Gesundheitspolitik

Der Apotheken-Ökonom : Aus den Fugen – Deutschland vor der Wahl

Andreas Kaapke 

Vor gut einem Jahr hieß der Ministerpräsident von Italien noch Renzi, der französische Präsident Hollande, in Großbritannien regierte Cameron und in den USA deutete alles auf eine Ablösung von Obama durch Clinton hin. In Italien regiert nun ein weitgehend unbekannter Mann, in London muss man fürchten, dass May längste Zeit Premierministerin war, und in den USA ist mit Trump ein unberechenbarer Mann Präsident geworden. Nur in Frankreich scheint mit Macron ein Schwergewicht das Heft des Handelns übernommen zu haben.

Aber auch innenpolitisch muss man erkennen, dass Stabilitäten verloren gehen und das Ungewisse die Übermacht zu gewinnen scheint. Nach Sigmar Gabriel steuert nun Martin Schulz die SPD, erst mit 100% Zustimmung, dann mit dramatischen Abstürzen in den Sympathiewerten. Wie die AfD mit dem eigenen politischen Spitzenpersonal umgeht, lässt Rückschlüsse auf ihre innere Kultur zu: Nachdem der erste Protagonist Bernd Lucke vom Hof gejagt wurde, steht nun die einstmalige Jägerin Frauke Petry selbst im Abseits. Und der Lindner-Boom bei der FDP erinnert an den Westerwelle-Hype, der dann in einem jähen Rückgang der Zustimmungswerte endete.

Die terroristischen Anschläge allein in den letzten zwölf Monaten, das Hamburg-Desaster usw. zeigen uns unsere Hilflosigkeit. In der BWL nennt man derlei Zustände – so sie noch nicht zu einem Risiko oder gar zu einer Krise mutiert sind – Diskontinuitäten. Zu deren Management müssen die politisch Verantwortlichen Nervenstärke, Anpassungsfähigkeit, aber auch rasches und entschlossenes Handeln auf der Grundlage von Werten und ehernen Prinzipien zeigen.

All diese Veränderungen münden in der Feststellung, dass Politik schwieriger wird, aber auch unberechenbarer. Wenn Reflexe und Übersprungshandlungen das Programmatische ablösen, sind Partei-, Wahl- oder auch Regierungsprogramme schnell Makulatur. Die Macht des Faktischen bedingt dann für politisch Handelnde urplötzlich und kaum absehbar die Abkehr von bisher Gesagtem. Das macht das Wählen schwerer. Denn dann muss dem Kandidaten oder der Partei die Stimme ge­geben werden, dem/der man am ehesten den Instinkt zutraut, das dann Richtige zu sehen und umzusetzen.

Nun sind bei uns im September Wahlen. Folgen die Deutschen dem Trend zu dramatischen Veränderungen? Schaut man auf England mit einem Brexit, von dem man sich nicht sicher sein kann, dass ihn wirklich mehr als die Hälfte der Bürger wollten, und nach Frankreich, in dem das politische Establishment mit einer (bzw. zwei) Wahlen pulverisiert wurde, scheint alles denkbar.

So groß offensichtlich die Sehnsucht nach Veränderung bei den Bürgern war und ist, so sehr sehnt man sich in der Bevölkerung auch, Bewährtes fortsetzen zu können. Die drei Landtagswahlen 2017 haben dies bis zu einem gewissen Grad verdeutlicht.

In den Wahlprogrammen der Parteien tauchen Apotheken eher am Rande auf. Die Union fordert ein Verbot des Rx-Versands, die Linke eine weitmöglichste Begrenzung des Arzneimittel-Versandhandels. Die FDP will zwar die inhabergeführte Apotheke stärken, lehnt aber das Rx-Versandverbot und das Fremdbesitzverbot (!) ab. Bei der SPD findet sich zu den Apotheken nur ein nichtssagender Satz, Grüne und AfD erwähnen sie gar nicht.

Auch kurz vor den Wahlen vermag man zu deren Ausgang kaum eine verlässliche Prognose abzugeben, zu volatil sind Stimmungen beim Wähler und zu ungewiss ist die Wahlbeteiligung. Parallel dazu sind die Standesvertretungen ­dazu aufgerufen, selbst ein Programm parat zu haben, was man schnellstmöglich in den politischen Diskurs nach den Wahlen einbringen will. Die Besetzung des Ressorts Gesundheit wird davon abhängen, wie viele Parteien zur Regierungsbildung benötigt werden und wie sich innerhalb einer Koalition die Machtverhältnisse widerspiegeln. Es ist kein großes Ressort, aber auch kein kleines. Es dient nur bedingt zur Profilierung, bisweilen wirkt es aber als Sprungbrett für höhere Aufgaben. Es ist ein Malocherressort und weniger für Schaumschläger geeignet. Hermann Gröhe hat es gut ausgefüllt, ob es ihm neuerlich zugeteilt wird, bleibt abzuwarten – für die Apotheker wäre es wohl eine gute Lösung. Aber in Zeiten der Diskontinuität scheint selbst diese Personalie aus den ­Fugen zu geraten. |

Andreas Kaapke ist Professor für Handelsmanagement und Handelsmarketing an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Standort Stuttgart, und Inhaber des Beratungsunternehmens Prof. Kaapke Projekte. E-Mail: a.kaapke@kaapke-projekte.de

0 Kommentare

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.