Rezension

Psycho-Trojaner und andere Parasiten

Wie man einen Wirt findet und sich in ihm einrichtet

Fressen und Gefressen-Werden sind universale Erscheinungen des Lebens. Irgendwann in der Frühzeit der Evolution überlebte ein Opfer unter glücklichen Umständen in seinem Fressfeind und drehte den Spieß um: Es ließ sich nun von ihm ernähren und wurde zum Parasiten, während der Fressfeind zu seinem Wirt wurde. Solches hat sich auf allen Hauptästen des Stammbaums irdischen Lebens wiederholt, sodass es Parasiten unter den Einzellern, Würmern, Insekten usw. gibt. Gemäß einer großzügigen Interpretation zählen auch Bakterien und Viren dazu.

Das Trojanische Pferd, eine etwa 3000 Jahre alte Erfindung des listenreichen griechischen Helden Odysseus, um durch eine Maskierung eine sonst unüberwindliche Barriere bequem zu passieren, ist als Metapher wieder modern geworden: So kennen wir „Trojaner“ in der Astronomie, in der Informationstechnologie und auch in der Immunologie.

Ektoparasiten wie Mücken, Läuse, Flöhe greifen ihre Opfer ungeschützt an. So schmerzhaft und lästig ihre Bisse auch sind – richtig gefährlich können sie werden, wenn sie zugleich Vektoren von einzelligen Endoparasiten sind, die das Immunsystem überlisten.

Einen „Trojaner-Trick“ – eigentlich ist es ein „Odysseus-Trick“, denn die Trojaner waren die Überrumpelten – wendet z. B. der Pest-Bazillus Yersinia pestis an, nachdem er beim Biss eines Flohs denselben verlassen hat und in die Blutbahn eines Menschen ein­getreten ist. Das Immunsystem macht den Eindringling erstmal unschädlich, indem ein neutrophiler Granulozyt ihn „frisst“. Doch darauf manipuliert der Bazillus diese Fresszelle so, dass sie geschädigt zu sein scheint und nun ihrerseits von einem Makrophagen gefressen wird. In dem Letzteren vermehrt sich der Bazillus. Wenn sich viele infizierte Makrophagen in den Lymphknoten sammeln, kommt es zu schweren Entzündungen und Pestbeulen.

Literaturtipp

Monika Niehaus, Andrea Pfuhl

Die Psycho-Trojaner: Wie Parasiten uns steuern

238 S., 28 s/w Abb. Kart. 24,90 €

ISBN 978-3-7776-2622-2

S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2016

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In ihrem Buch „Die Psycho-Trojaner“ berichten die Biologinnen Monika Niehaus und Andrea Pfuhl insbesondere über Parasiten, Bakterien und Viren, die teils destruktiv, teils funktionell in das Nervensystem eingreifen. Das Gehirn ist vom übrigen Körper durch eine extrem hohe Barriere abgeschirmt; ein im Gehirn nur schwach ausgeprägtes Immunsystem ist die Kehrseite dieses Schutzes. Wenn ein Schädling per „Trojaner-Trick“ diese Barriere überwunden hat und vom Blut in den Liquor übergegangen ist, kann er sein Opfer durch eine allmähliche Neurodestruktion töten, wie es z. B. der Syphilis-Erreger Treponema pallidum vor der Entdeckung des Penicillins häufig getan hat. Andere Eindringlinge fokussieren im Gehirn das limbische System und verändern die Psyche: Das Bornavirus macht schwermütig, und bestimmte Stämme des ­Eiterbakteriums Streptococcus pyo­genes verursachen bei Kindern und ­Jugendlichen das PANDAS-Syndrom mit Zwangshandlungen und Panik­attacken. Insgesamt kann ein gutes Dutzend Mikroorganismen psychiatrische Erkrankungen auslösen.

Fazit: Ein unterhaltsames und zugleich inhaltsreiches Buch, das manche gut bekannte Krankheit aus einem originellen Blickwinkel darstellt und dabei mit Merkwürdigkeiten aus der Kultur- und Medizingeschichte anreichert. |

Dr. Wolfgang Caesar

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