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Das Ende einer Ära

Noweda-Chef Hollmann verabschiedet sich mit guten Zahlen, sein Nachfolger poltert gegen Kassen

ESSEN (wes) | Nach vierzig Jahren im Unternehmen wird Noweda-Vorstandschef Wilfried Hollmann am Jahresende in Ruhestand treten. Zum letzten Mal erstattete er am Samstag den Mitgliedern „seiner“ Genossenschaft auf der Generalversammlung Bericht. Er hatte gute Nachrichten: Die Noweda wächst und ist wirtschaftlich erfolgreich. Die Mitglieder beschlossen hohe Dividenden und eine neue Satzung – Hollmans Nachfolger wetterte derweil gegen die Krankenkassen.

Die Generalversammlung der Noweda am Samstag in Essen begann und endete mit einer Ehrung. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt nutzte sein Grußwort zur Eröffnung der Veranstaltung dazu, dem langjährigen Noweda-Chef Hollmann die „Ehren­nadel der deutschen Apothekerinnen und Apotheker“ zu verleihen. Schmidt dankte Hollmann für seinen unermüdlichen Kampf für die Belange der Apotheker und die inhabergeführte Apotheke. Am Ende der Versammlung ­bekam Hollmann dann die „Günther-Büsch-Ehrengabe der Noweda“ und minutenlange, stehende Ovationen.

Foto: Noweda
Günther-Büsch-Ehrengabe Im Rahmen der Noweda-Generalversammlung wurde dem scheidenden Vorstandsvorsitzenden Wilfried Hollmann die Günther-Büsch-­Ehrengabe von seinem designierten Nachfolger Michael P. Kuck (li.) und Noweda-­Aufsichtsratschef Dr. Matthias Lempka (re.) überreicht.

Kampagne gegen EuGH-Urteil

Dazwischen hatte Hollmann mit seinem letzten Bericht als Vorstandsvorsitzender Abschied genommen. Das EuGH-Urteil zur grenzüberschreitenden Arzneimittelpreisbindung verurteilte er in der von ihm gewohnten offenen und klaren Art: Die Entscheidung sei hanebüchen und schreie zum Himmel. Sie sei von nicht zu überbietender ­Arroganz der Richter gekennzeichnet, die politisch Gewolltes juristisch kassiert hätten. Hollmann forderte, den Versand auf nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel zu beschränken, „auch und unbedingt, um die ­gesetzgeberische Hoheit über den deutschen Apothekenmarkt wieder zu erreichen“.

Sein designierter Nachfolger Michael P. Kuck kündigte eine Kampagne unter dem Slogan „Sofort vor Ort“ an. Noweda-Mitgliedern sollen in nächster Zeit Poster mit aussagekräftigen Slogans zur Verfügung gestellt werden. „Wir werden zeigen, was die Präsenzapotheke für die Menschen in ihrer Nachbarschaft tut und was die Defizite der vom EuGH so gepäppelten Versender sind“, so Kuck. Die Noweda habe bereits alle Bundestagsabgeordneten und Landesgesundheitsminister angeschrieben, um sie vom Wert der Apotheke vor Ort zu überzeugen. Als nächstes werde man fast 700 Bürgermeister anschreiben, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Kuck schlug den Apothekern vor, genau zu beobachten, welche Marktpartner intensiv mit Versandapotheken aus dem Ausland zusammenarbeiten – und entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Die deutschen Apotheker hätten eine große Macht, welche Produkte wie viel Aufmerksamkeit bekommen. „Sie entscheiden über Erfolg oder Misserfolg dieser Artikel“, erklärte Kuck. Er versprach in diesem Zusammenhang, dass die Noweda auch weiterhin keine ausländischen Versandapotheken beliefern werde.

Gegenwärtig prüfe die Noweda außerdem, welche Möglichkeiten es gibt, rechtlich gegen ausländische Versandapotheken vorzugehen. Für Kuck liegt beispielsweise der Verdacht nahe, dass diese Versender mit nicht kostendeckenden Angeboten versuchen, bestehende Strukturen zu zerstören, um anschließend ungestört verdienen zu können. Das aber, so Kuck, „ist nicht nur unfairer Wettbewerb, das ist verboten!“ Als Indiz für seinen Vorwurf nennt Kuck den Umstand, dass beispielsweise DocMorris und Zur Rose im ersten Halbjahr 2016 nicht einen einzigen Euro Gewinn gemacht hätten. „Versandapotheken verbrennen Geld“, so Kuck.

Gute Geschäftszahlen, stabile Dividende

Erfreuliches konnte Hollmann zu den Ergebnissen des am 30. Juni abgelaufenen Geschäftsjahrs 2015/16 vermelden. Die Zahl der Noweda-Mitglieder ist erneut gestiegen, der Umsatz ebenfalls – und wiederum über dem Markt (für Geschäftszahlen s. Tab.). Während der Noweda-Umsatz insgesamt um 6 und in Deutschland immer noch um 4,15 Prozent zulegte, wuchs der Umsatz aller Pharmagroßhändler im weiterhin heftig umkämpften deutschen Markt nur um 2,4 Prozent. Auch die Zahl der Niederlassungen wurde weiter gesteigert, nach der Eröffnung in Böblingen bei Stuttgart betreibt die Noweda nun 17 Betriebsstätten in Deutschland. Deren Zahl wird im nächsten Jahr wohl weiter wachsen: Wenn das Kartellamt der Übernahme des bisher privaten Großhändlers Ebert & Jacobi zustimmt, hat die Noweda auf einen Schlag vier neue Niederlassungen im Süden Deutschlands.

Geschäftszahlen der Noweda:
2015/16
2014/15
Veränderung
Umsatz
5,577 Mrd. Euro
5,262 Mrd. Euro
+ 6%
Betriebsergebnis
61,9 Mio. Euro
57,0 Mio. Euro
+ 8,5%
Mitglieder
8793
8747
+ 0,5%
Dividende Grundanteile
11%
11%
± 0%
Dividende freiwillige Anteile
13,2%
13,2%
± 0%
Niederlassungen (in Deutschland)
17
16
+ 6,3%

Satzung geändert

Die Auslandsaktivitäten der Noweda, die in Luxemburg und der Schweiz an Pharmagroßhandlungen beteiligt ist, machte einige Änderungen in der Satzung notwendig. Bei dieser Gelegenheit wurden auch Regelungen verschärft, die das „Abfischen von Dividenden“ erschweren sollen. Das „Ausnutzen“ der Genossenschaft durch Mitglieder, die gar nicht bei der Noweda bestellen, könne nicht hingenommen werden, so Aufsichtsratschef Dr. Matthias Lempka. Zukünftig endet eine Mitgliedschaft automatisch, wenn innerhalb von zwölf Monaten keine Ware bei der Noweda bestellt wurde. Bereits nach sechs Monaten ist ein Ausschluss möglich. Außerdem bekommen Mitglieder, die pro Apotheke weniger als 360.000 Euro Umsatz bei der Noweda machen, zukünftig eine reduzierte Dividende ausbezahlt.

Außerdem hat die Satzung nun eine Präambel, in der die Ziele der Noweda eindeutig formuliert sind. Ein Passus, dass es Aufgabe und Verpflichtung der Noweda sei, gegenüber „Politik, Wirtschaft, Kostenträgern und Gesellschaft“ für die inhabergeführte Apotheke einzutreten, wurde aus dem Neuentwurf allerdings wieder gestrichen. Es war moniert worden, dass man diesen Eigenanspruch so verstehen könnte, als ob die Noweda Aufgaben der Apothekerverbände übernehmen wolle. Dem sei nicht so, betonte Lempka, weshalb Aufsichtsrat und Vorstand gemeinsam dafür plädierten, diesen und einen weiteren Satz, der einen politischen Vertretungsanspruch andeutete, zu streichen. Mit diesen Änderungen wurde die neue Satzung mit großer Mehrheit verabschiedet.

Harte Kritik an den ­Krankenkassen

Hart ins Gericht mit den gesetzlichen Krankenkassen ging der designierte Noweda-Vorstandsvorsitzende Michael P. Kuck, der zum Jahreswechsel Hollmanns Posten übernehmen wird. Er warf den Kassen vor, ihre zentrale Aufgabe – sich um die Gesundheit ihrer Versicherten zu kümmern – zu vernachlässigen. Lieber befasse sie sich mit der Erkundung immer neuer Sparmöglichkeiten. Er frage sich, ob das Führungspersonal „jegliches Gespür für angemessenes Verhalten verloren“ habe und was in ihren Köpfen vorgehe, wenn sie die Apotheken, die Tag für Tag und manche Nacht die Versorgung der Versicherten garantieren, immer weniger als Partner und dafür als lästigen Kostenfaktor behandelten.

Besonders verärgert ist Kuck über die Anforderung mancher Kasse, bei Nichtlieferbarkeit einen Nachweis von zwei Großhändlern zu verlangen. Das läuft dem Ansinnen der Noweda zuwider, für ihre Mitglieder möglichst der einzige Großhändler zu sein. Kuck zeigte sich in diesem Punkt unnachgiebig. Namentlich der AOK Rheinland/Hamburg drohte er Schadenersatzklagen an, falls diese Forderung dazu führe, dass Umsätze von der Noweda weg und hin zu anderen Großhändlern gingen.

Selbstverpflichtung der Noweda

Auch an den Arzneimittel-Lieferengpässen ist für Kuck die Sparpolitik der Krankenkassen mitschuldig. Der Pharma-Großhandel – „und leider auch die eine oder andere Apotheke“ – nutzten zum eigenen Vorteil aus, dass viele Arzneimittel inzwischen in Deutschland billiger zu haben sind als im Ausland. Dadurch würden diese Arzneimittel dann in Deutschland knapp. Die Noweda als apothekereigenes Unternehmen exportiere „anders als andere“ dagegen nicht systematisch knappe Arzneimittel: „Noweda bereichert sich nicht am Preisgefälle und entzieht dem Markt keine dringend benötigten Arzneimittel“, so Kuck. Das werde auch in Zukunft so bleiben, versprach er. Man werde diese Selbstverpflichtung auch den Herstellern mitteilen. Außerdem werde man für jedes knappe, exportgefährdete Arzneimittel bekannt machen, welche Anzahl an Packungen die Industrie geliefert und welche Anzahl an Packungen an Mitglieder und Kunden weitergegeben worden sei. Die anderen deutschen Großhändler forderte Kuck auf, diesem Beispiel zu folgen und sich zur umfassenden Wahrnehmung und Erfüllung ihrer Versorgungsverpflichtung zu bekennen. |

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