Arzneimittel und Therapie

Uneins über Tamiflu

Von der WHO herabgesetzt, vom ECDC weiterhin empfohlen

In der 20. Auflage der WHO-Liste wird Oseltamivir (Tamiflu®) nicht mehr als unentbehrliches Medikament eingestuft und besitzt nun den Status eines ergänzenden Wirkstoffs, dessen Einsatz nur noch für hospitalisierte Influenza-Patienten mit schwerer Erkrankung empfohlen wird. Zu einer anderen Meinung gelangte das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), das an ihrer positiven Bewertung von Oseltamivir festhält.

Zur Erinnerung: 2009 wurde der Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir von der Weltgesundheitsorganisation WHO in die Liste essenzieller Medikamente aufgenommen und angesichts einer gefürchteten Grippepandemie von etlichen Regierungen in großem Umfang eingelagert. Acht Jahre später stufte nun ein WHO-Expertenkomitee Oseltamivir herab und bescheinigte dem Neuraminidasehemmer nur einen geringen klinischen Effekt. Die aktuelle Herabstufung von Oseltamivir wird von der WHO unter anderem folgendermaßen begründet: Seit der Aufnahme von Oseltamivir in die WHO-Liste liegen keine zusätzlichen Evidenz-basierten Daten über klinisch relevante Parameter vor. Der Wirkstoff wird deshalb von der „Core List“ in die „Complementary List“ verschoben, und der Einsatz von Oseltamivir soll sich auf hospitalisierte Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf beschränken.

Foto: rost9 – stock.adobe.com
Gefürchtete Influenzaviren. Im Falle einer Pandemie mit einem neuen Erreger sollte mit Neuraminidasehemmern wie Oseltamivir (Tamiflu®) eine therapeutische Lücke geschlossen werden. Über die Sinnhaftigkeit wird nach wie vor gestritten.

Ergebnisse wichtiger Studien

In der Zeit zwischen der Aufnahme von Oseltamivir in die Liste essenzieller Medikamente und seiner Herabstufung wurden einige Studien zur Wirksamkeit von Neuraminidase-Hemmern publiziert. So eine 2014 veröffentlichte Metaanalyse, die unter anderem zum Schluss kam, dass Oseltamivir die Zeit bis zum Abklingen der Symptome bei Erwachsenen um knapp 17 Stunden verkürzt. Die Einnahme von Oseltamivir war mit einem höheren Risiko für Kopfschmerzen, Übelkeit und psychischen Nebenwirkungen verbunden. 2015 bestätigte eine Hersteller-finanzierte Metaanalyse ihrem Grippemittel Oseltamivir ebenfalls eine Verkürzung der Krankheitsdauer um knapp 18 Stunden und eine Reduktion möglicher Komplikationen (z. B. Infektionen der unteren Atemwege, Krankenhauseinweisungen), aber auch ein erhöhtes Auftreten unerwünschter Wirkungen. 2013 wurde in einer Auswertung mehrerer Beobachtungsstudien gezeigt, dass der Einsatz von Neuraminidase-Inhibitoren während der drei Grippewellen 2009 bis 2011 mit einer verminderten Sterblichkeit assoziiert war. Allerdings konnten nur rund 20% der Daten ausgewertet werden.

ECDC

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC = European Centre for Disease Prevention and Control) ist eine Agentur der Europäischen Union, die mit der Vorgabe gegründet wurde, infektiöse Erkrankungen wie Influenza, SARS und HIV zu bekämpfen. Das Zentrum unterstützt die Mitgliedstaaten der Europäischen Union bei präventiven und therapeutischen Maßnahmen.

Unterschiedliche Wertung

Aufgrund der vorliegenden Daten hält das ECDC den Neuraminidase-Inhibitor nach wie vor für wirksam und begründet diese Ansicht wie folgt: Unter Oseltamivir konnten sowohl prophylaktische Wirkungen einer präventiven Einnahme (Abnahme der laborbestätigten Influenzaerkrankungen im ambulanten Bereich und in Pflegeeinrichtungen um 3,05%, im häuslichen Umfeld um 13,6%; Metaanalyse 2014) wie auch therapeutische Effekte (verkürzte Krankheitsdauer, weniger Komplikationen) gezeigt werden. Allerdings ist den Experten des ECDCs zufolge die Aussagekraft der vorliegenden Metaanalysen begrenzt. Weitere Studien seien erforderlich, in die auch Risikogruppen eingeschlossen werden sollten (Patienten mit Diabetes, COPD, Asthma und kardiovaskulären Erkrankungen). Auch bestehe die Notwendigkeit, rasch neue antivirale Arzneistoffe mit höherer Wirksamkeit zu entwickeln. Derzeit hält das Expertenkomitee die für Oseltamivir vorliegenden Daten für aussagekräftig genug, um Neuraminidase-Inhibitoren für Prophylaxe und Therapie einer Influenza weiterhin zu empfehlen, insbesondere für Risikopatienten und deren Familien. 

WHO-Liste

Die aktuelle Liste der Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt in ihrer Neuauflage 433 Wirkstoffe auf, die für die Gesundheit der globalen Bevölkerung als wesentlich erachtet werden. Neben dem Status eines essenziellen Wirkstoffs („core list“) besteht ein Komplementärstatus („complementary list“) für Wirkstoffe, die die WHO nicht uneingeschränkt als essenziell erachtet oder die nur für selektive Patientengruppen bestimmt sind. Die erstmals 1977 vorgestellte WHO-Liste wird alle zwei Jahre aktualisiert. Derzeit liegt die 20. Version vor.

Quellen

Kmietowicz Z. WHO downgrades oseltamivir on drugs list after reviewing evidence. BMJ 2017;357:j2841. https://doi.org/10.1136/bmj.j2841

Jefferson T et al. Oseltamivir for influenza in adults and children: systematic review of clinical study reports and summary of regulatory comments. https://doi.org/10.1136/bmj.g2545; BMJ 2014;348:g2545.

Dobson J et al. Oseltamivir treatment for influenza in adults: a meta-analysis of randomised controlled trials. Lancet online 30. Januar 2015; DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(14)62449-1.

Tamiflu: ECDC-Gutachten bewertet Neuraminidase-Hemmer weiter positiv. Ärzteblatt vom 15. August 2017.

http://www.who.int/medicines/publications/essentialmedicines/EML_2017_ExecutiveSummary.pdf?ua=1

https://ecdc.europa.eu/en/news-events/expert-panel-reviews-neuraminidase-inhibitors-prevention-and-treatment-influenza

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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