Prisma

Strom statt Arzneimittel

Tiefe Hirnstimulation gegen schwerste Depressionen

cae | Die Tiefe Hirnstimulation (THS) wird seit den 1990er-Jahren zur Therapie von Patienten mit Parkinson-Erkrankung eingesetzt. Sie kann jedoch auch bei Patienten mit schwersten Depressionen erfolgreich sein, wie eine aktuelle Studie mit acht Patienten zeigte.

Seit etwa 15 Jahren haben Ärzte bei mittlerweile etwa 150 Patienten die THS bei schwer depressiven Patienten erprobt, indem sie ihnen Elektroden in verschiedenen Arealen des Belohnungssystems implantiert haben. Nachdem die Behandlungserfolge nur mäßig waren, scheint ein in Bonn und Freiburg wirkendes Team um den Neurochirurgen Volker Coenen, den Psychiater Thomas Schläpfer und die Psychologin Bettina Bewernick nun den richtigen Ort für die Elektroden gefunden zu haben: den superolateralen Anteil des medialen Vorderhirnbündels. Sieben von acht Patienten, die zuvor drei bis elf Jahre lang vergeblich mit elf bis 27 verschiedenen Antidepressiva behandelt worden waren, fühlten sich schon nach wenigen Tagen erheblich besser. Sie wurden eine Woche nach dem Eingriff aus der Klinik entlassen und danach bis vier Jahre lang in Abständen regelmäßig untersucht, anfangs einmal wöchentlich, dann einmal monatlich.

Bild: Bettina Bewernick
Die beiden Metalldrähte kommen von einem an der Schulter platzierten Impulsgeber und enden im linken und rechten medialen Vorderhirnbündel, wo sie zwei implantierte Elektroden mit Strom versorgen. Die grünen Farblinien zeigen die vom Strom stimulierten Nervenfasern (oben Stirn, unten Hinterkopf).

Zur Einschätzung des psychischen ­Zustands der Patienten kam die Montgomery-Asberg-Depressionsskala (MARDS) zum Einsatz. Bereits im ersten Monat fiel der MARDS-Wert im Durchschnitt von 30 auf 12 Punkte. Nach zwölf Monaten war der Effekt noch bei sechs Personen vorhanden; vier Personen galten als beschwerdefrei (MARDS-Wert < 10). Zwei Patienten brachen später die Behandlung ab; die übrigen sechs sprachen weiterhin auf die Therapie an und fühlten sich gut therapiert, wie Fremd- und Selbstbeurteilungsverfahren zeigten (u. a. Hamilton-Depressionsskala, Hamilton-Angstskala, Beck-Depressions-Inventar und Global Assessment of Functioning, GAF). Es traten keine Nebenwirkungen auf, abgesehen von Sehstörungen bei relativ starker elektrischer Stimulation.

Das Team hat bereits eine Placebo-kontrollierte Studie mit 50 Patienten beantragt. Allen Teilnehmern sollen Elektroden implantiert werden, jedoch wird in der Placebogruppe kein Strom fließen. |

Quelle

Bewernick BH, et al. Deep brain stimulation to the medial forebrain bundle for depression – long-term outcomes and a novel data analysis strategy. Brain Stimulation; Epub 9.2.2017

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