Feuilleton

500 Jahre Rats-Apotheke Dr. Mauz in Esslingen

Einblicke in die Firmen- und Familiengeschichte

Am 30. September 1517 wurde Philipp Horn von der Reichsstadt Esslingen als Apotheker angenommen und 1521 für weitere vier Jahre verpflichtet. Mit ihm begann die Geschichte der zweiten Apotheke in Esslingen, die später Obere Apotheke (am Markt) und Salzmannsche Apotheke hieß und heute unter Rats-­Apotheke Dr. Mauz firmiert. Sie ist in zwei Fachwerkhäusern neben dem Alten Rathaus untergebracht und stellt mit ihren kürzlich restaurierten Fassaden einen Blickpunkt dar.

Regulierung des Apothekenwesens seit 1496

In Esslingen dürften bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Apotheker gewirkt haben. Die Steuerbücher verzeichnen seit dem Jahr 1351 einen Apotheker Franciscus, der um 1384 starb, und bis 1460 vier weitere Kollegen. Spezielle Vorschriften zur Ausübung des Apothekerberufs gab es damals in Esslingen noch nicht. Das änderte sich 1496, als der Stadtrat die erste Esslinger Arzneitaxe erließ und einen neuen Apotheker bestellte, d. h. dass er ihm die mit gewissen Pflichten verbundene Berufsausübung gestattete. Ab 1513 leitete Johann Rorer (Rohr) die erste „regulierte“ Apotheke Ess­lingens, die 1549 Untere Apotheke genannt wurde (in der Heugasse 1); ihre Tradition setzte vermutlich die spätere Schwanenapotheke fort, die 2014 für immer ihre Tore schloss. Als dritte Apotheke der Reichsstadt Esslingen etablierte sich um 1633 die heutige Fischbrunnen-Apotheke.

Foto: DAZ/cae
Architektonisches Schmuckstück am Esslinger Rathausplatz: Rats-Apotheke und Homöopathische Zentral-Apotheke; links die schmale Apothekergasse.

Apotheker-Sippschaften

Philipp Horn hatte 1517 offensichtlich die zweite Apotheke Esslingens gegründet; 1521 wurde er für weitere vier Jahre verpflichtet, doch sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Die lückenlose Besitzerfolge der Oberen Apotheke begann mit Hans Endris Blattenhardt, der mit einer Tochter von Johann Rorer verheiratet war und vor 1548 starb, denn in diesem Jahr heiratete seine Witwe den Apotheker Johann Volmar aus Biberach. Von nun an folgten je zwei Generation Volmar, Bojus (d. h. Bayer; aus Bergheim bei Dillingen), Hienlin (aus Lindau) und Bonz (aus Esslingen) aufeinander. Dabei war der neue Namensträger jeweils ein Schwiegersohn seines Vorgängers, d. h. dass sich die Erbfolge über einen Sohn bzw. über eine Tochter regelmäßig abwechselte.

Vermutlich von Anfang an befand sich die Obere Apotheke im jetzigen Haus Rathausplatz 9 an der Ecke zur Apothekergasse, die nach ihr benannt wurde. Teile des Gebäudes sind älter als die Apotheke, denn sie wurden dendrochronologisch auf das Jahr 1478 datiert. Bei einer Häuserschätzung von 1773/74 wurde das dreistöckige Haus mit beachtlichen 1900 Gulden veranschlagt (die meisten Häuser lagen unter 1000 Gulden); in dem geräumigen Keller konnten 400 Eimer Wein (ca. 120.000 Liter) gelagert werden.

Hervorgehoben sei, dass der aus einer württembergischen Beamtenfamilie stammende Christoph Gottlieb Bonz (1710 – 1747), der 1737 zum Esslinger Stadtarzt bestellt worden war, im folgenden Jahr durch seine Heirat mit der Apothekerstochter auch Apotheken­inhaber wurde und bis zu seinem frühen Tode blieb. Sein Sohn Paul Johann Bonz (1746 – 1805) betrieb neben der Apotheke auch die Herstellung von Chemikalien wie Phosphor, Quecksilberoxid und Salmiak in größeren Mengen. 1779 wurde er in die Naturforscherakademie Leopoldina aufgenommen und von deren Präsidenten zum Doktor der Chemie promoviert. Sein Neffe Josef Gottlieb Bonz (1787 – 1860) war ebenfalls als Unternehmer auf pharmazeutisch-chemischem Gebiet tätig: Er kaufte 1818 mit einem Partner die chemische Fabrik in Böblingen und machte sie zu einer der bedeutendsten ihrer Art in Süddeutschland (Bonz & Klaiber, später Bonz & Sohn; bis 1931 im Familienbesitz). Die genannten Herren Bonz waren übrigens eifrige Anhänger des Pietismus.

Ära Mauz seit 1857/67

Im Jahr 1809 – die einstige Reichsstadt Esslingen gehörte nun zum Königreich Württemberg – übernahm Karl Friedrich Salzmann (1782 – 1849), ein Neffe der ersten Frau von Paul Johann Bonz, die Obere Apotheke, die er selbstbewusst in Salzmannsche Apotheke umbenannte. Sein Sohn Gustav Eduard Salzmann (1816 – 1879) traf ­eine weitreichende Entscheidung, als er 1857 den mit ihm verschwägerten Dr. Gottlieb Mauz als Teilhaber der Apotheke annahm. Schon 1867 war Mauz Alleineigentümer und hat mit seinen Nachkommen die folgenden 150 Jahre der Apotheke geprägt.

Die Familie Mauz stammt aus Nellingen (Stadt Ostfildern) bei Esslingen. Ihr erster Heilberufler war Eberhard Mauz (1792 – 1854), der als Feldscher 1812 mit der württembergischen Armee nach Russland zog und als einer von sehr Wenigen glücklich wieder heimkehrte. Danach studierte er Chirurgie und Medizin in Tübingen (1822 Dr. med.) und praktizierte in Esslingen. Sein Sohn Gottlieb (1830 – 1921) war Apothekerlehrling bei Salzmann, studierte dann bei Justus Liebig in Gießen und Wilhelm Bunsen in Heidelberg, bevor er in Tübingen promoviert wurde und in die Salzmannsche Apotheke ­zurückkehrte. Nachdem Württemberg 1883 eine Verordnung über die Einrichtung und den Betrieb homöopathischer Anstalten erlassen hatte, erwarb Mauz das Nachbarhaus Rathausplatz 10 und eröffnete darin eine Homöopathische Zentral-Apotheke. Der Zustand von 1885 mit der damals vorgeschriebenen Trennung von Allopathie und Homöopathie hat sich an der Fassade bis heute erhalten, während die Gebäude im Inneren seit dem Umbau von 1953/54 miteinander verbunden sind.

1898 verkaufte Dr. Gottlieb Mauz die Apotheke zur Hälfte seinem Sohn Dr. Theodor Mauz (1870 – 1947) und 1906 die andere Hälfte seinem Sohn Dr. Paul Mauz (1877 – 1920). Der Wert betrug damals 281.000 Mark; davon entfielen 85.000 Mark auf die Immobilie, 16.000 Mark auf die Einrichtung und 12.000 Mark auf die Waren. Den weitaus größten Anteil (168.000 Mark) hatte das Realrecht, d. h. die Berechtigung, an diesem Ort eine Apotheke zu betreiben, denn eine Niederlassungsfreiheit gab es damals noch nicht. – Ein zeitweise sehr bekannter Urenkel von Dr. Gottlieb Mauz war der Spiegel-Redakteur Gerhard Mauz (1925 – 2003); er schrieb u. a. „Die Justiz vor Gericht – Macht und Ohnmacht der Richter“.

Egwa und Robugen

Am 29. Juli 1924 gründeten 30 Apotheker die Einkaufsvereinigung Württembergischer Apotheker (ab 1927: ­Egwa) und wählten Dr. Theodor Mauz zu deren 1. Vorsitzenden (bis 1926). Die Egwa fusionierte 1943 mit der österreichischen Herba, trennte sich aber nach dem Kriegsende schritt­weise wieder von ihr. Nachdem die Egwa 1990 mit der Wiveda fusioniert hatte, wurde die Genossenschaft 1992 in Sanacorp umbenannt.

Dr. Theodor Mauz machte seinen Sohn Ernst (1900 – 1998) zum Teilhaber der Apotheke und gründete 1927 mit ihm die Arzneimittelfirma Robugen in ­Esslingen, in die später auch sein Sohn Jörg (1918 – 1982) eintrat. Heute leitet die dritte Generation Mauz die Firma, von deren Produkten das Herz-Kreislauf-Mittel Korodin® am bekanntesten ist.

Neben Ernst Mauz, der von 1948 bis 1968 dem Vorstand bzw. Aufsichtsrat der Egwa angehörte, leitete ab 1950 sein Halbbruder Dr. Dieter Mauz (1919 – 1995) die Apotheke und wurde 1963 Alleininhaber (wegen des großen Altersunterschieds zählt er als „4. Generation Mauz“). Er erwarb sich einen sehr guten Ruf als Ausbilder von Apothekerpraktikanten und fertigte auch Zeichnungen für botanische Lehrbücher an. Nachdem die gesamte Arzneimittelherstellung – bis auf die Rezeptur und Defektur – aus den Apothekengebäuden in die Firma Robugen verlagert worden war, ließ er 1977 die freigewordenen Räume zu Arztpraxen umbauen; dabei bewahrte er die historischen Fassaden der beiden Gebäude und wurde mit dem ersten Preis im Fassadenwettbewerb ausgezeichnet.

Die 5. Generation

Der an der ETH Zürich promovierte Dr. Christoph Mauz, der 1986 die Nachfolge seines Vaters Dieter angetreten hat und die Apotheke heute noch leitet, setzte mithilfe der EDV neue Akzente in der Warenbewirtschaftung und im Controlling sowie in der Öffentlichkeitsarbeit. Gewissermaßen aus Familientradition saß er von 1994 bis 2012 im Vorstand der Sanacorp. 2014/15 ließ er die beiden Apothekengebäude restaurieren. |

Quellen

Armin Wankmüller: Die Apotheker in Ess­lingen. Beiträge zur württembergischen Apothekengeschichte Bd. IX, Heft 5, 1972, S. 155-160

Martin Schlözer: Die Ärzte und Apotheker in der Reichsstadt Esslingen im 15. Jahrhundert – Die Entstehungsgeschichte der Arzneitaxe aus dem Jahr 1496. Diss. rer. nat. Tübingen 2002

Unterlagen von Dr. Christoph Mauz, Esslingen

Recherchen des Autors

Dr. Wolfgang Caesar


(Rats-Apotheke Dr. Mauz, Rathausplatz 9 – 10, 73728 Esslingen)


0 Kommentare

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.