Arzneimittel und Therapie

Wenn Biologika ins Auge gehen

Okuläre Nebenwirkungen sind häufiger als vermutet

Wenn Kunden über gereizte und/oder beidseitig gerötete Augen klagen und in der Apotheke ein nicht-verschreibungspflichtiges Präparat gegen ihre Beschwerden kaufen möchten, kann ein Blick in die Kundenkartei bzw. die Frage nach der Dauermedikation hilfreich sein. Denn zahlreiche Biologika sind mit Nebenwirkungen am Auge verbunden.

Obwohl die Nebenwirkungsprofile vieler Biologika gut bekannt sind, werden unerwünschte Wirkungen am Auge manchmal nicht mit den betreffenden Arzneimitteln in Zusammenhang gebracht. Denn vor allem in der Tumor­therapie erhalten die Patienten eine Behandlung nach Protokollen, die aus mehreren Wirkstoffen bestehen. Die Literaturangaben zu den Häufigkeiten okulärer Nebenwirkungen besitzen eine große Spannweite, und die Fachinformationen sind nicht immer auf dem neuesten Stand, erläuterte Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Neß, Augenklinik des Universitätsklinikums Freiburg, auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG). So reichen sie beispielsweise bei Tyrosinkinase-Inhibitoren von < 5% bis 50%, bei Checkpoint-Inhibitoren von 1% bis > 10%. Andere Quellen geben an, dass mehr als 70% der Patienten unter onkologischer Therapie von okulären Nebenwirkungen betroffen sind. Die meisten unerwünschten Effekte erscheinen bereits kurze Zeit nach Behandlungsbeginn, sodass sich leicht ein Zusammenhang herstellen lässt. Nach dem Abklingen ist es jedoch möglich, dass sie nach ein oder zwei Jahren erneut auftreten.

Vielfältige UAW unter EGFR- und Checkpoint-Inhibitoren

Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen von Inhibitoren des epidermal growth factor receptors (EGFR) zählen schwere Bindehaut - und Hornhautentzündungen (Keratitis und Skleritis), Lid- und Wimpernveränderungen wie Blepharitis und Trichomegalie sowie Tränenwegsstörungen. Die Ursache dafür ist das Vorhandensein von EGFR in den epithelialen und endothelialen Zellen der Hornhaut des Auges. Verschiedene Mechanismen spielen dabei eine Rolle. So ist EGFR einer der Schlüsselrezeptoren bei der Wundheilung in der Kornea, sodass seine Hemmung zu Wundheilungsstörungen führt. Außerdem stimuliert der Wachstumsfaktor die Proliferation der Epithelzellen der Meibomdrüsen in den Augenlidern. Wird er gehemmt, kommt es zu Lidrandentzündungen. EGF-Rezeptoren werden auch in den Haarfollikeln exprimiert. Ihre Hemmung führt zu einer Stimulation des Wimpernwachstums (Trichomegalie). Bei Wirkstoffen wie den Tyrosinkinase-Inhibitoren Erlotinib und Gefitinib und bei den Antikörpern Cetuximab und Panitumumab sind diese Nebenwirkungen zugleich das Zeichen für das Anschlagen der Behandlung.

Auch unter Checkpoint-Inhibitoren wie Ipilimumab, Pembrolizumab oder Nivolumab wurden Augen-Nebenwirkungen, beispielsweise Uveitiden, beobachtet.

Foto: Vladimir Voronin – stock.adobe.com
Trichomegalie Wachsen unter EGFR-Inhibitoren die Wimpern ungewöhnlich lang und kräftig, so kann das ein Zeichen für das Ansprechen auf die Therapie sein, denn die normale Entwicklung und Funktion der Hautanhangsgebilde sind von der EGFR-­vermittelten Signaltransduktion abhängig.

Behandlungsmöglichkeiten okulärer Nebenwirkungen

Experten sind sich einig, dass die Detektion und Behandlung dieser Nebenwirkungen bei Tumorpatienten eine enge Zusammenarbeit zwischen Onkologen und Ophthalmologen erfordern. Im Falle der EGFR-Inhibitoren gibt es vonseiten der Augenärzte eine starke Empfehlung zum prophylaktischen, mindestens viermal täglichen Einsatz von künstlichen Tränen vor Therapiebeginn. Häufig werden bei entzündlichen Nebenwirkungen kurzfristig Corticosteroide eingesetzt, entweder als Augentropfen oder als Implantat (mit Dexamethason, Ozurdex®). Eine Beendigung der Behandlung oder der Wechsel auf einen anderen Wirkstoff kommen meistens nicht infrage, da dies bei den schwer erkrankten Patienten zu einer lebensbedrohlichen Situation führen würde. Ein solches Vorgehen ist aber auch nur in seltenen Fällen tatsächlich notwendig. |

Quelle

Hager T, Seitz B. Ocular side effects of biological agents in oncology: what should the clinician be aware of? OncoTargets and Therapy 2014;7:69–77

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

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