Gesundheitspolitik

Ministerin Zypries zu Besuch bei DocMorris

Schon 2014 sponserte der Versender einen Vortrag der Bundeswirtschaftsministerin

BERLIN (az) | Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) hat vergangene Woche für Unverständnis bei vielen deutschen Apothekern gesorgt: Am 31. Juli besuchte sie die niederländische Versandapotheke DocMorris.

Den Anstoß gab das Eckpunktepapier zur Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft, welches das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) im Mai 2017 veröffentlicht hat. ­Zypries habe sich „im deutsch-­niederländischen Business-Park Avantis der Städte Aachen und Heerlen über die Strukturen, Abläufe und digitalen Lösungen von Europas größter Versandapotheke“ informieren wollen, verkündete DocMorris. Die Versorgungsideen und Vorgehensweisen der Versender kamen bei Zypries offenbar gut an. Eine Pressesprecherin ihres Hauses erklärte im Anschluss: „Das Unternehmen geht mit seinem Geschäftsmodell mit der Zeit: Die Digitalisierung kann und wird auch im Gesundheitsbereich durch Innovationen großen Nutzen für Patienten, Kunden und Unternehmen gleichermaßen stiften.“

Das Verhältnis zwischen Zypries und den Apothekern war in letzter Zeit angespannt. So widersprach ihr Haus dem von Gesundheitsminister Hermann Gröhe vorgelegten Gesetzentwurf für ein Rx-Versandverbot als Reaktion auf das EuGH-Urteil zur Preisbindung. Das BMWi hatte damals in der Ressortabstimmung erklärt, es sehe „erhebliche verfassungsrechtliche und europarechtliche Schwächen“. Zudem sei eine Bedrohung der flächendeckenden Versorgung „nicht erkennbar“ und durch den Versandverbot-Entwurf auch nicht nachvollziehbar belegt worden.

Foto: DocMorris 2017, Tobias Zeit
Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (Mitte) beim Besuch von ­DocMorris in den Niederlanden.

Ministerin begutachtet Live-Chat und Rezeptur

Dass sie den Sorgen der deutschen Apotheken nicht allzu viel Bedeutung schenkt, zeigt nun auch der Besuch der Ministerin in Heerlen. Vor Ort hat sich Zypries die Rezeptur angeschaut und sich über den Video-Beratungsservice „Live-Chat von DocMorris“ informiert. Die Niederländer bezeichnen letzteren Service als „Vorreiter der digitalisierten Beratung in der Telepharmazie in Deutschland“. Der Apotheker könne etwa per Tablet-PC Beipackzettel einblenden sowie bei erklärungsbedürftigen Arzneimitteln oder Geräten Filme ab­spielen und die Funktion am 3D-Modell demonstrieren. Ferner soll sich Zypries über das Medikationsmanagement informiert haben.

Zypries erläuterte den Hintergrund ihres Besuchs folgendermaßen: „Die fortschreitende Digitalisierung im Gesundheitswesen bietet uns die Chance, gerade in ländlichen Regionen die medizinische und pharmazeutische Versorgung der Bevölkerung zu verbessern und zu erleichtern. Unser Ziel muss es daher sein, Hemmnisse weiter abzubauen und Innovationen mehr Luft zum Atmen zu geben, um die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft voranzutreiben.“ Via Twitter bedankten sich beide Seiten anschließend gegenseitig beieinander.

Eine BMWi-Sprecherin bekräftigte auf Nachfrage von DAZ.online, dass es sich bei DocMorris um ein in Sachen Digitalisierung „sehr interessantes Unternehmen“ handele. Zudem sei es „ganz selbstverständlich“, dass auch ausländische Firmen besucht werden. DocMorris sei in Deutschland aktiv, doch es gehe auch darum, über das einzelne Unternehmen hinaus, „umfassend informiert zu sein“. Zur Frage, ob Zypries auch hierzulande einen Apothekenbesuch plane, hieß es: „Die Ministerin ist in regelmäßigem Austausch mit den Betreibern von Vor-Ort-Apothekern und den sie vertretenden Verbänden. Der Besuch einer Vor-Ort-Apotheke durch die Ministerin ist derzeit nicht konkret geplant, aber möglich.“

Die Verbindung zwischen Zypries und DocMorris hat Geschichte. Schon 2014 sponserte der Versender einen Zypries-Vortrag mit 4000 Euro. Dieser Vortrag war Teil eines Gesprächszyklus der SPD-Parteizeitung „Vorwärts“, mit dem die SPD-Agentur NWMD Network Media GmbH Lobbyisten und Unternehmen Gespräche mit sozialdemokratischen Spitzenpolitikern vermittelte – gegen als „Sponsoring“ bezeichnete Beträge in Höhe von 3000 bis 10.000 Euro. Das Thema des Vortrags von Zypries, die damals noch Staatssekretärin war, lautete: „Datenschutz und Digitalisierung im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftsinteressen und Demografie.“ Aufgedeckt wurde das dubiose Sponsoring-Veranstaltungskonstrukt seinerzeit vom ZDF-Magazin Frontal21. Die Vorwärts-Gespräche wurden später beendet, die NWMD abgewickelt. Von DAZ.online auf ihren DocMorris-Vortrag angesprochen, ließ Zypries über ihre Sprecherin mitteilen, dass sie Wert auf die Feststellung lege, hierfür „wie üblich“ kein Honorar entgegengenommen zu haben. Tatsächlich hatte seinerzeit die NWMD-Agentur die Organisation der Gespräche durchgeführt und auch finanziell abgewickelt. |


Lesen Sie hierzu auch den Kommentar "Digital vor Ort" von Dr. Thomas Müller-Bohn in dieser Ausgabe der AZ.

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