Arzneimittel und Therapie

Die Spritze gegen HIV

Ein neuer Durchbruch in der AIDS-Therapie?

Seit dem Aufkommen von HIV in den 80er-Jahren hat es in jeder Dekade eine Weiterentwicklung in der Therapie gegeben, und AIDS hat mit den Jahren die Charakteristik einer chronischen Erkrankung angenommen. Die größte Herausforderung für den Patienten ist heute die Adhärenz. Hier gelang 2007 mit dem Single-Tablet-Regiment (STR), welches die einmal tägliche Einnahme einer Tablette ermöglicht, ein großer Fortschritt. Nun könnte der nächste Durchbruch bezüglich der Adhärenz bevorstehen.

Im Lancet wurden die Ergebnisse der LATTE (Long-Acting Intramuscular Cabotegravir and Rilpivirine in Adults With HIV-1 Infection)-2-Studie veröffentlicht, welche zu einem Paradigmenwechsel in der Therapie führen könnten. Bei LATTE-2 handelt es sich um eine randomisierte open label Phase-II b-Studie, in der eine orale duale Therapie mit der Gabe von zwei langwirksamen, injizierbaren Wirkstoffen verglichen wurde.

Foto: bst2012 – stock.adobe.com

Von einmal täglich oral ...

Zum Einsatz kamen Cabotegravir und Rilpivirin, für deren oralen Einsatz in einer Vorgängerstudie bereits die Nichtunterlegenheit zu aktuellen Dreifach-Therapien gezeigt wurde (LATTE). Bei Cabotegravir, eine Weiterentwicklung von Dolutegravir, handelt es sich um einen Integrasehemmer (INI). In bisherigen Studien wurde er gut vertragen und hat mit einer Halbwertszeit von 40 Stunden das Potenzial für größere Dosierungsintervalle. Rilpivirin ist ein nicht-nukleosidischer Reverse-Transkriptase-Hemmer (NNRTI), der bereits in einer Dosierung von 25 mg in der HIV-Therapie zugelassen ist.

... zu einmal monatlich i.m.

In der LATTE-2-Studie wurden 309 Patienten eingeschlossen; diese erhielten in einer Induktionsphase über 20 Wochen täglich eine „klassische“ dreifache Therapie mit Abacavir (ABC) 600 mg/Lamivudin (3TC) 300 mg und Cabotegravir 30 mg. Alle Patienten, die in der Induktionsphase die Therapie gut vertragen hatten und nach vier Wochen eine Viruslast < 50 Kopien/ml hatten, wurden randomisiert. 230 Patienten erhielten im Anschluss ein injiziertes Therapieregime, 115 bekamen alle vier Wochen 400 mg Cabotegravir (2 ml) und 600 mg Rilpivirin (2 ml) als Nanosuspension intramuskulär verabreicht. Die anderen 115 Patienten bekamen alle acht Wochen 600 mg Cabotegravir (3 ml) und 900 mg Rilpivirin (3 ml). Zum Vergleich wurden im dritten Arm 56 Patienten weiter mit einer oralen Therapie aus ABC/3TC und Cabotegravir behandelt.

Die Patienten hoffen

Die Studie war für einen Zeitraum von 96 Wochen ausgelegt. In diesem Zeitraum brachen im Vier-Wochen-Regime 14, im Acht-Wochen-Regime fünf und unter oraler Therapie neun Patienten die Studie ab. Der Hauptgrund hierfür waren unerwünschte Arzneimittelwirkungen, welche vor allem im Vier-­Wochen-Regime mit acht Fällen häufig vertreten waren. Das virologische Ansprechen war in allen Studienarmen gut. Bis Woche 96 erreichten im Vier-Wochen-Regime 100 Patienten (87%), im Acht-Wochen-Regime 108 Patienten (94%) und unter oraler Therapie 47 Studienteilnehmer (84%) eine Viruslast unter der Nachweisgrenze von 50 Kopien pro ml. Allerdings kam es bei zwei Studienteilnehmern im Acht-Wochen-Regime zu einer Resistenzentwicklung. Fast alle Patienten, die Injektionen erhielten, hatten Nebenwirkungen an der Einstichstelle. Bei 5% (Vier-Wochen-Regime) bzw. 7% (Acht-Wochen-Regime) der Patienten traten Schmerzen vom Grad drei bis vier auf. Diese führten bei zwei Patienten im Acht-Wochen-Arm zum Studien­abbruch. Ansonsten traten in allen drei Armen als therapierelevante Nebenwirkungen vermehrt Übelkeit und Kopfschmerzen auf. Generell waren alle Studienteilnehmer sehr zufrieden mit ihrer jeweiligen Therapie. 99% der Studienteilnehmer, die ein intramuskuläres Regime erhalten hatten, wünschten sich dessen Fortführung.

Die Vier-Wochen-Therapie soll jetzt in einer Phase-III-Studie untersucht werden. Es gilt abzuwarten, ob sich die gute Verträglichkeit und das gute Ansprechen bestätigen. |

Quelle

Margolis DA et al. Long-acting intramuscular cabotegravir and rilpivirin in adults with HIV-1 infection (LATTE-2): 96-weeks results of a randomised open-label, phase 2b, non-inferiority trial. Lancet 2017;doi:S0140-6736(17)31917-7

Apotheker Nico Kraft

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