Arzneimittel und Therapie

Mit HAMLET gegen Krebs

Meldung über Wundermittel aus der Muttermilch spielt mit der Hoffnung verzweifelter Patienten

Ist es für möglich zu halten? Eine Pressemitteilung vom 12. Internationalen Medela Still-und Laktationssymposium in Florenz preist Muttermilch als Krebstherapie der Zukunft an! Heißt das, dass jetzt alle Tumorpatienten nur noch Muttermilch zu trinken brauchen, um gesund zu werden? Ein Blick hinter die Kulissen von Dr. Ilse Zündorf und Prof. Dr. Theo Dingermann.

Die eine Sache...

...ist zweifellos die reißerische Pressemitteilung! Es hätte nicht viel gefehlt, und wir hätten die Bitte, diese Pressemitteilung „mit einem immunologisch geschulten Auge“ zu überprüfen, verweigert, ohne auch nur einen Blick auf den Text zu werfen, geschweige denn, nachzuforschen, was denn wohl an seriöser Information hinter der Pressemitteilung stehen könnte.

Dr. Ilse Zündorf

So darf man nicht an eine Öffentlichkeit treten, deren überwältigende Mehrheit praktisch keine Chance hat, wirklich zu verstehen, ob tatsächlich und – wenn ja – welcher Rest Seriosität eine Basis für derartig abstruse Behauptungen bilden könnte. Vielmehr öffnet ein solcher Text Tür und Tor für Extrapolationen, an die sich Menschen klammern, die wegen einer Krebserkrankung kaum noch ein und aus wissen. Es ist in höchstem Maße unverantwortlich, bei schwerkranken Menschen mit einer derartigen Ankündigung Hoffnungen zu wecken und sie womöglich von ihrer evidenzbasierten, aber nebenwirkungsreichen Therapie abzuhalten, damit sie stattdessen einen gefährlichen Alternativversuch mit Muttermilch unternehmen. So gehört diese Presseinformation in die Kategorie „Verführung zur Scharlatanerie“ mit obskuren Produkten, von denen es unendlich viele gibt, die darauf abzielen, offenbar „unschädliche Mittel für eine Krebstherapie“ anzupreisen, die verzweifelten Patienten und ihren Angehörigen nur das Geld aus der Tasche ziehen und dennoch zum baldigen Tod führen.

Die andere Sache...

...sind tatsächlich die wissenschaftlichen Fakten, die durch die plakative Formulierung der Pressemitteilung völlig in den Hintergrund gedrängt werden. Natürlich ist seit Langem bekannt, dass Muttermilch das Neugeborene mit allerlei Schutzfaktoren gegen Infektionen der Atemwege und des Gastrointestinaltrakts ausrüstet. Was steckt aber wirklich in der Muttermilch drin? Welche konkreten Moleküle sind für die verschiedenen Wirkungen verantwortlich?

Relativ leicht war die Identifizierung von Antikörpern, von Lysozym oder Lactoferrin. Aber was befindet sich noch in der Milch?

Prof. Dr. Theo Dingermann

Bereits in den 1990er-Jahren beschäftigte sich die Arbeitsgruppe der in der Pressemitteilung zitierten schwedischen Wissenschaftlerin Catharina Svanborg mit der Aufklärung einzelner Bestandteile der Muttermilch. Auf der Suche nach Molekülen, die die Adhäsion von Streptococcus pneumoniae an Epithelzellen der Atemwege verhindern, wurden die Forscher in der Casein-Fraktion, die bei niedrigem pH-Wert in der Muttermilch ausfällt, fündig. Erstaunlicherweise tötete der gefundene aktive Faktor nicht nur die Bakterien ab, sondern auch die Epithelzellen – zumindest diejenigen, die aus einem Lungentumor stammten. Solange das Experiment mit primären, gesunden Epithelzellen durchgeführt worden war, starben nur die Bakterien.

Wer oder was ist HAMLET?

Natürlich denkt man bei dem Namen direkt an den Prinzen von Dänemark und an William Shakespeare, aber eigentlich steht das Kürzel für „human alpha-lactalbumin made lethal to tumor cells“. Dabei handelt es sich um Alpha-Lactalbumin, das in größerer Menge in der Muttermilch vorkommt und dort im Komplex mit einem Calcium-Ion als regulatorische Untereinheit der Lactose-Synthase fungiert, was schließlich die Synthese von Lactose ermöglicht. Der in der Casein-Fraktion identifizierte bakterizide und tumorizide Faktor war jedoch interessanterweise nicht das native Alpha-Lactalbumin, sondern eine partiell entfaltete Form des Proteins, die durch Ölsäure stabilisiert wird – also für Tumorzellen tödlich gemacht wurde.

Foto: Warpedgalerie – Fotolia.com
Sein oder Nichtsein – darüber soll HAMLET in der Muttermilch entscheiden können. Dichtung oder Wahrheit?

Dass falsch gefaltete Proteine eine andere, häufig schädliche Funktion, als ihr natives Pendant ausüben, kann man z. B. an Prionen und Amyloid-β-Plaques beobachten. Nun waren also auch Peptide entdeckt worden, die in einer entfalteten Form unter bestimmten Bedingungen eigentlich positive Effekte ausüben. Mittlerweile sind neben HAMLET einige andere Proteine, wie BAMLET (bovine alpha-lactalbumin made lethal to tumor cells), ELOA (equine lysozyme with oleic acid) oder andere Ölsäure-Komplexe mit Kamel-α-Lactalbumin, β-Lactoglobulin oder Hecht-Parvalbumin bekannt, die in einer partiell entfalteten Form ebenfalls eine zytotoxische Wirkung entfalten. Allerdings ist dafür nicht die Proteinkomponente allein verantwortlich, sondern die Ölsäure ist zwingender Bestandteil eines aktiven Komplexes.

Inzwischen sind etliche Arbeiten zum Wirkmechanismus von HAMLET veröffentlicht worden, und einiges ist bereits sehr gut aufgeklärt. Dass HAMLET spezifisch Tumorzellen erkennt, liegt vermutlich an klassischen Onkogenen, wie MYC, RAS und HIF1α. Sind sie in der gefährlichen, aktivierten Form in Zellen vorhanden, wird auch HAMLET aktiv. Durch die Ölsäurekomponente kann HAMLET in die Zellmembran integrieren und den Ionenfluss über die Membran beeinflussen. Anschließend wird der Komplex internalisiert und kann mit Lysosomen, Mitochondrien und Proteasomen interagieren. Zusätzlich gelangt HAMLET auch in den Zellkern und kann dort über die Histone H2B, H3 und H4 die korrekte Bildung der Nucleosomen beeinflussen. Schließlich führen alle Wechselwirkungen mit den zellulären Komponenten zur Apoptose der Tumorzelle.

Alles in allem klingt HAMLET nach einem interessanten Molekül für die Tumortherapie. Neben Versuchen in Tiermodellen liefen erste kleinere Studien an 40 Patienten mit Therapie-resistenten Papillomen der Haut und an 9 Patienten mit Blasenkrebs. Die – allerdings lokale – Anwendung des aus Muttermilch isolierten HAMLET-Komplexes verringerte das Volumen der Hautläsionen um immerhin 75% und führte bei den Patienten mit Blasenkrebs zu einer raschen Ausscheidung überwiegend toter Tumorzellen.

Was ist zu tun?

Diese Ergebnisse klingen vielversprechend. Aber um das therapeutische Potenzial dieses Muttermilch-Artefakts wirklich abschätzen zu können, müssen natürlich größere Studien durchgeführt werden – am besten mit rekombinant hergestelltem HAMLET. Das ist wahrscheinlich angesichts der partiell entfalteten Struktur nicht ganz einfach, aber sicherlich lösbar. Denn die Alternative, den Komplex aus Muttermilch zu isolieren, wird nicht zu ausreichenden Mengen führen.

Inwieweit es möglich sein wird, auch über eine orale Anwendung von HAMLET eine signifikante Reduktion einer Tumormasse zu erreichen, muss im Zuge solcher Studien untersucht werden. Vorstellbar ist durchaus, dass im sauren Milieu des Magens Alpha-Lactalbumin aus der Muttermilch in die aktive HAMLET-Form umgewandelt wird. Wie viel Wirkstoff dabei entsteht, ist allerdings fraglich und sicherlich nicht reproduzierbar, was kein guter Therapieansatz für eine Tumorerkrankung ist.

Mit Pressemitteilungen wie die über die Muttermilch tut man jedoch weder Tumorpatienten noch dem Wirkstoff einen Gefallen. Aber vielleicht der Firma Medela Medizintechnik, die schließlich Produkte für Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit vertreibt und die auch den Kongress in Florenz ausgetragen hat. Derartige Pressemitteilungen fördern sicherlich den Wunsch der jungen Mutter, ihrem Kind das Beste zugutekommen zu lassen und es zu stillen – und macht all jenen Frauen ein schlechtes Gewissen, die nicht stillen können oder wollen. |

Literatur

Pressemitteilung der Firma Medela Medizintechnik GmbH & Co. Handels KG vom 12. Internationalen Medela Still- und Laktationssymposium in Florenz: Muttermilch: Die Krebstherapie der Zukunft (April 2017)

Gustafsson L, Leijonhufvud I, Aronsson A, Mossberg AK, Svanborg C: Treatment of skin papillomas with topical alpha-lactalbumin-oleic acid. N Engl J Med. 2004 Jun 24;350(26):2663-2672.

Hakansson AP, Roche-Hakansson H, Mossberg AK, Svanborg C: Apoptosis-like death in bacteria induced by HAMLET, a human milk lipid-protein complex. PLoS One. 2011 Mar 10;6(3):e17717. doi: 10.1371/journal.pone.0017717.

Ho JC, Nadeem A, Svanborg C: HAMLET - A protein-lipid complex with broad tumoricidal activity. Biochem Biophys Res Commun. 2017 Jan 15;482(3):454-458.

Mossberg AK, Wullt B, Gustafsson L, Månsson W, Ljunggren E, Svanborg C: Bladder cancers respond to intravesical instillation of HAMLET (human alpha-lactalbumin made lethal to tumor cells). Int J Cancer. 2007 Sep 15;121(6):1352-1359.

Pettersson-Kastberg J, Aits S, Gustafsson L, Mossberg A, Storm P, Trulsson M, Persson F, Mok KH, Svanborg C: Can misfolded proteins be beneficial? The HAMLET case. Ann Med. 2009;41(3):162-176.

Svensson M, Sabharwal H, Håkansson A, Mossberg AK, Lipniunas P, Leffler H, Svanborg C, Linse S: Molecular characterization of alpha-lactalbumin folding variants that induce apoptosis in tumor cells. J Biol Chem. 1999 Mar 5;274(10):6388-6396.

Dr. Ilse Zündorf, Prof. Dr. Theo Dingermann, Institut für Pharmazeutische Biologie, Universität Frankfurt

Das könnte Sie auch interessieren

Diese Hilfsmittel erleichtern den Alltag

Probleme beim Stillen

Fucosyllactosen wehren Erreger ab

Muttermilch gegen Diarrhöen

DAZ-Tipp aus der Redaktion

Hilfe, die Muttermilch ist blau!

Kontroverse um Ergebnisse der experimentellen Glioblastom-Forschung

Der Methadon-Streit

Mechanismen der Krebsentstehung und Eingriffsmöglichkeiten

Zellen außer Kontrolle

Erste Muttermilch-Börse

Bayerische Ministerin schlägt Alarm

1 Kommentar

Hamlet gegen krebs

von Mehmet Ülker am 10.04.2019 um 10:33 Uhr

Guten tag geehrte Damen und Herren
Grund meines schreibens ist die Hamlet Behandlung gegen Prostata krebs. Können sie mir vielleicht weiterhelfen wo das Medikament unter welchen Namen erhältlich ist. Mit freundlichen Grüßen mehmet ülker

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.