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Großer Geldbeutel, großer Erfolg in der Schule

Ganztagsschulen sorgen für mehr Gerechtigkeit

Kinder reicher Eltern haben es bei der Bildung leichter. Sie nehmen deutlich häufiger Nachhilfe in Anspruch – auch bei guten Leistungen. Ganztagsschulen tragen dazu bei, dass alle Schüler gleichermaßen gefördert werden. Und Mütter könnten häufiger einer Erwerbstätigkeit nachgehen.

Von der Öffentlichkeit kaum wahr­genommen geben Eltern seit den 1970er-Jahren mehr und mehr Geld für Nachhilfeunterricht aus. Forscher der Hans-Böckler-Stiftung schätzen, dass sich der Markt in Deutschland auf rund eine Milliarde Euro im Jahr summiert [1]. Zu ähnlichen Resultaten kamen Autoren der Bertelsmann-­Stiftung [2].

Mehr Leistungsdruck, mehr Ehrgeiz

Zur Erklärung nennen Bildungsforscher unterschiedliche Argumente, etwa die wachsende Unzufriedenheit mit dem öffentlichen Schulsystem, den gestiegenen Leistungsdruck, den wachsenden Wettbewerb um aussichtsreiche Bildungswege und nicht zuletzt den Ehrgeiz vieler Eltern. So nehmen keineswegs – wie zu früheren Zeiten – nur lernschwache Schüler externe Hilfe in Anspruch. Häufig haben die Nachhilfeschüler mittelmäßige Noten und sind nicht versetzungsgefährdet. Dazu ein Beispiel: 63 Prozent der Mathematik-Nachhilfeschüler haben eine Note von 4 bis 6. Das heißt, dass mehr als jeder Dritte die zusätz­liche Förderung bei befriedigenden oder noch besseren Leistungen in Anspruch nimmt.

Foto: contrastwerkstatt – Fotolia.com
Nachhilfeunterricht ist meistens kostenpflichtig. Reiche Eltern haben deshalb mehr Möglichkeiten, ihre Kinder zu fördern.

Bessere Chancen durch das Konto der Eltern

Experten sprechen jetzt von einer „Kommerzialisierung und Privatisierung an den Rändern der Bildungslandschaft“. Das zeigen sie anhand von ökonomischen Parametern: Lediglich 13 Prozent aller Kinder aus Familien mit weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens erhalten kostenpflichtigen Unterricht. Bei Familien mit mehr als 200 Prozent des mitt­leren Einkommens sind es dagegen 30 Prozent der Kinder.

Kommerzielle Nachhilfe bestätigt tendenziell soziale Ungleichheiten, schlussfolgern die Autoren. Sie fanden auch signifikante Unterschiede je nach der Schulform: Wer sich außerschulisch helfen lässt, besucht meist ein Gymnasium oder eine Realschule.

Um hier gegenzusteuern, empfehlen die Autoren der Hans-Böckler-Stiftung, private Angebote stärker der Genehmigung, Kontrolle und Qualitätssicherung durch öffentliche Einrichtungen zu unterstellen. Das „originär öffentliche Gut Bildung“ müsse „aus der privatwirtschaftlichen Umklammerung“ gelöst werden, damit Förderungsbedürftige unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern Unterstützung bekommen.

Mehr Förderung für Kinder, mehr erwerbstätige Mütter

Die Förderung über öffentliche Einrichtungen kommt nicht nur Kindern, sondern auch deren Eltern zugute. Werden Kinder nach der Einschulung in Ganztagsschulen oder im Hort auch am Nachmittag betreut, sind ihre Mütter deutlich häufiger und länger berufstätig als zuvor. Mehr als elf Prozent, die vor der Einschulung ihres Kindes nicht berufstätig waren, nehmen danach eine Erwerbstätigkeit auf. Mütter, die bereits zuvor einem Job nachgingen, arbeiten aufgrund der Nachmittagsbetreuung ihres Kindes wöchentlich im Schnitt gut zweieinhalb Stunden mehr. Dies geht aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hervor [3]. Basis sind Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer vom DIW durchgeführten Langzeit­studie.

„Ganztagsschulen und Horte erhöhen die Erwerbsbeteiligung von Müttern“, sagt Jan Marcus, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie des DIW Berlin [3]: „Nachdem in den vergangenen Jahren im Kita-Bereich viel getan wurde, sollten familienpolitische Maßnahmen noch stärker auf Angebote für Schulkinder zielen, damit die Erwerbs­beteiligung von Frauen weiter steigen kann – denn die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf endet nicht mit der Einschulung.“

Schlusslicht im OECD-Ranking

Zum Hintergrund: Die Erwerbs­beteiligung von Frauen mit Kindern ist bei uns im OECD-Vergleich gering. Aufgrund des Kita-Ausbaus sind zwar mehr Mütter erwerbstätig als früher, aber für Mütter mit Kindern im Grundschulalter bleibt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine große Herausforderung. Viele von ihnen würden gern länger arbeiten, können dies aufgrund fehlender Betreuungsmöglichkeiten aber häufig nicht. So gehen nur knapp 20 Prozent der Frauen mit sechs- bis achtjährigen Kindern einem Vollzeitjob nach – deutlich weniger als bei den Frauen ohne Kinder (über 50%).

Auf die Arbeitstätigkeit der Väter hat die Nachmittagsbetreuung ihrer Grundschulkinder hingegen keinen Einfluss. |

Quellen

[1] Klaus Birkelbach, Rolf Dobischat, Birte Dobischat: Außerschulische Nachhilfe. Ein prosperierender Bildungsmarkt im Spannungsfeld zwischen kommerziellen und öffentlichen Interessen. Hans-Böckler-Stiftung, Study Nr. 348, Februar 2017; www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_348.pdf

[2] Klaus Klemm, Nicole Hollenbach-Biele: Nachhilfeunterricht in Deutschland: Ausmaß – Wirkung – Kosten. Studie der Bertelsmann-Stiftung; http://bit.ly/1RN03Mn

[3] Erwerbstätigkeit von Müttern mit Grundschulkindern. DIW Wochenbericht 47/2016; http://bit.ly/2nLDR8Y


Michael van den Heuvel


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