Gesundheitspolitik

2017 - ein Jahr der Weichenstellung

AZ-Ausblick: Was IFH, Treuhand Hannover, Phagro und die apoBank im neuen Jahr erwarten

Dr. Markus Preißner, wissenschaftlicher Leiter am Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu Rx-Preisen und -Boni ausländischer Versandapotheken lässt viele Apotheker skeptisch in die Zukunft blicken. Der Anteil negativer Geschäftserwartungen ist gemäß dem Apothekenkonjunkturindex – APOkix des IFH Köln zum Jahresende auf über sechzig Prozent gestiegen. Positiv blickt kaum jeder Zehnte in die Zukunft. Ein alarmierendes Signal.

Foto: IFH Köln
Dr. Markus Preißner

Alarmierend ist der Anstieg der negativen Geschäftserwartungen vor allem, weil das Geschäfts­modell der Offizinapotheke damit vielerorts auf dem Prüfstand steht und so auch die flächendeckende Arzneimittelversorgung. Alarmierend ist das Signal auch mit Blick auf bestehende und sich abzeichnende Nachfolge- und Nachwuchsprobleme innerhalb des Berufsstandes. Alarmierend ist aber auch, dass sich keine einfachen und schnellen Lösungen abzeichnen, das EuGH-Urteil vielmehr einen weiteren von vielen Nadelstichen für die Apothekenrentabilität und das flächendeckende Arzneimittelversorgungssystem darstellt. Ein monokausaler Wirkungszusammenhang zwischen EuGH-Urteil und Geschäftserwartungen der Apotheken ist jedenfalls nicht auszumachen. Ein mögliches Versandhandelsverbot für Rx-Arzneimittel würde Linderung verschaffen, nicht aber Heilung bescheren.

Wichtig ist für 2017 deshalb vor allem, dass sich Apotheker und Apothekerinnen und ihre Standesvertretungen als Einheit präsentieren und sich gemeinschaftlich für ihre gemeinsamen Ziele einsetzen. Im Sinne des Versorgungsauftrages sind dabei als übergeordnete Ziele neben der Wirtschaftlichkeit der Arznei­mittelversorgung vor allem die Versorgungs- und Arzneimittelsicherheit sowie die Versorgungsqualität in den Mittelpunkt zu rücken. Alle beteiligten Stakeholder, neben Apotheken also vor allem auch Politik, Krankenkassen und Bürger, sind dabei in die Diskussion einzubeziehen. Die Apothekenrentabilität stellt dabei einen wichtigen Parameter dar, denn nur wirtschaftlich gesunde Apotheken können die ihnen obliegenden Aufgaben auf Dauer erbringen.

Es wäre zu wünschen, dass wir Ende 2017 vermelden können, in dieser Sache ein gutes Stück vorangekommen zu sein. Also sollten zeitnah (Teil-)Ziele so konkret wie möglich formuliert und gemeinschaftlich verabschiedet werden. Gleiches gilt im Hinblick auf den Status quo der Zielerreichung sowie die Entwicklung der Rahmenbedingungen der Apothekenführung auf regionaler Ebene (z. B. demografische Entwicklungen).


Ulrich Sommer, designierter Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank)

  • Weniger Regulierung und mehr Gestaltungsfreiraum für Heilberufler

In Anbetracht der vielen bereits in Kraft getretenen Gesetze und der weiteren geplanten Gesetzesvorhaben beobachten wir mit gewisser Sorge, dass die Gesundheitspolitik mit ihrer massiven Regulierung die Selbstverwaltung der Heilberufler zunehmend einschränkt. Wünschenswert ist es daher, dass die Rahmenbedingungen einen Freiraum widerspiegeln, in dem Heilberufler ihr Umfeld mitgestalten und zum Wohle der Patienten arbeiten ­können, und gerade nicht jeden einzelnen Arbeitsschritt vorgeben, wie beispielsweise beim ­Medikationsplan.

Foto: apobank
Ulrich Sommer
  • Als lokaler Gesundheitsmanager gefordert

Bedingt durch das wettbewerbs­intensive Umfeld gehen wir für 2017 davon aus, dass sich die Apothekendichte weiter ausdünnen wird. Hinzu kommt: Auch wenn Kooperationen und Verbundapotheken durch Skalen­effekte im Einkauf weiterhin gestärkt werden, werden Versandhandel, Discounter und Drogeriefachmärkte den Preiswettbewerb insbesondere bei freiverkäuf­lichen Arzneimitteln und dem apothekenüblichen Ergänzungssortiment forcieren. Entscheidend wird demnach sein, wie die Apotheke ihre heilberufliche Kompetenz den Patienten übermittelt und von diesen als lokaler Gesundheitsmanager wahrgenommen wird.

  • Veränderungen führen zu hohem Beratungsbedarf

Im Zuge der veränderten Anforderungen an den Apotheker sowie des strukturellen Wandels er­warten wir 2017 einen hohen Beratungsbedarf unserer Kunden – auch jenseits der Finanzierungsfragen. Als Bank, die sich auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert hat, sehen wir es als unsere Aufgabe, die Heilberufler in den gesellschaftlichen und technologischen Veränderungsprozessen zu begleiten.


Dr. Frank Diener, Generalbevollmächtigter der Treuhand Hannover GmbH Steuerbe­ratungs­gesellschaft

Vor dem 19. Oktober 2016 hätten wir auf die Frage, wie 2017 wird, wohl geantwortet, dass es ein Jahr mit einer Fortsetzung der langjährigen Trends werden wird. Also: Im Durchschnitt steigende Umsätze bei stagnierenden Rohgewinnen, wobei sich ein Fünftel der Betriebe im betriebswirtschaftlich kritischen Bereich befindet und von der durchschnitt­lichen Marktentwicklung abgekoppelt ist. Die Zahl der Betriebsstätten schrumpft wie in den Vorjahren um rund 200. Die Personalbeschaffungsprobleme nehmen zu, der Personalbedarf auch. Das Arzneimittelversorgungs­stärkungsgesetz bringt moderate Honorarverbesserungen bei Rezepturen und der BtM-Gebühr, sodass die Unterdeckung der zugehörigen Kosten geringer, aber nicht beseitigt wird. Und die ersten Krankenhausentlassrezepte, die mit der N1-Packung beliefert und zulasten der GKV abgerechnet werden können, werden frühestens im Herbst 2017 in den ­Offizinen ankommen.

Foto: Treuhand Hannover GmbH
Dr. Frank Diener

Jetzt, nach dem EuGH-Urteil, fällt unsere Antwort anders aus: 2017 wird pharmapolitisch ein Jahr der Weichenstellung. Wie wird die Große Koalition mit den Rx-Boni umgehen? Die Union will ein Rx-Versandverbot – damit würden Rx-Boni vollständig entfallen. Die SPD will mit Änderungen in § 129 SGB V Vorgaben machen, wie in der GKV-Versorgung mit den Rx-Boni umgegangen wird – die Ideen reichen von einem Verbot über eine Begrenzung bis hin zu einer Umlenkung der Rx-Boni auf die GKV.

Zum Jahresbeginn ist noch nicht klar, ob die GroKo sich für eine kausale oder eine symptomatische Therapie entscheidet oder ob sie gar nichts unternimmt. Die kurzfristigen Effekte der Alternativen werden noch ähnlich sein, doch längerfristig divergieren sie. Warten wir’s ab. Jetzt ist die Politik am Zuge.


Dr. Thomas Trümper, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands des pharmazeutischen Großhandels e. V. Phagro

Im Jahre 2017 ist Bundestagswahl, und in solchen Jahren ist es im Allgemeinen schwer, Themen voranzutreiben, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Und da haben wir es im pharmazeutischen Großhandel besonders schwer. Unbemerkt vom Verbraucher zwischen Pharmaindustrie und Apotheke klopfen uns alle auf die Schulter für unsere tadellose Leistung, erklären uns für unverzichtbar, bedauern aber zutiefst, dass man im Augenblick nichts für uns tun könne.

Foto: Phagro
Dr. Thomas Trümper

Die exponentielle Zunahme von Hochpreisprodukten, die unsere Marge deutlich unter 5 Prozent drückt, die Zunahme von BtM-­Artikeln, Kühl- und Kühlkettenartikeln, die einen erheblich höheren Handlingsaufwand erfordern, sind alles keine Themen, mit denen man in der Öffentlichkeit für eine gerechte Bezahlung werben kann. Ja selbst in Fachkreisen werden ökonomische ­Zusammenhänge nicht erkannt, denn wie anders könnte es sein, dass der BVDAK Skonti von 2 bis 3 Prozent fordert, zusätzlich zu Rabatten natürlich, wenn die gesamte Marge aktuell nur bei 4,4 Prozent liegt.

Unser Ziel wird es also sein, auch im Jahre 2017 weiterhin unsere Sachargumente vorzutragen in der Hoffnung, den einen oder anderen damit zu erreichen. Unterstützung dabei erhoffen wir uns von den Partnerverbänden.

Drei Themen stehen in der Branche und auch bei uns im Vordergrund. Das ist die viel diskutierte Nicht-Lieferbarkeit von wichtigen Arzneimitteln. Hier sind wir mit unserer Leistung direkt angesprochen und hier werden wir aktiv dazu beitragen, Licht ins Dunkel zu bekommen, denn ganz so trivial, wie manche Akteure dies sehen wollen, ist das Thema nicht. Dann verfolgen wir natürlich sehr interessiert den Versandhandel von rezeptpflichtigen Arzneimitteln und unterstützen mit voller Kraft die Initiative unseres Bundesgesundheitsministers, denn auch aus unserer Sicht gibt es noch weitere Argumente, die den Versand über den Kurierweg bedenklich erscheinen lassen. Das dritte Thema berührt uns selbst, das ist eine für unsere Leistung auskömmliche Marge.

Hoffen wir auf ein Wahljahr mit viel Sachlichkeit! |

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