beschreibt, Lösungen gibt, die diskutiert werden.

Derweil müssen sich Befürworter wie Gegner des Rx-Versandverbotes noch gedulden. Bis Mitte März läuft die von Gröhe angestoßene Ressortabstimmung. Während aus den meisten SPD-Ministerien wohl kein Widerstand zu erwarten ist, ist unklar, wie sich Brigitte Zypries (SPD), die neue Bundeswirtschaftsministerin, verhalten wird. Sie gilt als kritisch. Zypries war Justizministerin im Kabinett Schröder als Rot-Grün den Arzneimittelversandhandel erlaubten. |

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