Die Seite 3

Ein neues Spiel mit der Hoffnung

Foto: DAZ/Kahrmann
Dr. Doris Uhl, Chefredakteurin der DAZ

Erinnern Sie sich noch an die Vit­amin-B12-haltige „Rosa Creme“, die in den Medien als das Wundermittel gegen Psoriasis und Neurodermitis gepriesen wurde, die aber Millionen von Betroffenen vorenthalten worden sein soll, weil „die böse Pharmaindustrie“ die Erforschung und Vermarktung dieses Cortison-freien Heilmittels unterdrückt hat? Das war im Jahr 2009. Zeitnah kam ein entsprechendes Medizinprodukt auf den Markt, zunächst unter dem Namen Regividerm®, dann als Mavena® B12. Unzählige verzweifelte Patienten und Ärzte wagten Therapieversuche – und wurden in großem Stil enttäuscht. Die gleichermaßen vielversprechende wie umstrittene Hypothese zur antientzündlichen Wirkweise von Vitamin B12 – sie wurde nie mit aussagekräftigen klinischen Studien untermauert.

Und jetzt eine Neuauflage des Spiels mit der Hoffnung, diesmal mit Methadon, dem neuen Wundermittel gegen Krebs? Auch hier gibt es eine bestechende Hypothese, wie Methadon Tumorzellen für eine Zytostatika-Therapie sensibilisieren und sie darüber hinaus noch selbst in den programmierten Zelltod treiben soll. Auch hier gibt es Patienten, die von überraschender Besserung bis hin zur Heilung berichten, ohne dass in kontrollierten klinischen Studien nachgewiesen worden ist, dass Methadon dafür verantwortlich ist. Auch hier wird behauptet, dass die Pharmaindustrie kein Interesse an der Erforschung dieser preiswerten Therapiealternative habe, weil sich mit all den anderen teuren Krebstherapeutika wesentlich mehr Geld verdienen lasse. In der Tat muss man sich fragen, warum ein pharmazeutischer Unternehmer, der z. B. einen vielversprechenden und gewinnträchtigen Checkpoint-Inhibitor in seinem Portfolio hat, Geld für die Erforschung einer preiswerten Substanz in die Hand nehmen soll, die ganz leicht im Rahmen einer Rezeptur auch bei Krebspatienten einzusetzen ist?

Was ist also zu tun? Den ganzen Ansatz gleich als Humbug und Scharlatanerie abstempeln oder doch genauer hinschauen und den mühsamen Weg der klinischen Studien beschreiten? Für Letzteren hat sich wohl die Universität Ulm entschieden. Hier ist schon vielversprechende Grundlagenforschung geleistet worden, unter anderem mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe. An der Universität Ulm soll nun auch die Förderung einer Phase-I/II-Studie zum Potenzial von Methadon bei therapierefraktärem Kolonkarzinom beantragt werden, auch wenn andere Medien wie das Arzneitelegramm schon das Totenglöcklein für solche Studien eingeläutet haben. Bleibt nur die Frage, wer denn die notwendigen Gelder bereitstellen wird. Die Deutsche Krebshilfe ist dazu zumindest grundsätzlich bereit.

In jedem Fall werden kontrollierte Studien dringend benötigt, um Klarheit zu gewinnen. Dann können wir hoffentlich in zwei bis drei Jahren besser beurteilen, ob und wenn ja, unter welchen Bedingungen Methadon erfolgreich in der Krebstherapie eingesetzt werden kann. So lange bleibt zu hoffen, dass die Tumorpatienten und ihre Ärzte nicht von erwiesenermaßen wirksamen Therapien Abstand nehmen – aber auch, dass möglichst viele Patienten und Ärzte, die in ihrer Not auf die Alternative Methadon setzen, für sich einen ganz persönlichen Therapieerfolg verbuchen können. Dabei spricht sicher nichts gegen den Einsatz von Methadon, wenn damit die bei nahezu allen Tumorpatienten auftretenden Schmerzen zufriedenstellend behandelt werden können.


Dr. Doris Uhl


PS: Die Veröffentlichung unseres Beitrags „Mit Methadon gegen Krebs“ in DAZ 26 stieß auf große Resonanz und warf eine neue wichtige Frage auf: Wie muss mit der Dosierungsanweisung auf dem Rezept und einer Methadon-Rezeptur umgegangen werden? Die Antwort finden Sie auf S. 33.

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