Aus der Hochschule

Mal aus der Rolle fallen

Erfahrungen und neue Möglichkeiten mit Rollenspielen in der Apothekerausbildung

WISMAR (tmb) | Im begleitenden Unterricht für Pharmazeuten im Praktikum sind Rollenspiele lange etabliert. In Lehrapotheken werden sie nun auch zum Bestandteil des Pharmaziestudiums. Damit soll der Berufsnachwuchs so ausgebildet werden, dass das Potenzial der unverzichtbaren Arzneimittelberatung vor Ort optimal ausgenutzt wird.

Immer mehr pharmazeutische Institute richten Lehrapotheken für das Studium ein. Seit April verfügt beispielsweise das Institut in Greifswald über eine solche Lehrapotheke (siehe DAZ 2017, Nr. 15, S. 89). Dort können die Studierenden unter realitätsnahen Bedingungen den Umgang mit den apothekentypischen Informationsmedien und den Ablauf der Beratung üben. Das ist für das Pharmaziestudium relativ neu, aber die Beratung bei der Arzneimittelabgabe wird im dritten Ausbildungsabschnitt schon lange gelehrt. Eine bewährte Lerntechnik dabei sind Rollenspiele, bei denen verschiedene Teilnehmer die Rolle des Apothekers oder des Patienten einnehmen. Zur möglichst erfolgreichen Nutzung der Lehrapotheken in den Universitätsinstituten könnten Erfahrungen beitragen, die seit 1994 bei Rollenspielen im dritten Ausbildungsabschnitt entstanden sind.

Foto: Markus Oelze und Jan Messerschmidt, Universität Greifswald
In der Lehrapotheke der Universität Greifswald können Studenten unter realitätsnahen Bedingungen und in Rollenspielen Beratungssituationen üben.

Erfahrungen mit Rollenspielen

Seit 1994 hat der Wismarer Apotheker Dr. Joachim Framm etwa 1500 solche Rollenspiele in Greifswald, Halle, Hannover und Kiel durchgeführt und begleitende Vorlesungen dazu gehalten. Seine Erfahrungen daraus beschreibt Framm im Interview (siehe unten). Wissenschaftlich basieren die Rollenspiele auf psychodramatischen Übungen, die der österreichische Arzt Jacob Lewy Moreno erstmals beschrieben hat. Framm sei immer wieder beeindruckt gewesen, wie diese Rollenspiele eine Eigendynamik entwickelten. Dabei seien in den allermeisten Fällen realistische Beratungsgespräche entstanden. Offensichtlich wird diese Lernform gerne angenommen, wie das große Engagement der Teilnehmer deutlich mache.

Perspektive für die Apotheke

Über den Lerneffekt hinaus zeigen die Erfahrungen aus den Rollenspielen, dass eine ausführliche Beratung zur Erstverordnung bei den meisten Arzneistoffen in etwa 2,5 bis 3,5 Minuten möglich ist. Dabei bezieht sich Framm auf die diesbezügliche Leitlinie der Bundesapothekerkammer und die Beratungsinhalte gemäß dem Buch „Arzneimittelprofile für die Kitteltasche“ (siehe Kasten „Literaturtipp zur Beratung“). Damit liefern die Rollenspiele eine wichtige Erkenntnis für den echten Apothekenalltag und zeigen, dass eine Beratung „nach den Regeln der Kunst“ in angemessener Zeit möglich ist.

Literaturtipp zur Beratung

Zeigen Sie Profil!

Sie setzen auf eine stukturierte Beratung im Fall einer Erstverordnung oder bei der Selbstmedikation? Sie analysieren die Medikation Ihres Patienten im Rahmen des Medikationsmanagements? Sie suchen eine schnelle Information im Beratungsgespräch? Seit mehr als 15 Jahren sind Apotheken mit den „Arzneimittelprofilen“ bestens gerüstet!

  • Mehr als 300 komplett überarbeitete Steckbriefe zu den wichtigsten Arzneistoffen
  • Piktogramme für die richtige Arzneimitteleinnahme
  • Patienteninfos sind farblich hervorgehoben
  • 23 neue Wirkstoffprofile

Zeigen Sie Profil und optimieren Sie die Arzneimitteltherapie für Ihre Patienten!

Von Joachim Framm, Martin Anschütz, Almut Framm, Erika Heydel, Anke Mehrwald, Grit Schomacker, Dörte Stranz, Kirsten Lennecke

Arzneimittelprofile für die Kittel­tasche

Wirkstoffbezogene Beratungsempfehlungen für die Pharmazeutische Betreuung

5., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage 2014, VIII, 360 S., 11,5 × 16,5 cm, flexibel, 19,80 Euro, Deutscher Apotheker Verlag. ISBN 978-3-7692-5990-2 

Zu beziehen über: Deutscher Apotheker Verlag ⅼ Birkenwaldstr. 44 ⅼ 70191 Stuttgart ⅼ Tel. 0711 2582-341 ⅼ Fax 0711 2582-290 ⅼ service@deutscher-apotheker-verlag.de

Perspektive für das Studium

Im dritten Ausbildungsabschnitt stehen für die Rollenspiele meist nur zwei Stunden zur Verfügung. Einschließlich Vor- und Nachbereitung sind in dieser Zeit erfahrungsgemäß etwa fünf Rollenspiele möglich. Denn Framm legt sehr großen Wert darauf, die Rollenspiele zu filmen und den Film anschließend in der Gruppe auszuwerten. Es sei außerdem hilfreich, wenn die Praktikanten sich selbst in der Apotheker­rolle wahrnehmen können. Bei Gruppengrößen um 25 Teilnehmer kann dann nur ein kleiner Teil der Praktikanten aktiv mitwirken. Im Studium dürfte jedoch mehr Zeit zur Verfügung stehen. Auch dies war ein Grund für Framm, seine Erfahrungen mit den Rollenspielen jetzt in einer Broschüre zusammenzufassen (siehe Literaturtipp „Rollenspiele Apotheker-Patient“).

Literaturtipp 

Die Broschüre „Rollenspiele Apotheker-Patient“ (Erfahrungsbericht und Anlagen) von Joachim Framm hat 55 Seiten.

Die Online-Version kann über joachim.framm@t-online.de kostenlos und die gedruckte Broschüre für 6,50 Euro bezogen werden.

Ausblick

Im Mittelpunkt steht dabei stets das Ziel, dass die künftigen Apotheker lernen, den Patienten die notwendigen Arzneimittelinformationen zu vermitteln und sie für die Therapie zu motivieren. Darüber hinaus dürfte auch der Apotheker selbst durch sein Auftreten ebenso wie die „Droge Arzt“ einen Anteil an der Wirksamkeit einiger Arzneimittel haben. Spätestens dort berührt das Thema die politische Diskussion zum Arzneimittelversand. Denn Empathie im Zusammenhang mit der Abgabe eines Arzneimittels kann nur von Angesicht zu Angesicht vermittelt werden. |


Erkenntnisse und Einsichten durch lebensnahe Ausbildung

Interview mit einem, der seit über 20 Jahren Rollenspiele durchführt

Seit vielen Jahren engagiert sich Apotheker Dr. Joachim Framm für eine praxisnahe Ausbildung von Pharmaziestudenten. So führte er ca. 500 Rollenspiele mit Pharmaziepraktikanten durch. Die DAZ befragte ihn nach seinen Erfahrungen in der Ausbildung der angehenden Apotheker.

Dr. Joachim Framm

DAZ: Wie kam es zu den Rollenspielen im dritten Ausbildungsabschnitt?

Dr. Joachim Framm: Die erste Anregung gab es schon 1977 bei einer Tagung der Scheele-Gesellschaft in Neubrandenburg zum Thema „Apotheker und Patient“. Es folgte ein Besuch der Fakultätsapotheke in Brünn in der damaligen Tschechoslowakei. Dort gab es eine Videoanlage, um die Beratung zu studieren. Wir haben dann später in einer Arbeitsgruppe das Szenario für einen Videofilm mit den neuen Formen der Beratung entworfen. Als im Herbst 1993 auf Anregung des Bundesverbandes der Pharmaziestudierenden erste Rollenspiele durchgeführt wurden, gab dies einen weiteren Anstoß. Unsere Rollenspiele wurden dann gemeinsam mit anderen Kollegen entwickelt.

DAZ: Welche Voraussetzungen für Rollenspiele sind Ihnen besonders wichtig?

Framm: Die Einrichtung von Lehrapotheken ist natürlich sehr zu begrüßen, aber man kann auch mit einer ganz einfachen Ausrüstung einiges erreichen. Wichtig ist mir, dass die Rollenspiele immer mit einer Videoaufzeichnung verbunden werden. Der didaktische Wert und das Interesse der Teilnehmer waren wesentlich geringer, wenn diese Technik einmal ausfiel. Wenn die Atmosphäre in diesen Seminaren von gegenseitigem Respekt bestimmt ist, können auch bis zu 30 Studenten teilnehmen.

DAZ: In psychologischer Fachliteratur zu Rollenspielen wird empfohlen, Psychologen einzubeziehen und Rollen mit Schauspielern zu besetzen. Ist das nötig?

Framm: Sicher ist es wünschbar und vermutlich an der Hochschule auch leichter zu realisieren, Psychologen zu beteiligen. Das ist zum Beispiel in Hamburg gemacht worden. Aber ich halte das nicht für eine wesentliche Voraussetzung. Die pharmazeutischen Inhalte müssen im Vordergrund stehen, die Psychologie steht erst an zweiter Stelle. Die Einbeziehung von Schauspielern erscheint mir erst in einem höher entwickelten Stadium sinnvoll. Alle Pharmazeuten, die Rollenspiele vorbereiten, können nach meiner Erfahrung darauf vertrauen, dass die Studenten selbst für lebendige Situationen sorgen.

DAZ: Was erscheint Ihnen wichtig für die Vorbereitung und den Ablauf der Rollenspiele?

Framm: Ich habe in den vergangenen 20 Jahren vorwiegend die Beratung bei der Erstverordnung eines Arzneimittels erprobt. Wichtig war, die Inhalte klar zu definieren und den Ablauf anhand der QMS-Leitlinie der Bundesapothekerkammer zu gliedern. Nach den Rollenspielen wurde zunächst der „Patient“ nach seinen Eindrücken befragt, danach der „Apotheker“. Anhand der Videoaufzeichnung wurden dann alle Details erörtert.

DAZ: Was sind Ihre wichtigsten Erfahrungen aus 20 Jahren mit Rollenspielen?

Framm: Allgemein ist doch die Auffassung verbreitet, dass die an sich wünschenswerte Beratung des Apothekers zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Wir haben aber für die Erstberatung immer wieder zwischen 2,5 und 3,5 Minuten gemessen. Außerdem waren wir sehr erstaunt, dass die Rollenspiele so lebensnah waren. Besonderen Wert haben wir auf die Gesprächseröffnung gelegt. Die Rückmeldungen des Patienten geben Informationen für die Plausibilitätsprüfung und ermöglichen, auch nachdrücklich über die Wirkung und den Nutzen des jeweiligen Arzneimittels zu sprechen. Die Motivation des Patienten zu fördern, sollte immer das vordringliche Ziel sein. Die sehr erstaunlichen Ergebnisse der Placebo-Forschung in Bezug auf die Rolle des Therapeuten unterstreichen das, auch wenn man den Begriff „Therapeut“ nicht mit dem Apotheker verbinden mag. Wir wissen doch inzwischen, dass nur jeder zweite Patient seine Arzneimittel richtig anwendet. Darum muss noch mehr und noch besser beraten werden.

DAZ: Sehen Sie weitere Konsequenzen für den Apothekenalltag?

Framm: Ja. Die Informationen, die der Patient bei einer Erstverordnung erhalten sollte, überschreiten bei vielen Arzneimitteln die Grenzen dessen, was mündlich zu vermitteln ist. Der Patient kann sich bestenfalls drei oder vier Inhalte merken. Dann ist eine schriftliche Zusammenfassung der Erstberatung notwendig. In der Leitlinie der Bundesapothekerkammer wird das auch angedeutet. Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht.

DAZ: Könnten Rollenspiele in der Apothekerausbildung noch mehr leisten?

Framm: Unsere Erfahrungen mit Rollenspielen waren positiv. Es war immer erkennbar, wie viel nachdrücklicher sich die Grundsätze, der Ablauf und die Details einer guten Beratung darstellen lassen. Interessanterweise ergab die gemeinsame Auswertung mit den Praktikanten auch manche neue Einsicht. Dieses Studium der Beratungsfunktion ist für den Apotheker von Bedeutung. Es ist gut, wenn dies in der Hochschule geschieht. Aufgrund der Erfahrungen in anderen Ländern erscheint es mir wirklich geboten, auch andere Situationen im Rollenspiel regelrecht zu studieren. Das betrifft Wiederholungsverordnungen, generische Substitution, Selbstmedikation, den Umgang mit dem Medikationsplan, die Medikationsanalyse, das Medikationsmanagement und das Verhalten in kritischen Situationen. Mein Erfahrungsbericht (siehe Kasten „Literaturtipp“) wird hoffentlich den Kollegen nutzen, die Rollenspiele an den Universitäten durchführen. Vielleicht ist er auch für PhiPs und junge Kollegen interessant.

DAZ: Vielen Dank für das Gespräch. |

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.