Prisma

Multiresistente Keime

Wächst die Gefahr oder nimmt sie ab?

cae | Seit Jahren warnen Wissenschaftler vor multiresistenten Krankheitserregern, weil zu wenig innovative Arzneistoffe entwickelt werden. Die pharmazeutische Industrie zeigte sich davon recht unbeeindruckt, weil sie die Entwicklung von Resistenzen nicht als dramatisch und die Marktchancen für neue Antibiotika als eher gering einschätzte. Eine aktuelle Analyse gibt der Industrie Recht.

Szenario aus gesundheits­ökonomischer Sicht

Im Juli 2014 beauftragte der damalige britische Premierminister David Cameron den Ökonom Jim O’Neill, die zunehmende Resistenz von Krankheitserregern weltweit zu analysieren und Vorschläge zur Lösung des Problems zu erarbeiten. Gestützt auf namhafte Arbeitsgruppen in aller Welt legte er Ende 2014 die Analyse mit ersten Empfehlungen und im Mai 2016 den Abschlussbericht vor. Zusammen mit diesem Bericht wurden auch Übersetzungen der Zusammenfassung ins Arabische, Chinesische, Französische, Japanische, Portugiesische und Spanische veröffentlicht, was ihm zusätz­liche Aufmerksamkeit sicherte.

Ausgehend von aktuellen Daten – jährlich weltweit 700.000 Tote wegen antimikrobieller Resistenzen (AMR), davon 50.000 in Europa und den USA – hatte O’Neill vorausgesagt, dass im Jahr 2050 weltweit zehn Millionen Menschen wegen AMR sterben werden, falls keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergriffen werden (davon 4,7 Mio. in Asien, 4,2 Mio. in Afrika, 390.000 in Europa, 317.000 in Nordamerika). Zum Vergleich: Ebenfalls laut dieser Prognose sterben im Jahr 2050 „nur“ 8,2 Millionen Menschen an Krebs, 1,5 Millionen an Diabetes und 1,2 Millionen an Verkehrsunfällen. In ökonomischer Hinsicht verursachen die AMR-Toten eine kontinuierlich größer werdende Minderung der globalen Wirtschaftsleistung: 0,5% im Jahr 2020, 1,4% im Jahr 2030 und – je nach Szenario – 2 bis 3,5% im Jahr 2050. Bis 2050 soll sich die kumulierte Schadenssumme auf 60 bis 100 Billionen (engl. „trillion“) US-Dollar belaufen. Trotz der relativ geringen Sterblichkeit in den OECD-Staaten entfällt auf sie ein Drittel dieses Betrags (20 bis 35 Billionen $), weil bei ihnen die Produktivität je Person größer ist.

Den AMR-Schaden setzt O‘Neill zum ökonomischen Nutzen verschiedener medizinischer Behandlungen in Beziehung (Szenario 2050), u. a. Kaiserschnittgeburten 2,0%, Chemotherapien von Krebs 0,75%, Einsetzen von Gelenkprothesen 0,65%, Organtransplantationen 0,1%. In der Summe kommt er auf knapp vier Prozent, was bedeutet, dass der AMR-Schaden – je nach Szenario – die Hälfte bis 80% des Nutzens der gesamten Medizin zunichtemachen wird.

Grafik: Dr_Kateryna – Fotolia.com
Zu den gefürchteten Antibiotika-resistenten Bakterien gehören Bazillen wie E. coli, Clostridium difficile und Klebsiella pneumoniae ebenso wie Kokken, z. B. Staphylococcus aureus.

Resistenzentwicklungen sind keine Einbahnstraße

Nun haben Infektiologen der Univer­sität Genf die Studie von O’Neill zerpflückt und Fehler in seiner Argumentationskette gefunden. Es beginnt mit einer unpräzisen Verwendung der Begriffe Mikroben und AMR, die sich teils auf Bakterien beschränken, teils auch eukaryontische Einzeller wie Plasmodien und sogar Viren um­fassen.

Als Nächstes kritisieren sie die Schätzung der aktuellen AMR-Toten als viel zu hoch, weil die von O’Neill zugrunde gelegten Daten von großen Krankenhäusern nicht repräsentativ für die Gesamtmortalität der Bevölkerung sind – und erst recht nicht für die Bewohner anderer Kontinente: Die Zahl von derzeit 700.000 AMR-Toten jährlich sei viel zu hoch.

Zudem hat O’Neill das typische Alter der AMR-Opfer zu wenig berücksichtigt: Meistens handelt es sich um sehr alte, multimorbide Personen, die nicht mehr im Erwerbsleben stehen.

Schließlich kritisiert das Genfer Team die Einschätzung von O‘Neill, dass sich die Resistenzraten der gefährlichsten „Mikroben“ verfünffachen und die Infektionsraten verdoppeln werden. Im Gegenteil: Da sich die Hygienestandards verbessern und Antibiotika verantwortungsvoller eingesetzt werden, dürften die AMR-Fälle eher abnehmen als zunehmen; denn wie Bakterien eine Resistenz erwerben, verlieren sie sie auch wieder, wenn sie in vielen Generationszyklen nicht gebraucht wird. Zudem halten die Genfer es für unwahrscheinlich, dass selbst unter den gegebenen, relativ ungünstigen Rahmenbedingungen bis 2050 überhaupt keine innovativen Antibiotika auf den Markt kommen.

Marlieke de Kramer, die Erstautorin der Publikation, hat sich über viel Zustimmung von vielen Seiten gefreut. Aber es wäre dennoch erstaunlich, wenn die Warner vor einer AMR-Katastrophe nicht bald zum Gegenschlag ausholen würden. |

Quellen

O’Neill J, et al. Review on Antimicrobial Resistance – Tackling Drug-Resistant Infections Globally, 2014/2016; https://amr-review.org

de Kraker MEA, et al. Will 10 Million People Die a Year due to Antimicrobial Resistance by 2050? PLoS Med 2016;13(11):e1002184

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