Arzneimittel und Therapie

Silber mit Evidenz

Silber-haltige Wundverbände wirken antimikrobiell, senken Kosten und steigern Lebensqualität

Der Nutzen von Silber in der Wundbehandlung wird häufig diskutiert. Einer aktuellen Metaanalyse zufolge ist die Evidenzlage jedoch besser als vielfach angenommen. Insbesondere bei Verbrennungen, Ulcus cruris venosum, Dekubitus, diabe­tischem Fußsyndrom und chronischen Wunden zeigte sich der Nutzen.

Die Anwendung von Silber und seinen Salzen hat in der Medizin und vor allem bei der Wundversorgung eine lange Tradition. Überliefert ist, dass bereits 1850 v. Chr. in Ägypten Blattsilber in der Wundbehandlung eingesetzt wurde. Um 1920 ließ die FDA kolloidales Silber für die Behandlung von Wunden zu. Silbersulfadiazin (SSD), das Silbersalz des Sulfadiazins, fand Ende der 1960er-Jahre Eingang in die Wundversorgung. Es wurde von da an hauptsächlich bei Brandwunden eingesetzt (z. B. Flammazine® Creme).

Foto: Luftbildfotograf – stock.adobe.com
Vielseitiges Metall Bereits in der Antike wurden für Wasser und Lebensmittel silberbeschichtete Gefäße zur Verlängerung der Haltbarkeit verwendet. 1881 führte man die Credé-Prophylaxe ein, bei der Neugeborenen Augentropfen mit 1%iger Silbernitrat-Lösung zum Schutz vor einer Augeninfektion mit Gonokokken verabreicht wurden. Dies ist heute obsolet, da die Lösung stark reizt und Alternativen wie antibiotische Augentropfen zur Verfügung stehen. Auch die Bedeutung der „Höllensteinstifte“ mit dem adstringierend und ätzend wirkenden Silbernitrat gegen Gewebswucherungen und Warzen ist zurückgegangen. Bei Dosiersprühfläschchen (z. B. Nasensprays) mit Comod®- und 3K®-Systemen sind zum Schutz vor mikrobieller Kontamination die Innenseiten der Tropferspitze versilbert.

Zweifel an Silbersulfadiazin

In zwei Cochrane-Reviews aus den Jahren 2008 und 2010 schnitt Silbersulfadiazin allerdings schlecht ab. Speziell für die Vermeidung von Infektionen bei Brandwunden fanden die Autoren in den Studien keine Evidenz, im Gegenteil. Im Vergleich zu anderen Wundauflagen erhöhte sich bei Anwendung von Silbersulfadiazin das Risiko für eine Verzögerung der Wundheilung.

In elementarer Form ist Silber nicht antimikrobiell wirksam. Silberionen beeinträchtigen nach Adsorption an bakteriellen Zellwänden den Stofftransport, die Energiegewinnung und die Zellintegrität. Im Zellinneren binden Silberkationen beispielsweise an Thiol-Gruppen bakterieller Enzyme oder an andere Proteine und beeinträchtigen Stoffwechsel und Vermehrung. In Biofilmen destabilisieren Silberionen deren Matrix und machen die Keime wieder empfindlicher gegenüber Antibiotika. Vorteilhaft ist, dass die verschiedenen Angriffsorte die Ausbildung von Resistenzen erschweren. Dadurch sind Silberionen langfristig gegen viele Bakterien, Pilze und Viren wirksam.

Silber-haltige Wundauflagen richtig anwenden

  • Auflagen sollten möglichst nicht über den Wundrand hinausgehen, um die Silber-Freisetzung auf der gesunden Haut zu verhindern.
  • Für die Freisetzung der Silberionen muss Feuchtigkeit vorhanden sein.
  • Bei nanokristallinem Silber darf zum Anfeuchten der Auflagen keine Kochsalzlösung, sondern nur steriles Wasser verwendet werden, da Silber durch Salzbildung inaktiviert werden kann.
  • Bei gleichzeitiger Anwendung anderer Mittel (z. B. Desinfektions- und Wundpflegemittel) müssen die Angaben der Hersteller der Wundauflagen bezüglich möglicher Inkompatibilitäten beachtet werden.
  • Mit bildgebenden Verfahren (z. B. MRT) sind Silberwundauflagen meist nicht kompatibel.
  • Silberallergie ist eine Kontraindikation.
Tab.: Silber-haltige Wundauflagen und -verbände (Auswahl).
Produktname
Beschreibung
Hersteller
Website für weitere Informationen
Vliwaktiv® Ag
Aktivkohle-Tamponade/Saugkompresse mit Silber
Lohmann & Rauscher
Suprasorb® A + Ag
Calciumalginat-Verband
Acticoat™-Serie
Silber-freisetzende Wundauflage
Smith & Nephew
Allevyn™-Serie
Silber-freisetzende Schaumverbände
Askina® Calgitrol®
Silberalginat-Paste
B. Braun
Askina® Calgitrol® Ag
Silberalginat-Wundauflage
Mepilex®-Serie
Schaumverbände, zum Teil geformt (z. B. Mepilex® Heel Ag für die Ferse)
Mölnlycke
Melgisorb® Ag
Alginatverband mit Silberkomplex
Aquacel® Ag-Serie
Silber-haltige Schäume und Wundauflagen
ConvaTec
Silvercel™
Wundauflagen mit Silber-beschichteten Nylonfasern
Systagenix
UrgoTül Silver®
Silber-haltige Wundauflage
Urgo
UrgoSorb Silver®
Calciumalginat-Wundauflage mit Silberkomplex
Biatain® Ag –Serie
Silber-haltige Schaumverbände
Coloplast
Physiotulle® Ag
Salbenkompresse mit Carboxymethylcellulose und Silbersulfadiazin

Die Literaturrecherche erstreckte sich von Januar 2000 bis Juni 2015. In die Metaanalyse eingeschlossen und kategorisiert wurden 173 Publikationen zu Silber in der Wundbehandlung, darunter 31 randomisierte kontrollierte Studien und acht Kohortenstudien. Indikationen dieser Untersuchungen waren Verbrennungen, Ulcus cruris venosum, Dekubitus, chronische Wunden, diabetisches Fußsyndrom und weitere, z. B. Wunden nach Transplantatentnahme oder Spalthautersatz.

Untersucht wurden Parameter wie Heilung, Lebensqualität inklusive Schmerz, Reduktion der bakteriellen Keimlast sowie Kosteneffektivität. In 28 klinischen Studien zeigten sich statistisch signifikante Endparameter zugunsten von Silber.

Auf der Basis dieser Ergebnisse ent­wickelten die Autoren einen Behandlungsalgorithmus für Silber in der Wundbehandlung. Danach muss zunächst eine klare Indikationsstellung erfolgen. Der Einsatz von Silber kann empfohlen werden bei kritisch kolonisierten oder lokal infizierten Wunden, bei solchen mit multiresistenten Erregern, bei sekundär heilenden chronischen sowie bei infektionsgefährdeten Wunden. Am Beginn der Behandlung sollte stets ein Débridement oder eine Wundreinigung stehen. Vierzehn Tage nach Therapiebeginn sollten Behandler kritisch überprüfen, ob das Therapieziel erreicht wurde. Falls ja, kann dann beispielsweise auf eine Wundauflage ohne Silber umgestellt werden. Ansonsten müssen die Indikationen überprüft werden, bevor über die weitere Therapie entschieden wird. |

Quelle

Dissemond J et al. Evidenz von Silber in der Wundbehandlung – Metaanalyse der klinischen Studien von 2000–2015. Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft 2017;15(5):524-535, DOI: 10.1111/ddg.13233

Mutschler E et al. Arzneimittelwirkungen. Lehrbuch der Pharmakologie, der klinischen Pharmakologie und Toxikologie. 10. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2012

Kircher W. Arzneiformen richtig anwenden. 4. Auflage, Deutscher Apotheker Verlag 2016

Storm-Versloot MN et al. Probable that silver-containing dressings and creams do not prevent wound infection or promote healing. Cochrane Database Syst Rev 2010;3:CD006478, http://www2.cochrane.org/reviews/en/ab006478.html

Wasiak J et al. Dressings for treating superficial and partial thickness burns. Cochrane Database Syst Rev 2008;(4):CD002106, http://www2.cochrane.org/reviews/en/ab002106.html

www.wundwissen.info, Abruf am 12.7.2017

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

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