DAZ aktuell

Neue Regeln für die Substitution

30-Tage-Take-Home-Verordnung, Sichtbezug nur mit Vertrag, mehr Dokumentationspflichten

Foto: dpa / picture alliance
BERLIN (ks) | Seit dem 2. Oktober ­gelten die neuen Regeln der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) zur Substitutionsbehandlung Opioidabhängiger. Auch auf Apotheken kommen dabei einige Neuerungen zu.

Bereits Ende Mai war die jüngste Verordnung zur Änderung der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) in Kraft getreten. Allerdings galten die Regelungen zunächst unverändert weiter – denn die Bundesärztekammer (BÄK) war erst einmal aufgefordert, in einer Richtlinie Details zu Voraussetzungen und Zielen der Substitutionstherapie zu regeln. Der Verordnungsgeber wollte so bewusst die Therapiehoheit der Ärzteschaft stärken. Die BÄK begrüßte dies und ist ihrem Auftrag mittlerweile fristgerecht nachgekommen. Diese Woche Montag wurde die Richtlinie im Bundesanzeiger bekannt gemacht. Damit finden die neuen BtMVV-Regeln seitdem Anwendung.

Anpassung an neue Erkenntnisse und praktische Bedürfnisse

Mit der Reform der BtMVV wollte der Verordnungsgeber die Möglichkeiten zur Behandlung opioidabhängiger Menschen ausbauen sowie an den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt und an aktuelle praktische Bedürfnisse anpassen. Da viele langjährig Substituierte inzwischen auch in Pflegeheimen oder Hospizen leben, wird den behandelnden Ärzten die Betreuung dieser Patienten in diesen Einrichtungen erleichtert.

Grundsätzlich sollen Opioidabhängige ihr Substitutionsmittel auch künftig nur im Beisein von Fachpersonal einnehmen. Die neue Verordnung erweitert aber die Ausnahmen von diesem Grundsatz. Für Apotheken von Interesse ist nicht zuletzt die Ausweitung von Take-home-Verschreibungen. So wird etwa die bisherige Zwei-Tage-Ausnahmeregelung beibehalten, der Überbrückungszeitraum aber ausgedehnt, wenn einem Wochenende Feiertage vorausgehen oder folgen, auch wenn ein Brückentag dazwischenliegt (bis zu maximal fünf Tage). Auch die Sieben-Tage-Regel bleibt. Der Arzt muss eine solche Verschreibung nach dem Buchstaben „S“ zusätzlich mit dem Buchstaben „Z“ kennzeichnen (erst „S“, dann „Z“). Nicht zuletzt können stabilen Patienten jetzt sogar Substitutionsmittel für bis zu 30 Tage verordnet werden.

Sichtbezug-Rezept vom Patienten

Neu für Apotheken ist, dass die Substitutionspatienten selbst mit einem BtM-Rezept über Substitutionsmittel zum unmittelbaren Verbrauch (Sichtbezug) in die Apotheke kommen können. Bislang musste der substituierende Arzt die Verschreibungen über den Sichtbezug entweder selbst in der Apotheke vorlegen oder die Vorlage erfolgte durch von ihm beauftragtes Praxispersonal. Nun kann der Arzt, wenn er es für vertretbar hält, die Sichtbezugs-Verordnungen dem Patienten aushändigen. Wichtig für die Apotheken ist: Per Sichtbezug darf eine Apotheke nur dann versorgen, wenn sie zuvor eine entsprechende Vereinbarung mit dem Arzt geschlossen hat. Die Bundesapothekerkammer hat eine entsprechende Muster-Vereinbarung sowie eine Muster-Einwilligungserklärung zur Schweigepflicht-Entbindung erarbeitet, die auf der ABDA-Webseite zum Download bereit stehen.

Die ausgeweiteten Take-home-Verordnungen werden zudem weitere Veränderungen für die Apotheken mit sich bringen. So kann der Arzt jetzt auf Take-Home-Verordnungen die Abgabe von Teilmengen in der Apotheke fest­legen. Der Patient kann also die verordnete Menge an mehreren ärztlich vorgeschriebenen Zeitpunkten in der Apotheke abholen. Ebenso kann der Arzt festlegen, dass das Substitutionsmittel dem Patienten in Teilmengen zu bestimmten Zeitpunkten zum unmittelbaren Verbrauch in der Apotheke oder der Arztpraxis (Sichtvergabe) zu überlassen ist. Diese neue Form von Mischrezepten bedeutet Mehraufwand für Apotheken. Sie müssen sich etwa über die Lagerung des Anbruchs des Substitutionsmittels Gedanken machen. Vor allem aber werden mehr Abgaben und damit mehr Dokumentationen auf die Apotheken zukommen.

Mehr Dokumentationspflichten entstehen zudem, weil im Falle des Sichtbezugs der Verbleib nicht mehr zwingend vom Arzt patientenbezogen nachzuweisen ist. Diese Pflicht wird auf weitere Fachkreise erweitert – darunter auch Apotheken –, wenn der substituierende Arzt mit ihnen eine Vereinbarung getroffen hat. Der Arzt, der die Nachweisführung nicht selbst vornimmt, muss dabei sicherstellen, dass diese andere Person ihm bis zum Ende jedes Kalendermonats über die Prüfung und Nachweisführung schriftlich oder elektronisch unterrichtet.

Weiterhin müssen nun alle Take-home-Rezepte außer mit dem Buch­staben „S“ auch mit dem Buchstaben „T“ gekennzeichnet sein. Dabei ist das „T“ nach dem Buchstaben „S“ aufzubringen. Auch die Reichdauer in ­Tagen ist an­zugeben.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), bezeichnete die Reform als „Meilenstein“ auf dem Weg, die Rahmenbedingungen und Möglichkeiten bei der Versorgung suchtkranker Menschen zu verbessern.

Die ABDA hat für die wichtigsten Fragen der Apotheker ein FAQ-Papier ­„Opioidsubstitution“ zusammengestellt. Dieses kann im Mitgliederbereich unter www.abda.de (Info-Projekte) abgerufen werden. |

Das könnte Sie auch interessieren

Überarbeitete BtMVV bringt Neues für Ärzte, Patienten und Apotheker – aber nicht sofort

Neue Regeln für die Substitutionstherapie

Mehr Kompetenzen für die Ärzte - mehr Bürokratie für die Apotheken

Update für die Substitutionstherapie

Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung

Apotheker kritisieren geplante „Mischrezepte“

Retax bei Substitutionsrezepten

DAV: Apotheker bekommen BtM-Gebühr pro Abgabe

Wissenswertes und Neues zur Substitutionstherapie Opiatabhängiger

Methadon und Co.

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.