Arzneimittel und Therapie

Chinin unter Verdacht

Hinweise auf erhöhte Sterblichkeit vor allem bei unter 50-Jährigen

Die langfristige Einnahme von Chinin erhöht einer retrospektiven Analyse zufolge das Mortalitätsrisiko. Eine bestehende Dosis-Wirkungs-Beziehung untermauert den Verdacht einer kausalen Ursache.

Seit etwa 80 Jahren wird Chinin zur Behandlung von Muskelkrämpfen eingesetzt, ferner wird der Wirkstoff diversen Erfrischungsgetränken (z. B. Bitter Lemon) beigefügt. 2006 warnte die US Food and Drug Administration vor dem off label use von Chinin und führte 665 Fälle gravierender Nebenwirkungen, davon 93 mit Todesfolge auf, die auf die Einnahme von Chinin zurückzuführen sind.

Chinidin: plötzlicher Herztod

Von Chinidin, einem Stereoisomer von Chinin, ist bekannt, dass es das Risiko für einen plötzlichen Herztod um den Faktor drei erhöht. Unter Chinin können unter anderem Arrhythmien und Thrombozytopenien auftreten. Doch trotz aller Warnungen wird Chinin weiterhin eingesetzt.

Eine englische Arbeitsgruppe untersuchte nun Auswirkungen einer langfristigen Chininaufnahme auf die Gesamtmortalität und griff dazu auf die englische Datenbank „The Health Improvement Network“ zurück, in der die Daten von 12 Millionen Patienten anonymisiert gespeichert sind.

Chinin-haltige Erfrischungsgetränke: wie viel steckt drin?

Chinin wird wegen seines stark bitteren Geschmacks als Aromakomponente unter anderem alkoholfreien Erfrischungsgetränken wie Tonic Water und den fruchtsafthaltigen Limonaden Bitter Orange und Bitter Lemon zugesetzt und findet sich zudem auch einigen Bitter­spirituosen. Entsprechend der deutschen Aromaverordnung dürfen Chinin und seine Salze Chininhy­drochlorid und Chininsulfat bis zu folgenden Höchstmengen im verzehrsfertigen Lebensmittel enthalten sein: Spirituosen maximal 300 mg/l und alkoholfreie Erfrischungsgetränke maximal 85 mg/l. Zusätzlich ist es nach § 13 a der Weinverordnung erlaubt, aromatisierten weinhaltigen Getränken, aromatisierten weinhaltigen Cocktails und aromatisiertem Wein bis zu 300 mg Chinin/l zuzusetzen.

Foto: 5ph – Fotolia.com
„Tonic Water“ (klar, ohne Fruchtsaft­anteil) enthält im Mittel 61 mg Chinin/l. „Bitter Lemon“ und „Bitter Orange“, mit ca. 3 bis 12% Zitronen- oder Orangensaft hergestellt, enthalten im Mittel nur 29 mg/l. Quelle: Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, http://www.vis.bayern.de

Kausaler Zusammenhang unklar

Im Zeitraum zwischen 1990 und 2014 wurden für 175.195 Patienten Verordnungen über Chinin ausgestellt. Während einer Nachbeobachtungszeit von knapp sechs Jahren kam es zu 11.598 Todesfällen; das entspricht 4,2 Todesfällen auf 100 Personenjahre. Dies heißt nun nicht, dass die Betroffenen an den Nebenwirkungen von Chinin verstorben waren, allerdings war die Zahl der Todesfälle höher als in einer Vergleichsgruppe von Patienten, die gleiche Diagnosen aufwiesen, aber nicht mit Chinin behandelt worden waren. Für diese Gruppe wurden 3,2 Todesfälle auf 100 Personenjahre ermittelt (Hazard ratio HR 1,24).

Berücksichtigte man bei der Datenanalyse das Alter der Betroffenen und die Dosis des eingenommenen Wirkstoffs, ergab sich folgendes Bild: Das Sterberisiko war vor allem für die unter 50-jährigen Patienten erhöht (HR 3,06).

Dosisabhängiger Anstieg

Auch konnte eine Dosis-Wirkungs-Beziehung festgestellt werden: Bei der Einnahme von 200 bis 299 mg pro Tag wuchs das Risiko geringfügig (HR 1,25), erhöhte sich bei einer Tagesdosis zwischen 300 und 399 mg (HR 1,83) und stieg bei Tagesdosen von mehr als 400 mg noch weiter an (HR 2,4) – jeweils im Vergleich mit der Einnahme von weniger als 200 mg pro Tag.

Ob und wie sich der Konsum Chinin-haltiger Getränke auf die Mortalität auswirkte, konnte aufgrund fehlender Daten nicht ermittelt werden. |

Quelle

Fardet L et al. Association Between Long-term Quinine Exposure and All-Cause Mortality. JAMA. 2017;317(18):1907-1909. doi:10.1001/jama.2017.2332.

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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