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Ein Experiment von kurzer Dauer

DocMorris eröffnet Abgabeterminal in Hüffenhardt und muss gleich wieder schließen

ks | Wer sich von DocMorris’ Zukunftsvision der Arzneimittelversorgung auf dem Land selbst ein Bild machen wollte, musste schnell sein: Keine drei Tage hatte die am 19. April eröffnete „Videoberatung“ mit Arzneimittelabgabe-Terminal im baden-württembergischen Hüffenhardt geöffnet. Dann ordnete das Regierungspräsidium Karlsruhe die Schließung dieser neuartigen „Apotheke light“ an.

Über ein Jahr lang hat sich die niederländische Versandapotheke DocMorris auf ihr jüngstes Experiment im deutschen Apothekenmarkt vorbereitet. Vergangene Woche war es so weit: DocMorris verkündete, dass sich die rund 2000 Einwohner der Gemeinde Hüffenhardt ab sofort in den neu gestalteten Räumlichkeiten der früheren Brunnen-Apotheke per Video-LiveChat umfassend von den pharmazeutischen Fachkräften der Versandapotheke beraten lassen können. Anschließend sollten die Kunden die Möglichkeit haben, OTC und rezeptpflichtige Arzneimittel direkt vor Ort über ein stationäres Abgabeterminal mitzunehmen. Der Automat verfügt laut DocMorris über 8000 Lagerplätze und bietet ein „großes Spektrum an gängigen Arzneimitteln zur Akutversorgung“. Auch für alle Rabattverträge sei man grundsätzlich gerüstet. Ergänzt wurde der Automat um ein Kühlmodul, das bis zu 500 Packungen fasst. Für Fragen rund um Service und Technik gab es eine Welcome-Managerin vor Ort.

Foto: DAZ/diz
Mit einem großen DocMorris-Schild wird in Hüffenhardt auf die neue „Videoberatung“ mit Arzneimittel­abgabe-Terminal hingewiesen. Der Hinweis „Geöffnet“ ist allerdings bereits veraltet.

DocMorris jubelt über geschlossene Versorgungslücke

„Wir freuen uns, dass wir mit unserer digitalen eHealth-Anwendung die bestehende pharmazeutische Versorgungslücke in der Gemeinde Hüffenhardt schließen können“, erklärte DocMorris-Vorstandsmitglied Max Müller. „Mit unserem Pilotprojekt zeigen wir, wie dank der Digitalisierung ländliche Strukturen gestärkt werden können und der Bevölkerung ein Stück Lebensqualität bewahrt oder gar zurückgegeben werden kann.“

Doch bereits zwei Tage nach der Eröffnung hatte die Welcome-Managerin nichts mehr zu tun und der Computer mit der Video-Schaltung ins niederländische Heerlen sowie der mit Arzneimitteln gefüllte Abgabeautomat, den DocMorris eigens für das Projekt Hüffenhardt hat fertigen lassen, standen still. Denn zwei Mitarbeiter des Regierungspräsidiums Karlsruhe waren nach Hüffenhardt gekommen. Sie schauten sich vor Ort an, was es mit der Videoberatung und dem Abgabeterminal auf sich hat. Und sie waren sich rasch sicher: Was hier geschieht ist rechtswidrig. Es handelt sich nicht nur um eine Lagerung von Arzneimitteln, wie DocMorris sie angezeigt hatte, sondern um eine Abgabe. Und bekanntlich ist der Verkauf apothekenpflichtiger Arzneimittel strenger Anforderungen des Gesetzgebers unterworfen.

Foto: DAZ/diz
Ein Computer und ein Abgabeterminal – fertig ist die „Apotheke light“ à la DocMorris.

Grenzen zwischen Versand- und Präsenzapotheken verwischt

Die Behörde konstatiert in einer Pressemitteilung: „Die Abgabe in Hüffenhardt erfolgt nicht in einer Apotheke und ist auch nicht von der Versandhandelserlaubnis des in den Niederlanden ansässigen Unternehmens umfasst. Der Versand muss aus einer öffentlichen Apotheke heraus erfolgen, was notwendigerweise mit einer individuellen Versendung oder Auslieferung an einen Dritten oder eine Abholstation verbunden ist. Die Ab­gabe aus einem vorab mit einem Arzneimittelvorrat befüllten Lagerautomaten sieht diesen Schritt gerade nicht vor.“ Die Automatenabgabe ­verwische in unzulässiger Weise die Grenze zwischen Versandhandel und der Arzneimittelabgabe in einer Präsenzapotheke, erklärt das Regierungspräsidium weiter. Letztere ­unterliege hinsichtlich der Räumlichkeiten, der Ausstattung und des ­Fachpersonals hohen gesetzlichen Anforderungen, die durch das Ab­gabeterminal umgangen werde. Und die Aufsicht sieht noch eine weitere Rechtsverletzung: Bei der Abgabe von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln werde bei der Prüfung der Rezepte am Terminal gegen Formvorschriften der Apothekenbetriebsordnung verstoßen.

Das Regierungspräsidium zog daraus die Konsequenz, den Betrieb zu untersagen. Dies sei zur Gewährleistung der Arzneimittelsicherheit und einer breiten Arzneimittelversorgung durch gut ausgestattete Präsenzapotheken notwendig. Ohnehin sei die Arzneimittelversorgung in Hüffenhardt gesichert, da die Bevölkerung eine Rezeptsammelstelle von zwei in den Nachbarorten ansässigen Apotheken nutzen könne.

DocMorris in Hüffenhardt – ein Blick zurück

Wie kam DocMorris eigentlich dazu, in Hüffenhardt ein solches Projekt aufzuziehen? Ende 2014 hatte DAZ.online das erste Mal über die Gemeinde im Neckar-Odenwald-Kreis berichtet: Der damalige wie auch heutige Bürgermeister Walter Neff war auf der Suche nach einem Nachfolger für die einzige Apotheke im Ort. Diese sollte schließen, weil der Apotheker Reinhold Fuchs in den Ruhestand ging und selbst niemanden fand, der seine Betriebsräume übernahm. Neff war bereit, die Miete zu senken und einen notwendigen Anbau mitzufinanzieren. Doch es fand sich kein Interessent. Und so schloss die Brunnen-Apotheke im Jahr 2015.

DocMorris wurde auf die Situation aufmerksam – und unterbreitete Bürgermeister Neff ein neu ersonnenes Modell als Alternative zur Apotheke. Im Februar 2016 verkündeten die Niederländer, dass sie in den Räumen der früheren Brunnen-Apotheke einen „telepharmazeutischen Beratungs­service mit einer Abholfunktion für Arzneimittel“ einrichten werden. ­Anvisierter Start: September 2016. Bürgermeister Neff zeigte sich begeistert über den „digitalen Fortschritt“.

Im Frühsommer 2016 unterschrieb DocMorris den Mietvertrag. Und damit der Gemeinderat sich ein besseres Bild vom DocMorris-Konzept machen konnte, lud das Unternehmen das gesamte Gremium nach Holland ein. Die 20-köpfige Reisegesellschaft durfte nicht nur Technik und Logistik bestaunen, sondern auch ganz konkret die in Hüffenhardt geplante Video-Beratung testen. Nun standen Bürgermeister und Gemeinderat erst recht hinter den Plänen der Niederländer.

Dagegen wuchs anderenorts die Kritik an dem Projekt. Allen voran die baden-württembergischen Apotheker hielten und halten es für nicht umsetzbar. Die Kammer betonte, dass die Versorgung vor Ort nicht gefährdet sei – schließlich gibt es eine Rezeptsammelstelle. Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) – verfolgte DocMorris` Pläne im Ländle ebenfalls kritisch. Und auch das Regierungspräsidium äußerste bereits rechtliche Bedenken – hielt sich aber noch zurück, solange DocMorris gar keinen Genehmigungsantrag gestellt hatte. Was war auch zu erwarten? Eine Apothekenbetriebserlaubnis wollten die Versender sicher nicht – als Kapitalgesellschaft haben sie keine Chance, eine solche zu erlangen. Was dann? Eine Rezeptsammelstelle? Ein Abgabe­automat einer Versandapotheke? Ein Lagerraum?

Der September und das gesamte Jahr 2016 zogen vorüber, ohne dass viel ­geschah in Hüffenhardt. Dennoch schauten vor allem Apotheker weiterhin gebannt auf das Örtchen. Ein Fernsehbeitrag widmete sich der Situation, die Behörde bekräftigte ihre Skepsis. Kurz nach Ostern war es dann so weit – die Videoberatung öffnete ihre Türen. Doch die Freude der Niederländer war von kurzer Dauer.

Wie reagiert DocMorris?

Dass DocMorris die Schließungsverfügung akzeptiert ist nicht anzunehmen– so gut kennt man die niederländische Kapitalgesellschaft, die bereits seit dem Jahr 2001 mehr oder weniger ununterbrochen die deutschen Gerichte beschäftigt. Olaf Heinrich, CEO des Unternehmens, teilte nach Erlass der Untersagungsverfügung mit: „Mit dieser Entscheidung wird die von den Hüffenhardtern seit Langem gewünschte Arzneimittelversorgung vor Ort untersagt.“ Man wolle nun die Begründung abwarten und sich weitere Schritte vorbehalten. Heinrich weiter: „Es wäre absurd, dass ­alternative und digitale Versorgungskonzepte zum Vorteil der Pa­tienten, wie die Landesregierung sie selbst im Koalitionsvertrag für den ländlichen Raum fordert, verhindert werden. In der Konsequenz sind es die Menschen vor Ort, die nun ohne Lösung dastehen. Wir glauben weiterhin, dass man in Deutschland digitale Projekte zum Wohle aller umsetzen kann.“ |

Mehr auf DAZ.online

Die Zeit war knapp, aber DAZ-Herausgeber Peter Ditzel hat es geschafft, in Hüffenhardt vorbeizuschauen so lange die „Videoberatung“ geöffnet war. Lesen Sie seinen Kommentar „Ich war drin!“ auf DAZ.online. Sie finden ihn durch Eingabe des Webcodes J2AW9 in die Suchmaske.

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