Pharmakotherapie

Erweitertes Medikations­management und AMTS-Tipps

Das therapeutische Vorgehen sollte sich nicht nur an den diagnostischen Befunden und den individuellen Bedürfnissen der Patientin orientieren. Unter AMTS-Gesichtspunkten sollten in der Therapieplanung auch die Risikofaktoren, Kontraindikationen, Nebenwirkungen und Interaktionen der möglichen Arzneistoffe berücksichtigt werden.

In Tabelle 4 wurden ausgewählte klinische Besonderheiten der GnRH-Analoga, Gestagene und kombinierten oralen Kontrazeptiva aufgeführt. Nachfolgend wird das Thromboserisiko unter der Therapie mit kombinierten oralen Kontrazeptiva praxisnah beleuchtet.

Tab. 5: Risiko kombinierter hormonaler Kontrazeptiva für venöse Thromboembolien [39]
Gestagen, das im KOK enthalten ist, kombiniert mit Ethinylestradiol, sofern nicht anders angegeben
relatives Risiko im Vergleich zu Levonorgestrel
geschätzte Inzidenz (pro 10.000 Frauen und Anwendungsjahr)
nicht schwangere Nichtanwenderinnen
2
Levonorgestrel
Referenz
5 bis 7
Norgestimat/Norethisteron
1,0
5 bis 7
Gestoden/Desogestrel/Drospirenon
1,5 bis 2,0
9 bis 12
Etonogestrel/Norelgestromin
1,0 bis 2,0
6 bis 12
Chlormadinonacetat/Dienogest/Nomegestrolacetat (Estradiol)
noch zu bestätigen1
noch zu bestätigen1

1 Um aussagekräftige Daten für das Risiko dieser Präparate erheben zu können, werden weitere Studien durchgeführt oder sind geplant.

Insgesamt wird das Risiko für das Auftreten venöser Thromboembolien (VTE) unter allen niedrig dosierten KOK (Ethinylestradiol-Gehalt < 50 μg) als gering eingeschätzt. Allerdings bestehen in Abhängigkeit vom enthaltenen Gest­agen offenbar Unterschiede hinsichtlich des VTE-Risikos zwischen den kombinierten oralen Kontrazeptiva. Laut aktueller Datenlage ist bei Kontrazeptiva, die die Gestagene Levonorgestrel, Norethisteron oder Norgestimat enthalten, das Risiko für venöse Thromboembolien am niedrigsten (Tab. 5).

Das Risiko bei einer Anwenderin ist auch abhängig von ihrem Grundrisiko, also von individuellen Risikofaktoren (z. B. Hypertonie, Diabetes mellitus, Rauchen, BMI über 30 kg/m2 etc.) für eine Thromboembolie (siehe „Checkliste für Ärzte“). Zudem besteht insbesondere während des ersten Jahres der Anwendung sowie bei Wiederaufnahme der Anwendung nach einer Anwendungspause von vier oder mehr Wochen ein erhöhtes Risiko. Patientinnen sollen über das Risiko einer venösen Thromboembolie aufgeklärt werden sowie entsprechende Anzeichen und Symptome einer Thrombose bzw. Thromboembolie kennen.

Pharmakotherapeutische Highlights

  • Bei mäßigen Beschwerden kann eine empirische Therapie mittels kombinierter oraler Kontrazeptiva über einen gewissen Zeitraum versucht werden.
  • Die operative Therapie gilt als Goldstandard, häufig wird anschließend medikamentös weiterbehandelt.
  • Die präoperative medikamentöse Therapie wird kontrovers diskutiert.
  • Postoperativ oder alternativ zum Eingriff werden GnRH-Analoga, Gestagene und orale Kontrazeptiva (als Dauertherapie) eingesetzt.
  • Derzeit einzig zur Endometriose-Therapie zugelassenes Gestagen ist Dienogest 2 mg.
  • Die Rezidivraten sind trotz erfolgreicher operativer und/oder medikamentöser Therapie sehr hoch.
  • Auch in der Therapie der Infertilität wird primär die operative Intervention empfohlen.
  • Im Falle eines Rezidivs ist jedoch die assistierte Reproduktion der wiederholten Operation vorzuziehen.

Checkliste für Ärzte

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bietet auf seinen Seiten Informationen für Ärzte zum Umgang mit kombinierten hormonalen Kontrazeptiva. In Verbindung mit den entsprechenden Fachinformationen sollten sie bei jeder Beratung bezüglich einer Verordnung kombinierter hormonaler Kontrazeptiva genutzt werden. Geben Sie den Webcode B9DM8 in die Suchfunktion bei DAZ.online ein und Sie gelangen direkt zu den BfArM-Seiten. Mit den Frauen sollten unter anderem folgende Fragen geklärt werden:

  • Liegt der BMI über 30 kg/m2?
  • Sind Sie älter als 35 Jahre?
  • Rauchen Sie? Falls ja und wenn die Frau außerdem älter als 35 Jahre ist, sollte dringend dazu geraten werden, mit dem Rauchen aufzuhören oder eine nicht-hormonale Verhütungsmethode anzuwenden.
  • Haben Sie einen hohen Blutdruck, das heißt systolisch 140 bis 159 mmHg oder diastolisch 90 bis 99 mmHg?
  • Hat ein naher Angehöriger in jungen Jahren (das heißt jünger als ca. 50 Jahre) ein thromboembolisches Ereignis gehabt?
  • Haben Sie oder ein naher Angehöriger hohe Blutfettwerte?
  • Haben Sie Migräneanfälle?
  • Leiden Sie an einer kardiovaskulären Erkrankung wie Vorhofflimmern, Herzrhythmusstörungen, koronarer Herzkrankheit, Herzklappenerkrankung?
  • Leiden Sie an Diabetes mellitus?
  • Haben Sie in den letzten Wochen entbunden?
  • Planen Sie in nächster Zeit einen längeren Flug (über vier Stunden) oder eine Reise mit täglichen Fahrzeiten über vier Stunden?
  • Haben Sie eine andere Erkrankung, die das Risiko für eine Thrombose erhöhen kann (z. B. Krebs, systemischer Lupus erythematodes, Sichelzellanämie, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, hämolytisch-urämisches Syndrom)?
  • Wenden Sie andere Arzneimittel an, die das Risiko einer Thrombose erhöhen können (z. B. Corticosteroide, Neuroleptika, Antipsychotika, Antidepressiva, Chemotherapeutika und andere)?

Wird eine der Fragen mit Ja beantwortet, so sollte die Eignung eines kombinierten hormonalen Kontrazeptivums mit der Frau ausführlich besprochen werden. Bei mehr als einem Risikofaktor sollte kein kombiniertes hormonales Kontrazeptivum verordnet werden. Diese Checkliste sollte regelmäßig genutzt werden, da sich die Risikofaktoren der Anwenderin über die Zeit ändern können. |

L. G. hat bisher das Präparat Leios® (Ethinylestradiol 20 μg und Levonorgestrel 100 μg) zur Empfängnisverhütung eingenommen und gut vertragen. Dieses kombinierte hormonale Kontrazeptivum kann nun auch in der postoperativen Endometriose-Therapie „non-stop“ eingesetzt werden. Das in diesem Präparat enthaltene Levonorgestrel zählt zu den Gestagenen, die ein niedriges VTE-Risiko aufweisen. Dies ist aufgrund der individuellen Risikofaktoren (Rauchen, Übergewicht) der Patientin von Vorteil. Der Patientin sollte dennoch geraten werden, mit dem Rauchen aufzuhören.

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Autoren

Carina John, PharmD, Studium der Pharmazie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und zum Doctor of Pharmacy an der University of Florida, USA. Leitung der Abteilung AMTS/ATHINA der Apothekerkammer Nordrhein, Referentin im Bereich Fort- und Weiterbildung, Autorin für die Deutsche Apotheker Zeitung (u. a. POP-Fälle) und den Deutschen Apotheker Verlag, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der WestGem-­Studie

Olaf Rose, PharmD, Studium der Pharmazie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und an der University of Florida (USA); Lehrauftrag an der University of Florida, Dept. of Pharmacotherapy & Translational Research; Apothekeninhaber in Münster und Steinfurt;

Forschungsschwerpunkt: Medikations­management

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