Rezension

Durch die Wirren der Wechselwirkungen

Wichtige Interaktionen erkennen und vermeiden

Da ist sie wieder: eine Interaktionswarnung wird bunt leuchtend im Kassensystem angezeigt. Schnell ist guter Rat teuer und Entscheidungen zur Bewertung der Interaktion und ihrer klinischen Relevanz wollen getroffen werden. Schaltet man den Arzt ein, ja oder nein? Wie erklärt man es dem Patienten? Gibt es vielleicht alternative Wirkstoffe oder Empfehlungen, welche Vorsichts- oder Monitoringmaßnahmen zu ergreifen sind? Was ist, wenn Patienten viele Arzneimittel gleichzeitig einnehmen müssen, die miteinander auf vielfältige Weise interagieren können?

Ihre Interaktionsdatenbank gibt Ihnen zur Bewältigung des Alltags hier hoffentlich Aufschluss. Für alle, die abseits oder gerade wegen ständiger Warnmeldungen zu Interaktionen die Grundprinzipien dieses komplexen Themenfeldes verstehen bzw. auffrischen wollen, bietet sich das neue Fachbuch „Wenn Arzneimittel wechselwirken“ von Dr. Sabine Menzel und Prof. Dr. Dr. Gerd Geisslinger in hohem Maße an. Die durch die Werke „Mutschler Arzneimittelwirkungen“ und „Pharmakologie kompakt“ bekannten Fachautoren haben es mit ihrem neuen Werk geschafft, auf 132 kompakten Seiten einen Unterstützer und Navigator im Kampf durch den Interaktionsdschungel zu verfassen.

Prägnante Darstellung

Dem Leser werden in sechs übersichtlich strukturierten Kapiteln und auf prägnante, einfach beschriebene Weise Grundlagen über Arzneimittel-Interaktionen vermittelt, die präzise die erforderliche Tiefe und Genauigkeit aufweisen, aber nicht zu ausufernd dargestellt werden. So gelingt es, das aus Studium und Beruf vorhandene, aber unter Umständen schlummernde Wissen schnell wieder aufzufrischen und auf den aktuellen Stand, zum Beispiel hinsichtlich neuer Erkenntnisse zu torsadogenen Wirkstoffen (und ihrer Kombination) oder Transporter-basierten Interaktionen (OATP- und MRP-Transporter), zu bringen. Bestens geeignet ist das Werk auch für Studierende der Pharmazie oder Medizin, bietet es doch neben dem profunden Wissen über Interaktionen die notwendigen pharmakologischen und pharmakotherapeutischen Hintergründe „en passant“ mit an.

Von Gerd Geisslinger und Sabine Menzel

Wenn Arzneimittel wechselwirken

Wichtige Interaktionen erkennen und vermeiden

XII, 132 S., 34 farb. Abb., 23 farb. Tab., 17,0 × 24,0 cm, kartoniert, 24,80 Euro

ISBN 978-3-8047-3747-1

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2017

Einfach und schnell bestellen

Deutscher Apotheker Verlag

Postfach 10 10 61, 70009 Stuttgart

Tel. 0711 2582-341

Fax: 0711 2582-290

E-Mail: service@deutscher-apotheker-verlag.de

oder unter www.deutscher-apotheker-verlag.de

Kritische Pärchen beleuchtet

Dem Hauptteil zu den hervorragend erklärten und mit vielen Beispielen gespickten Hintergründen pharmakodynamischer und pharmakokinetischer Interaktionen folgt eine kritische Beleuchtung der 40 wichtigsten Interaktionspärchen. Hierbei handelt es sich um klinisch relevante Arzneimittelkombinationen, die in der Praxis häufig anzutreffen sind, zum Beispiel Klassiker wie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID) und Glucocorticoide oder Statine und Makrolid-Antibiotika. Nach kurzer Erläuterung des Interaktionsmechanismus wird vermittelt, welche Gefahren durch gleichzeitige Verabreichung drohen, zum Beispiel Wirkungsabschwächung bis hin zum Wirkverlust oder im Gegenzug eine Erhöhung der AUC eines der Interaktionspartner mit entsprechender Erhöhung der Nebenwirkungsgefahr. An geeigneter Stelle werden Hinweise zum erforderlichen Monitoring, Einhaltung eines zeitlichen Abstands bei der Einnahme oder Dosisreduktion respektive -erhöhung gegeben, um die beschriebene Interaktion zu umgehen. Schließlich ist es nicht immer möglich, bei zwingender Notwendigkeit beider Therapeutika, auf alternative Wirkstoffe auszuweichen. Alternativen werden – sofern vorhanden – aber genannt. Didaktisch wertvoll ist, dass die 40 Interaktionspärchen gemäß der zuvor praktizierten Gliederung in pharmakodynamische und pharmakokinetische Interaktionen unterteilt werden.

Querlesen erwünscht

Wichtige Schlagworte und Wirkstoffnamen werden im Buch fett hervorgehoben und an vielen Stellen, zum Beispiel bei der Darstellung der einzelnen Interaktionspärchen, findet sich ein Verweis auf das Kapitel, in dem die zugrunde liegenden Mechanismen oder Hintergründe genauer erläutert werden. Schnell liest man quer und taucht tiefer ein. Unnötige Informationsdoppelungen werden dem Leser somit zum Glück erspart. Wünschenswert wäre an dieser Stelle aber gewesen (zumindest was die Printversion betrifft), wenn der Querverweis nicht nur die Angabe der Kapitel- bzw. Unterkapitelnummer enthalten würde, sondern auch die konkrete Seitenzahl, um die Information schneller zu finden.

Was tun bei Polypharmakotherapie?

Das vorletzte Kapitel widmet sich praktischen Tipps im Umgang mit der häufig anzutreffenden Polypharmakotherapie. Hier wird für die wichtigsten Arzneistoffgruppen (z. B. ACE-Hemmer, Statine, Analgetika, Antidepressiva) beschrieben, welcher Wirkstoff bei Patienten, die viele Medikamente gleichzeitig einnehmen, am wenigsten „aneckt“ (unter Gesichtspunkten des Interaktionsrisikos). Die Autoren versäumen nicht, zu den interaktionsarmen Wirkstoffen auch eventuell zu berücksichtigende Fallstricke anzugeben. Zum Beispiel wird in der Gruppe der Statine beschrieben, dass Pravastatin und Fluvastatin im Gegensatz zu Simvastatin und Atorvastatin weniger interaktionsträchtig sind: Pravastatin ist kein CYP-Substrat und Fluvastatin wird nur über CYP2C9 metabolisiert. Es folgt aber direkt die Information, dass eine mögliche Interaktion mit OATP-Inhibitoren (z. B. Ciclosporin, HIV-Protease-Inhibitoren, Clarithromycin) zu bedenken ist, die alle Statine als Substrate der OATP-Transporter betrifft. Selbstverständlich wollen die Autoren die Nennung von Wirkstoffen mit geringem Interaktionspotenzial innerhalb einer Gruppe immer unter Berücksichtigung von patienten- und krankheitsbedingten Faktoren zu verstehen wissen und nicht als generelle Therapieempfehlung.

Fallbeispiele mit Fallstricken

Vergleichbaren Büchern fehlen sicherlich die zur Testung des eigenen Wissens hervorragend geeigneten zehn Fallbeispiele am Ende des Buches (nebst Auflösung). Denkbar wäre beispielsweise, diese Fallbeispiele im Rahmen einer Teamschulung in der Apotheke zu besprechen, um sich dem Thema Interaktionsmanagement zielgerichtet zu widmen. Auch die apothekeninterne Ausbildung von Pharmazeuten im Praktikum kann zweifels­ohne durch die Bearbeitung dieser Fallbeispiele bereichert werden ebenso wie die Prüfungsvor­bereitung auf das medizinische oder pharmazeu­tische Staatsexamen. Lassen Sie sich für Interaktionen sensibilisieren – dieses Buch hilft Ihnen auf jeden Fall dabei und erleichtert Ihnen durch kompetente Einblicke den Kampf durch den Interaktions­dschungel! |

Apothekerin Dr. Verena Stahl

Das könnte Sie auch interessieren

Wirkstoff-Lexikon

Statine

Beratungswissen zu Wirkungen, Nebenwirkungen und Interaktionen

Statine

Statine sind nicht alle gleich

Von kleinen Unterschieden

Strategien zur Vermeidung muskulärer Nebenwirkungen

Myopathien unter Statintherapie

Arzneimitteltherapie-Sicherheit bei Hyperlipidämie

Statin-induzierte Myopathie

AHA warnt vor Wechselwirkungen unter Statin-Therapie – und gibt Tipps, wie man sie umgeht

Statine in Interaktion

Ein Muss für eine umfassende pharmakologische Ausbildung

Was den „Mutschler“ so besonders macht

Von der Faszination biotechnologisch hergestellter Arzneistoffe

Vom Gen zum Wirkstoff

Wie Transporter Invasion, Verteilung und Elimination regeln

Arzneimittel und Transportproteine

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.