DAZ aktuell

DocMorris wächst – Politiker sind alarmiert

Hennrich sieht Befürchtungen bestätigt und erwartet einen „heißen Sommer“

BERLIN (bro) | Die Schweizer Zur-Rose-Gruppe, zu der auch die niederländische Versandapotheke DocMorris gehört, will an die Börse gehen. So will sie weitere Expansionen in Europa finanzieren. Vergangene Woche teilte Zur Rose detaillierter mit, was sie sich in Deutschland erhofft: Die Unternehmensgruppe wolle eine aktive Rolle bei der Marktkonsolidierung im Versandhandel einnehmen und habe deshalb die Übernahme eines weiteren Arzneimittel-Versandhändlers initiiert, hieß es in einer Pressemitteilung. Zugleich verwiesen die Schweizer auf deutliche Umsatzsteigerungen bei DocMorris. Politiker beunruhigt diese Entwicklung.
Foto: Philipp Külker
Zur-Rose-CEO Walter Oberhänsli will mehr vom deutschen Markt.

Laut Zur Rose hat sich die Zahl neu gewonnener Kunden, die Rx-Arzneimittel bestellt haben, im ersten Quartal 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verfünffacht. Zudem habe sich der DocMorris-Umsatz in den ersten drei Monaten 2017 um 17 Prozent gesteigert. Nach Informationen von DAZ.online steckt dahinter ein Umsatzanstieg von 6 Prozent bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln und ein Umsatzplus von 45 Prozent im OTC-Bereich. Welche absoluten Zahlen sich dahinter verbergen, bleibt allerdings im Dunkeln. Einen Hinweis könnte die Jahresbilanz für das Gesamtjahr 2016 geben, die Zur Rose ­Ende Januar dieses Jahres vorgelegt hat. Demnach lag der Gesamtumsatz Ende 2016 bei 331 Millionen Euro. Relativ kryptisch teilte Zur Rose damals ebenfalls mit, dass die OTC-Umsätze aufgrund des starken Wachstums erstmals die 100-Millionen-Euro-Marke durchbrochen hätten. Demzufolge wäre davon auszugehen, dass der ­Rx-Bereich bei DocMorris mindestens zwei Drittel schwer wiegt, also mehr als 230 Millionen Euro.

Unkontrollierter Ausbau von Marktanteilen

Foto: Philipp Külker
CDU-Politker Michael Hennrich plädiert weiter fürs Rx-Versandverbot.

Diese Entwicklung beobachten Bundestagsabgeordnete derzeit genau. Für den in der Unionsfraktion für das Thema Arzneimittel zuständigen Berichterstatter Michael Hennrich bestätigt sich, „wovor wir nach dem EuGH-Urteil Angst hatten: Dass die EU-Versandapotheken ihre Marktanteile unkontrolliert zulasten der Apotheken hierzulande ausbauen“. Hennrich erwartet nun einen „heißen“ DocMorris-Sommer: „DocMorris wird den politischen Stillstand natürlich geschickt nutzen und über die Sommerpause und bis nach den Bundestagswahlen richtig Gas geben und seine Umsätze und Marktanteile weiter steigern.“

Der CDU-Politiker sieht eine klare Strategie hinter dem Vorgehen von Zur Rose und DocMorris: „Alle Gegner des Versandverbotes haben uns immer gesagt, dass sich der Markt so schnell schon nicht verändern werde. Genau das Gegenteil ist nun aber der Fall. Die Strategie dahinter ist klar: Das ­Unternehmen wird in den kommenden Monaten so viele Neukunden gewinnen und seine Marktanteile ausbauen, dass es mit dem Rx-Versandverbot in der kommenden Legislaturperiode nicht mehr ganz einfach sein wird. Denn je etablierter der EU-Versandhandel ist, desto größer wird auch der Widerstand in der Bevölkerung gegen ein Versandverbot. Den spüren wir Politiker ja auch jetzt schon.“

Rein theoretisch hätten Hennrich und die CDU zumindest eine Begrenzung der Rx-Boni noch in dieser Legislaturperiode mit der SPD beschließen können. Denn als Kompromissvorschlag hatten SPD-Abgeordnete vorgeschlagen, Rx-Boni für alle Marktteilnehmer bei einer Höhe von einem ­Euro zu begrenzen. Doch dass es nun zu gar keiner Kompromisslösung gekommen ist und die EU-Versender weiterhin in unbegrenzter Höhe Rx-Boni anbieten können, liegt aus Hennrichs Sicht nicht an der Union. Nun könne er nur hoffen, „dass die Gegner des Rx-Versandverbotes die Dynamik dieser Entwicklung verstehen und sich ganz schnell nach Beginn der neuen Legislaturperiode mit uns für ein Verbot einsetzen“.

Auch bei den Grünen betrachtet man die Entwicklung mit Sorge. Die Berichterstatterin für das Thema Arzneimittel in der Grünen-Bundestagsfraktion, Kordula Schulz-Asche, sagte: „Auch wir hätten eine schnelle Lösung bevorzugt – nämlich die Rx-Boni zu begrenzen. Das wäre auch unabhängig von der langfristig nötigen Diskussion um das Apothekenhonorar umsetzbar gewesen. So hätte man wenigstens die Enorm-Boni der niederländischen Versandapotheken verhindert. Nun gibt es aber einige große Versandhändler, die die Situation ausnutzen, dass hierzulande keine Einigung gefunden werden konnte.“

Boni-Deckel „unproblematisch“

Dass aber auch die Deckelung der Rx-Boni nach dem EuGH-Urteil juristisch höchst umstritten gewesen wäre, will Schulz-Asche nicht gelten lassen. Aus ihrer Sicht wäre eine Verankerung der Regelung im SGB V „rechtlich unproblematisch“ gewesen. Sie hat weiterhin auch kein Verständnis dafür, dass die 1-Euro-Boni Apotheker wirtschaftlich gefährden könnten. Die Grünen-Politkerin sagt: „Der Rx-Boni-Deckel wäre ein Schutz für die Apotheker gewesen, wie sich jetzt zeigt.“

Dass es zur jetzigen Situation gekommen ist, liegt aus der Sicht von Schulz-Asche auch an der ABDA: „Die Apothekerverbände haben sich während der Diskussionen nur auf das Versand­verbot eingeschossen und alle Kompromisse abgelehnt.“ |

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