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Pflege und Beruf kaum vereinbar

Die größte Last schultern Angehörige – ihnen droht die Altersarmut

Gebrechliche Menschen werden meist von ihren Partnern, von Kindern oder nahen Verwandten betreut – häufiger von Frauen als von Männern. Um dies zu bewerkstelligen, reduzieren pflegende Angehörige häufig ihre Stundenzahl im Beruf. Später sind sie dann von Armut bedroht.

Um den aktuellen Pflegeaufwand zu erfassen, hat Volker Hielscher vom Iso-Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken mehr als 1000 Haushalte mit pflegebedürf­tigen Menschen ab 65 Jahren befragt. Die Studie entstand im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung.

Hielscher fand heraus, dass 63 Stunden im Regelfall pro Woche und Haushalt als Gesamtaufwand erforderlich sind. Dazu gehören u. a. allgemeine Betreuungsaufgaben (16,5 Stunden pro Woche), hauswirtschaftliche Tätigkeiten (13 Stunden), Körperpflege (7,7 Stunden), Mobilität (5,6 Stunden) und Ernährung (5,2 Stunden).

Frauen sind stärker belastet

Meistens gibt es eine Hauptpflege­person, die im Durchschnitt knapp 50 Stunden pro Woche unterschied­liche Aufgaben übernimmt. Das sind häufig Töchter (29%) sowie Lebens­partnerinnen (26%), gefolgt von Lebenspartnern (22%) und Söhnen (10%). Mehr als die Hälfte aller Befragten verzichtete komplett auf externe Unterstützung.

Diese Entscheidung bleibt nicht ohne Folgen. Rund ein Drittel aller Hauptpflegepersonen im erwerbsfähigen Alter hat die Arbeitszeit im Beruf reduziert, und 44 Prozent dieser Gruppe gehen keiner Erwerbstätigkeit nach. Nur sechs Prozent nutzen Möglich­keiten der gesetzlichen Pflegezeit. Damit riskieren Pflegende, später in die Altersarmut abzurutschen.

Pflegekräfte aus Osteuropa

Lediglich in jedem zehnten untersuchten Haushalt entscheiden sich Familien für Pflegekräfte als Alternative. Meist handelt es sich um Frauen aus Ost­europa, die auch vor Ort leben. Hielscher zufolge „scheint in der Praxis eine den arbeitsrechtlichen Mindeststandards entsprechende Beschäftigung dieser Kräfte kaum realisierbar“. Dies ist wohl auch der Grund, dass der Staat „wegsieht“: Denn „würde die Politik zu stärkeren Kontrollen greifen, um die Einhaltung von Mindestlohn und Arbeitszeitbestimmungen sicherzustellen, würde sich die häusliche Rundum­pflege weiter verteuern und die soziale Spaltung noch verstärken“, heißt es in der Studie.

Die Pflegestufe hängt auch vom Einkommen ab

Wie Hielscher berichtet, erreichen Beratungsangebote – etwa zur Ein­stufung in Pflegestufen – Familien aus bildungsfernen Schichten nicht zur Genüge. Auffällig oft hatten Patienten aus einkommensstarken Familien höhere Pflegestufen als Menschen aus einem ärmeren Umfeld. Medizinische Gründe dafür gab es nicht. Deshalb bleibt die Vermutung: Gelingt es Angehörigen höherer Schichten vielleicht besser, gegenüber der Pflegeversicherung ihren Bedarf geltend zu machen? |

Quelle

Volker Hielscher, Sabine Kirchen-Peters und Lukas Nock. Pflege in den eigenen vier Wänden: Zeitaufwand und Kosten. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen geben Auskunft. Study der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 363, Juni 2017; http://bit.ly/2s2BEJM

Michael van den Heuvel

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