Aus den Ländern

Graue weckt neue Hoffnungen nach dem EuGH-Urteil

Mitgliederversammlung des NARZ

HAMBURG (tmb) | Bei der Mitgliederversammlung des Norddeutschen Apothekenrechenzentrums (NARZ) am 10. Juni 2017 in Hamburg vermittelte der Vorstandsvorsitzende Dr. Jörn Graue neue Hoffnung, die Arzneimittelpreisbindung mit juristischen oder politischen Mitteln zu sichern. Weitere Themen waren strategische Aspekte der Digitalisierung und die Arbeit des NARZ.

Graue verglich die Diskussion über das EuGH-Urteil mit dem Andersen-Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, in dem der Mächtige die Wirklichkeit verdreht. „Selbst Minister und ganze Parteitage sehen nicht, was eigentlich alle sehen könnten“, erklärte Graue mit Blick auf die Argumente für ein Rx-Versandverbot. Außerdem beklagte Graue, es gebe offensichtlich Tendenzen, die Sicherstellung der flächendeckenden Arzneimittelversorgung „auf dem Altar eines globalisierten ­digitalen Handels zu opfern und die Besonderheit der Ware Arzneimittel zu negieren“. Für mindestens ebenso gefährlich halte er die anstehende Entscheidung im Skonto-Prozess. Eine Bestätigung des OLG Bamberg käme de facto einem Skontoverbot gleich. Das wäre für viele Apotheken eine „ganz empfindliche, teilweise existenzbedrohende Einbuße“, fürchtet Graue.

Foto: DAZ/tmb
Dr. Jörn Graue, Vorstandsvorsitzender des NARZ, sieht keinen Anlass für eine „apothekerliche Weltuntergangsstimmung“.

Ansätze gegen den Versand

Dennoch sieht Graue keinen „Anlass für eine apothekerliche Weltuntergangsstimmung“. Er wünschte der Apothekerkammer Nordrhein „viel Fortune“ für eine zweite Chance vor dem EuGH nach der jüngsten Revisionsentscheidung des BGH. Außerdem deutete Graue an, es gebe Argumente, dass ausländische Versandapotheken die gesetzlichen Voraussetzungen nicht erfüllen und daher von der Länderliste zu streichen seien. Er führte dies nicht weiter aus, zeichnete damit aber eine weitere Möglichkeit vor, den Arzneimittelversand zu beschränken.

Doch auch für das Rx-Versandverbot sieht Graue noch Möglichkeiten. Dazu verwies er auf ein Gespräch eines Journalisten mit der niedersächsischen Gesundheitsministerin Cornelia Rundt im Rahmen der Landespressekonferenz im Beisein des Ministerpräsidenten Stefan Weil. Demnach stehe die niedersächsische Landesregierung voll hinter der Forderung der Apotheker, den Rx-Versand zu verbieten, und vertrete dies auch im Bundesrat. Außerdem halte die SPD-geführte Landesregierung die gegenteilige Position der Bundes-SPD für verfehlt. Vielmehr sehe sie darin eine Gefahr für den Bestand der Apotheken, was im länd­lichen Raum angesichts des Ärzte­mangels besonders relevant sei.

Strategie der Digitalisierung

Bei der NARZ-Mitgliederversammlung stellte der stellvertretende NARZ-Vorstandsvorsitzende Dr. Peter Froese strategische Überlegungen zur Digitalisierung aus der ABDA-Arbeitsgruppe IT-Strategie vor. Froese mahnte, die Digitalisierung sei nur ein Werkzeug und kein Selbstzweck. Es gehe nicht um Schnellschüsse oder „kommerzgesteuerte Marketing-Gags“. Für digitale Angebote im Gesundheitswesen müssten daher vier Kernfragen beantwortet werden:

1. Verbessern sie die Gesundheit des Patienten?

2. Sind die Daten wirklich sicher?

3. Sind die Angebote angemessen, leistungsfähig und wirksam? Denn digitale Daten seien zwar eindeutig, müssten deswegen aber nicht richtig sein.

4. Werden nur die jeweils notwendigen Daten erhoben und gespeichert?

Daher seien kartengestützte Sicherheitsmaßnahmen nötig und die Apotheken und Rechenzentren müssten sich als „Datensafes“ der Patienten verstehen. Außerdem sei für die Apotheker ein Netz in eigener Verantwortung nötig, wie es derzeit aufgebaut werde. Letztlich müsse der Patient über die Nutzung von Angeboten entscheiden. Die digitalen Netzwerke müssten sich um den Patienten ranken. Erst die Infrastruktur zu schaffen und danach die Anwendungen sei „etwas dröge, aber ein produktiver Weg“, folgerte Froese.

Arbeit des NARZ

Zur Arbeit des NARZ erklärte Graue, das Ergebnis sei exzellent. NARZ-­Geschäftsführer Hanno Helmker verwies auf die Eigenkapitalquote des NARZ von 95 Prozent und ähnliche Werte der anderen Konzerngesellschaften. Insbesondere Rationalisierungseffekte durch optimierte Belegleser hätten zum Erfolg beigetragen. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates, Dr. Gerhard Behnsen, erklärte, durch die sinkende Apothekenzahl werde der Wettbewerb unter den Abrechnern aggressiver, aber das NARZ profitiere von Einsparungen und neuen Entwicklungen. Graue betonte die Zukunftsorientierung des NARZ und beschrieb ein Projekt für eine gemeinsame Retax-Bearbeitung der norddeutschen Bundesländer.

Neuer Vorstand gewählt

Bei den turnusgemäßen Vorstandswahlen für das NARZ wurden der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Dr. Peter Froese sowie die Beisitzer Berend Groeneveld und Christiane Lutter einstimmig wiedergewählt. Siegbert Lauk-Reinecke stellte sich nicht zur Wiederwahl, da er seine Apotheke altersbedingt abgegeben hat. Lauk-Reinecke gehörte dem Vorstand bereits seit den 1990er-Jahren an. Graue dankte Lauk-Reinecke und betonte, dieser habe sich stets für das NARZ eingesetzt. Als neue Beisitzerin wurde Dr. Margit Götzlaff, die auch dem Vorstand des Landesapothekerverbandes Niedersachsen angehört, einstimmig gewählt. |

Foto: DAZ/tmb
Ergebnis der Vorstandswahlen Christiane Lutter, Dr. Peter Froese (wieder­gewählte Vorstandsmitglieder), Dr. Margit Götzlaff (neues Vorstandsmitglied), Siegbert Lauk-Reinecke (ausscheidendes Vorstandsmitglied) (v. l.).

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