Aus den Ländern

Kostbarkeiten der Pharmakognosie

2. Pharmaziehistorisches Forum Schweiz

„Drogen und Bücher als Schätze des pharmazeutischen Wissens“ standen im Mittelpunkt des 2. Pharmaziehistorischen Forums Schweiz, das unter großer internationaler ­Beteiligung am 26. November im ­Institut für Medizingeschichte der Universität Bern stattfand.

Historische Quellen und ihre Erschließung

Antiquar Daniel Thierstein berichtete über den Wandel vom Präsenzgeschäft mit Katalogen hin zu neuen Optionen durch das Internet. Globalisierung und Digitalisierung verändern den Umgang mit dem Buch als Wissens­träger, was laut Thierstein auch als Chance aufgefasst werden kann.

Über die E-Codices der virtuellen Handschriftenbibliothek der Schweiz referierte Prof. Dr. Christoph Flüeler, Universität Freiburg/CH. In dieser ­virtuellen Bibliothek wurden bislang über 1600 Handschriften ediert, darunter auch solche mit medizinischem Inhalt. Dabei gibt es Kooperationen mit Forschungsprojekten, durch die beide Seiten profitieren.

Foto: Pharmakognostische Sammlung der Universität Bern
Manila-Copal, das getrocknete Harz der in den Philippinen heimischen Dammartanne (Agathis dammara).

Dr. Beat Bächi vom Berner Institut für Medizingeschichte gab einen Überblick über die Nutzung psychotroper Substanzen und die Genese der Ethnomykologie. Neben die bei der indigenen Bevölkerung Iberoamerikas gebräuchlichen Rauschpilze (Peyote u. a.) traten im 20. Jahrhundert – nicht zuletzt durch die Forschungen von Albert Hofmann (1906 – 2008) – Mutterkornalkaloide, die durch Impfung von Roggen mit Claviceps purpurea in größerem Maßstab gewonnen wurden.

Den Apotheker und Pharmakognosieprofessor an der ETH Zürich, Carl Hartwich (1851 – 1917), stellte Dr. Barbara Brauckmann vor. Hartwich erforschte die Geschichte des Opiums von der Gewinnung und Verwendung in Altertum und Mittelalter bis zum Opiumhandel und den Opiumkriegen der Neuzeit; ein Schwerpunkt dabei war der Missbrauch im jeweiligen ­soziokulturellen Kontext.

Foto: Historische Bibliothek der Schweizer Pharmazie
Frontispiz des Florentiner Rezeptariums von 1567.

Potenzial für moderne Phytopharmaka

Prof. Dr. Sabine Anagnostou, Marburg, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, erläuterte, wie die Pharmakognosie aus dem akademischen Lehrfach der Materia medica hervorging und sich im 19. Jahrhundert als eigenständiger akademischer Wissenschaftszweig etablierte. Bedeutende Pharmakognosten wie Friedrich August Flückiger (1828 – 1894) und Alexander Tschirch (1856 – 1939) verstanden die Pflanzen und deren Drogen als komplexe und multipotente Wirkstoffsysteme. Nachdem dieser Ansatz durch die Fokussierung der Pharmazie auf Monosubstanzen verdrängt worden war, gewinnt die Auffassung von Pflanzen als pleiotropen Wirkungsträgern seit einigen Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung. Anagnostou sieht hier ein großes Potenzial für die Therapie.

Dr. Anthony Booker, London, zeigte die Bedeutung der Wertschöpfungsketten in der Ethnobotanik und Arzneipflanzenforschung auf. Trotz strenger Qualitätsparameter für Phyto­pharmaka liegen die Gewinnung und Aufbereitung von Drogen bei den Primärproduzenten zum Teil im Dunkeln. So kann es zu variablen phytochemischen Zusammensetzungen und somit auch schwankenden Wirksamkeiten kommen. Standards und Kontrollen bei der Primärproduktion könnten die Qualität der Phytopharmaka verbessern.

Prof. Dr. François Ledermann führte die Teilnehmer durch die von ihm betreute Pharmakognostische Sammlung der Universität Bern und die ­Historische Bibliothek der Schweizer Pharmazie. Ihm und den anderen Organisatoren (Prof. Dr. Anagnostou, Dr. Brauckmann und Dr. Barbara Frei Haller) sowie den großzügigen Sponsoren aus der Wirtschaft gilt ein herzlicher Dank. Das 3. Pharmazie­historische Forum Schweiz wird 2017 auf dem Wasserschloss Hallwyl im Aargau stattfinden. |

Frederik Vongehr/cae

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