Die Seite 3

Versenden vs. versorgen

Foto: DAZ/Kahrmann
Dr. Benjamin Wessinger, Chefredakteur der DAZ

Seit 2004 gibt es in Deutschland legalen Arzneimittelversand. Anfangs von den allermeisten Apothekern strikt abgelehnt und von der Standesvertretung erbittert bekämpft, hatte sich in den letzten Jahren eine mehr oder weniger friedliche Koexistenz ausgebildet. Das EuGH-Urteil, das besagt, dass ausländische Versender sich nicht an die deutsche Arzneimittelpreisbindung halten müssen, hat die Situation nun völlig verändert. Von den einst von Ulla Schmidt angekündigten „gleichlangen Spießen“ kann nun vollends keine Rede mehr sein. Oder wie Herrmann Gröhe es formulierte: „Den früher gefundenen Kompromiss, den Onlinehandel zwar zuzulassen, aber mit denselben Preisen wie in der Apotheke, haben die Versandapotheken gekippt.“

Welche Auswirkungen das EuGH-Urteil im Zusammenspiel mit dem Boom des Onlinehandels in fast allen Branchen auf die Apotheken haben wird – wenn nicht der Gesetzgeber doch noch eine Lösung findet – kann man erahnen, wenn man sich die Entwicklungen seither anschaut: massive Werbekampagnen, Boni von bis zu 30 Euro pro Rezept, Übernahmen, (geplante) Börsengänge und so weiter und so fort. Die EuGH-Entscheidung habe bei den Versandapotheken „die Handbremse gelöst“, schreibt unser Autor Thorsten Schüller in unserer Titelgeschichte („Die Päckchenpacker“ auf S. 22 dieser DAZ).

Gleichzeitig geht die Zahl der Apothekenbetriebsstätten in Deutschland unvermindert zurück, inzwischen sind es weniger als 20.000 Apotheken. Noch reicht diese Zahl aus, um die Bevölkerung flächendeckend mit Arzneimitteln zu versorgen, sprich: um den Versorgungsauftrag zu erfüllen. Doch jeder Prozentpunkt Marktanteil, den die Versender dazugewinnen, fehlt den Apotheken vor Ort, ihre Zahl wird also weiterhin sinken. Dabei spricht vieles dafür, dass am Ende nicht die berühmt-berüchtigten fünf Apotheken innerhalb von fünfhundert Metern Fußgängerzone schließen müssen, sondern die einzige Dorfapotheke in einem Umkreis von fünf Kilometern. Der Boom der Versender gefährdet so direkt die flächendeckende Versorgung auf dem Land.

Die Arzneimittelversender können die Lücken, die sie in das Apothekennetz reißen, dabei nicht selber schließen. Versorgung ist mehr als Packungen abgeben – und erst recht mehr als Päckchen verschicken. Der Präsident der Bundesapothekerkammer Dr. Andreas Kiefer hat das bei einer Veranstaltung des Krankenkassendienstleisters GWQ Ende September so auf den Punkt gebracht: Es genügt nicht, die Versorgung für die 90 Prozent der Bevölkerung zu organisieren, die fit, mobil und digital sind. Unser Sozialsystem beruht darauf, auch die restlichen zehn Prozent mitzunehmen.

Wenn die Apotheken weiterhin die Versorgung für alle, für 100 Prozent der Bevölkerung vor Ort sicherstellen sollen, muss der ungleiche Wettbewerb beendet werden, bevor er noch mehr Apotheken das Leben kostet. Umso ärgerlicher, dass vor der Bundestagswahl keine Lösung gefunden wurde.

Benjamin Wessinger

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