Arzneimittel und Therapie

Dialysepatienten profitieren von Etelcalcetid

Intravenöse Gabe soll Compliance bei sekundärem Hyperparathyreoidismus verbessern

Am 1. Juni 2017 wurde in Deutschland das intravenös zu verabreichende Calcimimetikum Etelcalcetid (Parsabiv®) eingeführt. Damit steht für erwachsene dialysepflichtige Patienten, die an einem sekundären Hyperparathyreoidismus (sHPT) leiden, neben Cinacalcet eine weitere Substanz zur Verfügung.

Mit der Abnahme der Nierenleistung sind bei CKD-Patienten (CKD: chronic kidney disease) vielfältige Störungen in der Regulation des Vitamin D-, Calcium- und Phosphat-Stoffwechsels verbunden. So sinken in frühen Stadien der Nierenkrankheit zunächst die Calcitriol- und Calcium-Spiegel im Blut, während die Phosphat-Spiegel steigen. Später kommt es zur Abnahme von Vitamin-D-Rezeptoren und Calcium-sensitiven Rezeptoren.

Zu viel Parathormon

Als Reaktion darauf werden in den Nebenschilddrüsen die Synthese und Sekretion von Parathormon gesteigert. Dadurch wird Calcium aus den Knochen freigesetzt, und der Calcium-Spiegel steigt wieder. Das führt jedoch langfristig zur Hyperplasie der Nebenschilddrüse und zur Knotenbildung. Diese Erkrankung wird als sekundärer Hyperparathyreoidismus (sHPT) bezeichnet. Folgen eines unbehandelten sHPT sind Osteoporose-ähnliche Knochenveränderungen mit erhöhter Frakturgefahr und Knochenschmerzen sowie Gefäß- und Weichteilverkalkungen. Betroffene besitzen ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen bis hin zum Tod.

Häufig bei Dialysepatienten

Etwa 79% der Patienten, die mit Hämodialyse behandelt werden, entwickeln einen sHPT. Da die Erkrankung zu Beginn oft asymptomatisch verläuft, wird sie häufig unterdiagnostiziert und unterbehandelt.

Wie Calcimimetika wirken

Etelcalcetid imitiert die Wirkung von Calcium auf die Hauptzellen der Nebenschilddrüse und senkt dadurch die Parathormon-Spiegel im Blut. Es greift dabei an der extrazellulären Domäne des Calcium-sensitiven Rezeptors auf der Oberfläche der Hauptzellen an und aktiviert diesen direkt. Dagegen bindet das oral zu verabreichende Cinacalcet (Mimpara®) an dessen Transmembrandomäne und setzt die Aktivierungsschwelle für Calcium herab. Die Abnahme des PTH-Spiegels korreliert mit einer Verringerung der Serumcalcium- und Phosphat-Spiegel (Abb.).

Abb.: Das Calcimimetikum Etelcalcetid ahmt die Wirkung von Calcium-Ionen nach, indem es allosterisch an den Calcium-sensitiven Rezeptor (CaSR) auf den Zellen der Nebenschilddrüsen bindet und ihn aktiviert. Bei Patienten mit sekundärem Hyperparathyreoidismus kann so eine vermehrte Ausschüttung von Parathormon reduziert und die Freisetzung von Calcium-Ionen aus den Knochen eingeschränkt werden.

Etelcalcetid versus Cinacalcet

Neben den beiden Zulassungsstudien sollte eine direkte Vergleichsstudie zwischen Etelcalcetid und Cinacalcet mit jeweils zusätzlicher Placebokon­trolle („double-dummy“) die Nicht-Unterlegenheit des i. v. Calcimimetikums nachweisen, wobei sich zusätzlich dessen überlegene Wirksamkeit zeigte: 232 von 340 (68,2%) Dialysepatienten der Etelcalcetid-Gruppe erreichten in den Wochen 20 bis 27 den primären Endpunkt, einen Rückgang der mittleren PTH-Konzentration im Serum um mindestens 30% gegenüber dem Ausgangswert. In der Cinacalcet-Gruppe waren es 198 von 343 Patienten (57,7%, p < 0,001 für die Nichtunterlegenheit, p = 0,004 für die Überlegenheit). Ob Etelcalcetid auch in der Lage ist, das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko zu senken, wird derzeit in einer Endpunktstudie untersucht.

Zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen unter Etelcalcetid zählten in den zulassungsrelevanten Studien asymptomatisch erniedrigtes Serumcalcium und Hypokalzämie, Muskelspasmen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall.

Problem Adhärenz

Bei vielen Erkrankungen werden orale Darreichungsformen besser akzeptiert als Injektionen, da Patienten Letztere als sehr belastend empfinden. Die Kehrseite der Medaille: Werden zu Beginn die verordneten Tabletten oder Kapseln noch regelmäßig eingenommen, sinkt die Adhärenz nach einiger Zeit rapide ab. Das ist auch bei Dialysepatienten ein Problem, da sie eine hohe Tablettenlast haben, erläuterte Prof. Dr. med. Jörg Rademacher, niedergelassener Nephrologe aus Minden, auf der Einführungspressekonferenz von Parsabiv® am 23. Juni 2017 in Berlin. Er stellte die Ergebnisse dreier Studien vor, die die Therapietreue bei der Einnahme des oralen Calcimimetikums Cinacalcet untersucht hatten. Patienten wurden dann als adhärent eingestuft, wenn sie über einen Zeitraum von 12 Monaten mindestens 80 Prozent der Tabletten korrekt eingenommen hatten. Im Mittel waren jedoch nur 31 Prozent der Patienten nach diesen Kriterien compliant. Nach seiner Einschätzung ist die intravenöse Gabe bei diesem Patientenklientel vorteilhafter als die orale Gabe: „Bei Dialysepatienten bietet sich die intravenöse Gabe an, da sie ohnehin dreimal pro Woche punktiert werden. Parsabiv® wird am Ende einer Hämodialysesitzung vom Arzt intravenös verabreicht. Diese Anwendungsform entlastet die Patienten und letztlich auch das Gesundheitssystem, weil die Therapie nicht nur verschrieben wird, sondern die Patienten auch erreicht.“

Parsabiv® wird im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad Celsius gelagert. Um den Inhalt der Durchstechflaschen vor Licht zu schützen, müssen diese im Umkarton belassen werden. Nach Entnahme aus dem Umkarton ist das Medikament höchstens vier Stunden haltbar, wenn es vor direktem Sonnenlicht geschützt wird. |

Quelle

Parsabiv® (Etelcalcetid) erhält Zulassung der Europäischen Kommission. Presseinformation der Amgen GmbH vom 21. November 2016, www.amgen.de

Fachinformation Parsabiv® 2,5 mg/5 mg/10 mg Injektionslösung, Stand November 2016

Block GA et al. Effect of etelcalcetide vs placebo on serum para-thyroid hormone in patients receiving hemodialysis with secondary hyperparathyroidism: two randomized clinical trials. JAMA 2017; 317(2):146-155

Block GA et al. Effect of Etelcalcetide vs cinacalcet on serum parathyroid hormone in patients receiving hemodialysis with secondary hyperparathyroidism: A randomized clinical trial JAMA 2017; 317(2):156-164

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

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