Arzneimittel und Therapie

Abstinenz als einziger Ausweg

Unter medizinischer Anwendung von Cannabis ist die Gefahr einer Hyperemesis aber gering

rr | Am 19. Januar berät der Bundestag wieder über das Gesetz, das den Weg zur medizinischen Anwendung von Cannabis ebnen soll. Dr. Franjo Grotenhermen wendet in seiner privatärztlichen Praxis in Rüthen schon seit einigen Jahren Cannabis als Medizin bei Patienten mit Ausnahmeerlaubnis an. Fakt ist: Werden bald mehr Patienten behandelt, muss man sich auch häufiger auf Nebenwirkungen einstellen.
Dr. Franjo Grotenhermen


DAZ:
Herr Grotenhermen, beobachten Sie das Cannabis-Hyperemesis-Syndrom auch unter medizinischer Anwendung von Cannabis?

Grotenhermen: Ich habe bei meinen nun etwa 310 Patienten mit einer Ausnahmeerlaubnis der Bundesopiumstelle für die Verwendung von Cannabisblüten bisher kein Cannabis-Hyperemesis-Syndrom beobachten können. Ich habe jetzt einen Patienten, der offenbar eine Allergie gegen Bestandteile von Cannabisblüten entwickelt hat. Das ist allerdings bisher die einzige selten beschriebene Nebenwirkung einer Dauermedikation.

DAZ: Rechnen Sie mit einem Anstieg der Fallzahlen, wenn das neue Gesetz in Kraft tritt?

Grotenhermen: Ich gehe davon aus, dass seltene Nebenwirkungen einer langzeitigen Cannabis-Verwendung, wie etwa ein Hyperemesis-Syndrom, Allergien oder psychotische Reaktionen, gelegentlich auftreten werden.

DAZ: Einerseits zeigt Cannabis eine antiemetische Wirkung, andererseits induziert es Erbrechen. Wie lässt sich dieses Paradoxon erklären?

Grotenhermen: Ja, Cannabis wirkt im Allgemeinen gut gegen Übelkeit und Erbrechen. In der Literatur wird beschrieben, dass jedoch etwa 3% der Personen, die Cannabis ausprobieren, mit Übelkeit und Erbrechen reagieren. Dieser Prozentsatz ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Allerdings sind mir durchaus Personen bekannt, die Cannabis aus diesem Grund nicht vertragen. Dabei handelt es sich aber nicht um ein Hyperemesis-Syndrom, das sich erst nach langzeitiger Verwendung entwickelt. Solche paradoxen Reaktionen sind bei Cannabis nicht ungewöhnlich. Beispielsweise kann die Verwendung von Tetrahydro­cannabinol (THC) nicht nur Schmerzen lindern, wie das im Allgemeinen der Fall ist und auch therapeutisch genutzt wird, sondern auch Schmerzen verstärken. Das ist gar nicht so selten. Die Wirkung von THC ist sehr komplex, da es die Aktivität aller anderen Neurotransmitter hemmt, auch die der hemmenden Substanzen. Da die individuelle Neurotransmitteraktivität in verschiedenen Regelkreisen des zentralen Nervensystems stark variieren kann, kann man auch unterschiedliche Wirkungen erwarten.

DAZ: Spielt auch Cannabidiol (CBD) in der Pathogenese des Cannabis-Hyperemesis-Syndroms eine Rolle?

Grotenhermen: Ich gehe davon aus, dass das Hyperemesis-Syndrom auf THC beruht. Sowohl Cannabidiol als auch Cannabidiolsäure wirken in der Tat ebenfalls antiemetisch. Allerdings sind Übelkeit und Erbrechen keine klassischen Nebenwirkungen einer Behandlung mit CBD, das oft in sehr hohen Dosen gegeben wird. Ich habe diesbezüglich bisher keine Rückmeldungen von Patienten erhalten, denen ich CBD verschrieben habe.

DAZ: Welche Rolle spielt die Dauer des THC-Konsums für Nebenwirkungen?

Grotenhermen: Wie oben beschrieben, reagieren einige Personen offenbar bereits beim ersten Kontakt mit Cannabis bzw. THC mit Übelkeit und vertragen entsprechende Zubereitungen aus diesem Grund nicht. Ich beobachte das in wenigen Fällen. Es gibt einige Cannabis-Konsumenten, die nach langjährigem Konsum mit ungewöhnlichen vegetativen Reaktionen konfrontiert sind, darunter eine starke Zunahme der Herzfrequenz und des Blutdrucks, Kältegefühl, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Diese können entweder sofort auftreten oder erst nach Daueranwendung. Man kann über die Ursachen bisher nur spekulieren. Nach einem langjährigen Konsum muss man von einer Veränderung im Bereich der betroffenen Regelkreise im Zentralnervensystem bzw. einer Veränderung der vegetativen Reaktionen ausgehen.

DAZ: Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für Patienten mit Cannabis-Hyperemesis-Syndrom, die auf Cannabis aus medizinischen Gründen angewiesen sind?

Grotenhermen: Nach meiner bisherigen Erfahrung mit seltenen vegetativen Reaktionen auf die akute oder regelmäßige Einnahme von Cannabis-Produkten ist letztlich nur die Beendigung der Einnahme eine nachhaltige Maßnahme.

DAZ: Vielen Dank für das Gespräch!


Lesen Sie hierzu auch den Artikel "Wenn nur noch eine heiße Dusche hilft".


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