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„Wir brauchen ein Engpass-Management“

BAH zu Arzneimittel-Lieferengpässen

STUTTGART (wes) | Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH), Dr. Hermann Kortland, glaubt nicht, dass sich die Lieferengpässe bei Arzneimitteln mit den bereits diskutierten Maßnahmen abstellen lassen. Insbesondere eine Rückverlagerung der Produktion nach Europa hält er für unrealistisch. Stattdessen brauche es ein „Engpass-Management“.
Foto: BAH
Glaubt nicht daran, dass die Pharma-Produktion nach Europa zurückgeholt werden kann: BAH-Vize-Chef Hermann Kortland

„Ja, es gibt Lieferengpässe bei Arzneimitteln, das ist gar keine Frage“, stellte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH), Dr. Hermann Kortland, gleich zu Beginn seines Vortrags vor der Vertreterversammlung der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg in Stuttgart am Mittwoch, den 5. Juli klar. Leider werde die Diskussion über die Gründe und Konsequenzen oft sehr emotional geführt. Beispielsweise werde den pharmazeutischen Unternehmen immer wieder vorgeworfen, Lieferengpässe absichtlich herbeizuführen. Das sei aber Unsinn, grundsätzlich wollten diese natürlich liefern. „Lieferengpässe wären ein völlig unsinniges Geschäftsmodell für die Hersteller“, so Kortland.

Wirkstoffe fast nur noch aus China und Indien

Die Gründe dafür, dass es immer wieder zu Lieferschwierigkeiten von pharmazeutischen Unternehmen kommt, sind laut Kortland vielfältig: eine steigende globale Nachfrage, zunehmende Komplexität der Arzneimittel, Zunahme der regulatorischen Anforderungen, Preis- und Rabattdruck sowie die fehlende Planbarkeit der bedarfsgerechten Produktion. Der Hauptgrund liegt für ihn aber in einer Konzentration der Wirkstoff- und Arzneimittelproduktion in nur zwei Ländern. Kortland geht davon aus, dass heute über 80 Prozent der in Deutschland verwendeten Wirkstoffe entweder aus China oder aus Indien stammen. Schon in den 1980er-Jahren hätten sich diese beiden Nationen das Ziel gesetzt, Weltmarktführer in der Produktion von Wirkstoffen für Humanarzneimittel zu werden. Dank staatlicher Subventionen, niedriger Lohnkosten und weitgehend fehlender Umwelt- und Sicherheitsauflagen sei dies auch gelungen. Dadurch seien zu den genannten Vorteilen noch kontinuierliche Effizienzgewinne und Skaleneffekte gekommen. „Diese beiden Länder haben inzwischen einen unschlagbaren Produktionsvorteil“, so Kortland.

Für Kortland ist es angesichts dieser Ausgangslage „völlig unrealistisch“, dass es gelingen könnte, die Produktion wieder in signifikantem Ausmaß nach Deutschland oder Europa zurückzuholen. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt beispielsweise hat kürzlich auf der Mitgliederversammlung des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) gefordert, Anreize für eine Arzneimittelproduktion in Europa zu schaffen. Und auch der CDU-Arzneimittelexperte Michael Hennrich hatte dies empfohlen. Hennrich und Schmidt dachten bei einer Veranstaltung der Gehe laut darüber nach, dass es europäische Überwachungsbehörden und vielleicht sogar europäische Preise geben sollte.

Erste Ansätze eines Engpass-Managements

Der weltweit zunehmende Preisdruck bei Arzneimitteln verschärfe die Engpass-Problematik noch, so Kortland, gerade in Deutschland, das schon lange kein Hochpreisland mehr sei. Hierzulande sieht er aber keinerlei Bereitschaft, höhere Preise für Arzneimittel zu akzeptieren. Deswegen brauche es ein „Engpass-Management“, um besser mit der Situation umgehen zu können. Erste Ansätze für ein solches ­Management sieht Kortland in dem im Pharma-Dialog vereinbarten Jour Fixe des BfArM mit den Herstellern, Großhändlern und den Fachkreisen. Auch die mit dem AM-VSG eingeführte Verpflichtung der Hersteller, Krankenhäuser über Lieferengpässe mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln für die stationäre Versorgung zu informieren, ist für Kortland ein Schritt in diese Richtung. Er gehe fest davon aus, dass diese Regelung in der nächsten Legislaturperiode auch auf die ambulante Versorgung ausgedehnt werde, sagte Kortland in Stuttgart.

Als weitere Maßnahmen, um die Engpass-Situation zu entschärfen, fordert der BAH eine Abschaffung von exklusiven Rabattverträgen mit nur einem Hersteller. Zukünftig sollen immer mindestens drei Hersteller den Zuschlag erhalten. Zwischen der Erteilung eines Zuschlags und dem Start des Rabattvertrags fordert der BAH ­eine Frist von mindestens sechs Monaten, um dem Hersteller ausreichend Zeit zu geben, die Produktion hochzufahren. Bei versorgungskritischen und bei besonders komplexen Arzneimitteln wie Biologicals sollten Rabattverträge ganz ausgeschlossen sein, fordert der BAH.

Meldepflicht löst keine Engpässe

Eine verpflichtende Meldung von drohenden oder bereits bestehenden Lieferengpässen alleine jedenfalls werde die Situation nicht verbessern, merkte eine anwesende Krankenhausapothekerin an. „Was nutzt mir eine solche Liste, wenn ich keine Alternative habe?“, fragte sie auf der Kammerversammlung. „Dann weiß ich nur früher, dass ich keine Alternative zur Verfügung haben werde.“ |

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