Arzneimittel und Therapie

Häufig nicht optimal antikoaguliert

Prävention von Schlaganfällen durch eine leitliniengerechte Anwendung

Bei Vorhofflimmern ist eine orale Antikoagulation indiziert, um das Schlaganfallrisiko zu senken. Eine US-amerikanische Beobachtungsstudie hat nun ergeben, dass 84% der Patienten mit Vorhofflimmern, die einen Schlaganfall erlitten hatten, nicht adäquat antikoaguliert waren.

Vorhofflimmern erhöht das Schlaganfallrisiko um das Fünffache. Dass dennoch nicht alle Patienten mit Vorhofflimmern optimal antikoaguliert sind, wurde bereits in mehreren Stu­dien festgestellt. Zum Beispiel zeigte sich in einer amerikanischen Registerstudie, dass nur die Hälfte aller Patienten, bei denen leitliniengemäß eine orale Antikoagulation indiziert wäre, diese auch erhielt.

Eine aktuelle Publikation nimmt nun Schlaganfallpatienten in den Blick: Dazu wurden 94.474 Patienten mit Vorhofflimmern, die in einem nationalen Schlaganfallregister gemeldet waren, in eine Registerstudie eingeschlossen. Von diesen Patienten hatten 91.155 einen CHA2DS2-VASc-Score (siehe Tabelle) von zwei oder mehr und somit ein hohes Schlaganfall­risiko. Nur 16,4% der Patienten waren ausreichend antikoaguliert: 7,6% erhielten Warfarin und hatten eine International Normalized Ratio (INR) im therapeutischen Bereich (zwei oder höher), 8,8% erhielten neue orale Antikoagulanzien (NOAK). 83,6% hingegen waren nicht wirksam antikoaguliert: 13,5% hatten unter Warfarin eine INR unter zwei, 39,9% bekamen einen Thrombozytenaggregationshemmer und 30,3% wurden nicht antikoaguliert. Die Gründe, warum auf eine Antikoagulation vor dem Schlaganfall verzichtet worden war, waren nicht bekannt. Allerdings sollte für die Patienten, die den Schlaganfall überlebten, erfasst werden, warum sie zum Zeitpunkt der Krankenhausentlassung keine Antikoagulation erhielten. Genannt wurden unter anderem das Blutungsrisiko, das Sturzrisiko, der terminale Zustand des Patienten oder Ablehnung durch den Patienten. In 65,5% der Fälle war allerdings auch hier der Grund nicht dokumentiert.


Tab.: DerCHA2DS2-VASc-Score zum Abschätzen des Schlaganfallrisikos
Congestive heart failure:
Symptome einer Herzinsuffizienz oder Nachweis einer reduzierten LV-EF
1
Hypertension:
Arterielle Hypertonie > 140/90 mm Hg oder antihypertensive Medikation
1
Age: Alter ≥ 75 Jahre
2
Diabetes mellitus: Nüchternzucker > 125 mg/dl (7 mmol/l) oder therapiert
1
Stroke: Schlaganfall, TIA oder sonstige Thromboembolie
2
Vascular disease: Herzinfarkt, pAVK oder aortale Plaques
1
Age: Alter 65 bis 74 Jahre
1
Sex category: weibliches Geschlecht
1

Was sagt die europäische Leitlinie?

Laut Leitlinie der European Society of Cardiology (ESC) zum Vorhofflimmern entscheidet der CHA2DS2-VASc-Score, ob ein Patient oral antikoaguliert wird. Dieser Score schätzt das Risiko für einen Schlaganfall und bezieht dabei Faktoren wie Herzinsuffizienz, Alter, Diabetes mellitus oder einen vorangegangenen Schlaganfall ein. Eine Antikoagulation ist bei Männern bei einem Score von zwei oder mehr, bei Frauen von drei oder mehr indiziert. Das Leitlinien-Update aus dem Sommer 2016 empfiehlt, die neuen oralen Antikoagulanzien einem Vitamin-K-Antagonisten vorzuziehen, solange keine Kontraindikationen bestehen. Der Einsatz von Thrombozytenaggregationshemmern wird nicht mehr empfohlen. |

Quelle

Xian Y et al. Association of Preceding Antithrombotic Treatment With Acute Ischemic Stroke Severity and In-Hospital Outcomes Among Patients With Atrial Fibrillation. Jama 2017;317(10):1057

Hsu JC et al. Oral Anticoagulant Therapy Prescription in Patients With Atrial Fibrillation Across the Spectrum of Stroke Risk: Insights From the NCDR PINNACLE Registry. JAMA Cardiol 2016;92037:1-8

Apothekerin Dr. Bettina Krieg


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